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Hertha kein Prüfstein

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Hier geht es zwischen dem Münchner Serge Gnabry und dem Herthaner Marton Dardai (r.) zur Sache. © AFP GmbH

Diese Hertha war für den FC Bayern kein richtiger Prüfstein. Souverän holen sich die Münchner in Berlin drei Punkte ab und können entspannt die Zwei- Wochen-Winterpause in der Fußball-Bundesliga antreten. Für den Hauptstadtclub kommen danach die wirklich wichtigen Prüfungen.

Der FC Bayern München hat die Berliner Abwehrmauer problemlos geknackt und geht als Tabellenführer mit einem Sechs-Punkte-Polster in die zweite Winterpause der Fußball-Bundesliga. Corentin Tolisso (25. Minute), Thomas Müller (45.), Leroy Sané (74.) und Serge Gnabry (79.) erzielten am Sonntag die Tore zum 4:1 (2:0) des überlegenen Tabellenführers gegen die nach ihrer Derby-Pleite erfolglos auf Schadensbegrenzung ausgerichtete Hertha. Dank mehrerer Paraden von Torwart Alexander Schwolow kassierten die Berliner nicht wie im Hinspiel einen bajuwarischen Fünfer-Pack. Jurgen Ekkelenkamp (80.) gelang der späte Berliner Treffer. »Es macht wirklich Spaß, wieder auf dem Platz zu stehen«, sagte Kimmich bei DAZN: »Wir haben es 90 Minuten kontrolliert.«

Mit den Rückkehrern Lucas Hernandez und Kingsley Coman sowie Sané, der erstmals nach seiner Corona-Infektion in der Startelf war, dominierten die Münchner die gesamte Partie vor 3000 Zuschauern im Olympiastadion. Die Hertha konnte in ihrer derzeit bedenklichen Verfassung die leisen Hoffnungen von Borussia Dortmund als letztem Bayern-Verfolger auf einen Münchner Fehltritt nicht erfüllen. Die Berliner gehen als Tabellen-13. mit nur drei Zählern Vorsprung auf den Relegationsrang in die Zwei-Wochen-Auszeit. Danach muss gegen den VfL Bochum und die SpVgg Greuther Fürth dringend gepunktet werden.

»Wir wollen mutig sein«, hatte Hertha-Trainer Tayfun Korkut gesagt. Das sah bei den Berlinern so aus, dass acht bis neun Spieler in zwei Ketten maximal 30 Meter vor dem eigenen Tor die Räume dicht machen. In der hintersten Kette spielten in Linus Gechter (17) und Marton Dardai (19) nach den Ausfällen von Niklas Stark und Jordan Torunarigha notgedrungen zwei Teenager gegen den Powersturm um Rekordmann Robert Lewandowski. Sané, Serge Gnabry und Co. mussten sich so vorkommen, wie dereinst beim Geduldsspiel mit der deutschen Nationalmannschaft gegen das ultradefensive Liechtenstein.

Die Berliner Abwehr, beim 2:3 im Derby gegen den 1. FC Union am Mittwoch noch bröcklig wie die Mauer in der Stadt im November 1989, war durch diese Korkut-Maßnahme zumindest kurzzeitig solide. Torwart Schwolow parierte zudem gegen Müller (8.), Sané (12.) und Coman (16.). Auf Dauer gutgehen konnte diese Taktik aber nicht.

Bayern-Trainer Julian Nagelsmann blieb gegen die Hertha auch im 13. Duell ungeschlagen. Er konnte rein offensiv denken und beließ es bei Niklas Süle als einzigen permanenten Verteidiger. Joshua Kimmich musste nicht wieder als rechter Verteidiger aushelfen und konnte im Mittelfeld mit ankurbeln. Die Hertha-Angriffe waren überschaubar. Ishak Belfodil (21.) hielt Torwart Manuel Neuer mit einem Kopfball immerhin in Bewegung.

Die Münchner hatten auch zwischen den aus kurzer Distanz erzielten Toren von Tolisso und Müller jede Menge Möglichkeiten. Auch in der zweiten Halbzeit ging das Spiel von Katz (München) und Maus (Berlin) weiter. Sané (47.), Gnabry (49./61.) und Müller (65.) hatten beste Chancen. Den möglichen Anschein von Spannung vergab Vladimir Darida (51.) bei der größten Hertha-Gelegenheit. Sané nutzte den einzigen Schwolow-Patzer zum dritten Tor, Gnabry legte nach, bevor Ekkelenkamp eine Münchner Unaufmerksamkeit nutzte. Die Berliner Fans nahmen es längst ironisch und sangen: »Jetzt geht’s los«.

Zu Beginn sei ein Abstecher in die Welt der Gesellschaftsspiele gestattet, zum Klassiker Monopoly. Da kann es ja schon für eine Menge Frust sorgen, wenn es plötzlich heißt: Zurück auf Los! Ein Zug, der miese Laune macht. Ist schließlich ärgerlich, ständig aufs Neue den beschwerlichen Weg übers Feld vorbei an allerlei gierigen Gegnern gehen zu müssen.

Was das alles mit Fußball und Eintracht Frankfurt zu tun hat? Nun: Der hessische Bundesligist muss sich natürlich nicht mit teuren Übernachtungen oder gar dem Gang ins Kittchen beschäftigen, sehr wohl aber weist die aktuelle sportliche Situation eine Parallele auf. Die Eintracht von Januar 2022 erinnert nämlich derzeit wieder ein Stück weit an die Eintracht aus dem August 2021 - fußballerisch läuft die Kugel zwar flüssiger durch die Reihen als damals, aber eben längst nicht mehr so gut wie noch in den Partien vor Weihnachten. So lautet das Frankfurter Motto in diesen Tagen auch irgendwie: Zurück auf Los!

Von neun möglichen Zählern in diesem Jahr aus den Partien gegen Dortmund, Augsburg und Bielefeld sammelten die Hessen einen. Das ist, und das sind die Fakten, schlechter als zu Saisonbeginn, als den Frankfurtern in eben jenen Paarungen zwei Punkte gelangen. Schon damals zu wenig. »Wir sind mit dem Rückrundenstart nicht zufrieden, hätten gegen Dortmund und Augsburg gewinnen können, vielleicht gewinnen müssen, und haben gegen Bielefeld keine gute Leistung abgerufen«, sagt Sportvorstand Markus Krösche: »Von daher ist das für unsere Ansprüche zu wenig.«

Die Ansprüche in Frankfurt sind gestiegen nach dem Aufschwung im Herbst und zum Ausklang des vergangenen Jahres. Alles für den Einzug in den Europapokal wolle man tun, hieß es. Mit 28 Punkten auf dem Konto ist das Erreichen dieses Ziels natürlich weiterhin möglich, die Saison ist noch sehr lange, erste Chancen aber, sich oben festzubeißen, sind vergeigt.

Durch Abwehrböcke und Chancenwucher bringen sich die Hessen in Nöte, die nicht nötig wären. Nach der 0:2-Pleite am Freitag gegen Bielefeld attestierte Eintracht-Trainer Oliver Glasner seiner Truppe ein »teilweise stümperhaftes« Defensivverhalten, manch Spieler habe »Sicherheitsabstand« gewahrt. Dazu habe im Angriffsspiel ein »Mangel an Effizienz« geherrscht, so der Trainer. Selbst hatte Glasner mit der Startelfnominierung des an diesem Abend überforderten Martin Hinteregger anstelle des spielstärkeren Makoto Hasebe eine Fehlentscheidung getroffen.

Der hohe Ballbesitzanteil gegen die Arminia (64 Prozent) verpuffte, es gab zu viele vermeidbare Ballverluste. Und schaffte es die Kugel doch bis in den Strafraum, hauptsächlich nach Flanken von Filip Kostic (13 Stück), war das Zentrum zu mager besetzt. Dazu verschoss Stürmer Rafael Borré klarste Tormöglichkeiten, symptomatisch sein Fehlversuch frei vor Bielefelds Schlussmann Stefan Ortega in der Nachspielzeit. Der Eindruck, die Hessen hätten noch drei Stunden weiterspielen können und es wäre ihnen kein Treffer gelungen, drängte sich nicht umsonst auf. »Ich bin schon deutlich verärgert, weil die Niederlage einfach unnötig war, weil wir von Anfang an keine Konsequenz im Verteidigen hatten, zu einfache Gegentore bekommen und unsere Chancen nicht genutzt haben«, richtet Sportchef Krösche klare Worte ans Team. Das Missverhältnis von Torabschlüssen (17) und Toren (0) war in der Tat eklatant und bereits in Augsburg und gegen Dortmund eine Schwäche.

Immerhin: Eine Schwäche, an der sich arbeiten lässt. So hätten sich die Frankfurter einerseits sicher gewünscht, deutlich weiter, gefestigter, besser zu sein in dieser Saisonphase, nicht mehr manch Mangel vom Rundenbeginn auch jetzt noch in ihrem Spiel vorzufinden. Andererseits haben sie es schon ja mal hinbekommen, die Leistungen zu verbessern. Die Rückkehr zu stabileren, erfolgreicheren Auftritten scheint nicht weit entfernt. Er sei daher nicht beunruhigt, strahlt der Trainer Zuversicht aus, schließlich habe sein Team in dieser Runde schon andere, schwierige Situationen gemeistert. Auch sei das jetzt »über weite Strecken deutlich besser als in der Hinrunde«.

So nervig es für die Beteiligten auch sein dürfte, die nun anstehende Zwei-Wochen-Spielpause mit einer Niederlage in den Köpfen bestreiten zu müssen, so bietet die in Europa kaum genutzte Länderspielperiode immerhin die Option, konzentriert an den Problemen zu arbeiten. Nur drei Eintracht-Profis (Borré, Hrustic, Barkok) sind auf Reisen, der restliche Kader kann sich unter die Fittiche von Coach Glasner begeben. Der sagt: »Wir haben uns den Start ins Jahr anders vorgestellt. Jetzt haben wir aber zwei Wochen Zeit, um nüchtern die Fehler zu analysieren, die Ärmel hochzukrempeln und Gas zu geben.« Heißt: Zurück auf Los!

D. Schmitt/T. Kilchenstein

(sid). Die Sieglos-Serie geht weiter, der Druck auf Trainer Florian Kohfeldt steigt: Der VfL Wolfsburg hat die nächste bittere Pleite im Bundesliga-Abstiegskampf kassiert. Beim Vizemeister RB Leipzig verloren die lange tapfer kämpfenden Wölfe am Sonntag mit 0:2 (0:0). Damit blieb der VfL auch im elften Pflichtspiel nacheinander ohne Erfolg.

Willi Orban (76.) und Josko Gvardiol (84., nach Videobeweis) an seinem 20. Geburtstag trafen für Leipzig vor 1000 Zuschauern in der Red Bull Arena. Mit nun 21 Punkten hat Wolfsburg in der Tabelle nur zwei Zähler Vorsprung auf den Relegationsplatz 16, den aktuell der FC Augsburg belegt. Leipzig, das die vergangenen drei Ligaspiele gewann, hielt Tuchfühlung zur Königsklasse. Die Sachsen sind mit 31 Punkten Sechster und haben drei Zähler Rückstand auf den angepeilten Champions-League-Rang vier.

»Wir wollen gemeinschaftlich durch diese Phase gehen«, sagte Sportdirektor Marcel Schäfer bei DAZN und bestätigte: Beim nächsten Spiel in zwei Wochen gegen Aufsteiger Greuther Fürth wird Kohfeldt auf der Trainerbank sitzen. »Es ist eine unfassbar schwierige Phase für uns«, gab Schäfer zu.

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Unzufriedene Frankfurter (v. l.): Kevin Trapp, Filip Kostic und Makoto Hasebe. © DPA Deutsche Presseagentur
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Der Leipziger Willi Orban jubelt nach seinem Treffer zur 1:0-Führung. © DPA Deutsche Presseagentur

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