Immer noch nah dran an der Formel 1: Bernie Ecclestone (r.), der heute 90 wird, im Austausch mit Sebastian Vettel. FOTO: DPA
+
Immer noch nah dran an der Formel 1: Bernie Ecclestone (r.), der heute 90 wird, im Austausch mit Sebastian Vettel. FOTO: DPA

Der "Herr der Räder"

  • vonSID
    schließen

Er war der Pate der Formel 1, machte aus der Rennserie ein milliardenschweres Spektakel und sorgte immer wieder für Skandale - heute wird der Strippenzieher Bernie Ecclestone 90 Jahre alt.

Viagra? Kein Thema für einen Bernie Ecclestone. "Ob ich irgendwas nehme? Nein!", sagte der ehemalige Strippenzieher, Macher und große kleine Mann der Formel 1 vor seinem 90. Geburtstag: "Fabiana gibt mir ein paar Tabletten - Vitamin D, ich aber nehme sonst nichts."

Und so genießt Ecclestone, nicht ganz freiwillig in PS-Rente, derzeit quietschfidel das Leben. Mit seiner dritten Frau Fabiana Flosi residiert er auf seiner riesigen Ranch in der Nähe von Sao Paulo. Mittlerweile krabbelt auch sein erster Sohn Ace über das Anwesen, weiterer Nachwuchs nicht ausgeschlossen. "Ich glaube nicht, dass wir hier aufhören. Vielleicht sollte er noch einen Bruder oder eine Schwester bekommen", sagte Ecclestone, der sich zu seinem Geburtstag am heutigen Mittwoch ganz auf das Familienleben konzentrieren kann.

Denn im Milliarden-Zirkus der Formel 1, den er erschuf, hat "Mr. E" längst nichts mehr zu sagen. Eigentlich unvorstellbar. Doch Anfang 2017 wurde er an der Spitze der Königsklasse von den neuen Besitzern abgesetzt, eine Schmach für den Briten, der sich von ganz unten nach ganz oben gearbeitet hat. Und seitdem stichelt der nur 1,59 m große Ecclestone aus der Ferne gegen seine Nachfolger, die angeblich sein Lebenswerk nur unzureichend pflegen.

40 Jahre lang war Ecclestone der unumstrittene Chef, es wurde gemacht, was er sagte, aus der Schrauber-Serie formte er einen Premiumsport mit Milliardenumsätzen. Ecclestone, der aus einfachsten Verhältnissen stammt, war unantastbar. An dem umstrittenen Strippenzieher perlten alle Skandale und Vorwürfe ab. Selbst die Anklage wegen Anstiftung zur Untreue und Bestechung in besonders schwerem Fall vor der deutschen Justiz 2014 konnte ihm nichts anhaben. Ecclestone zahlte 100 Millionen Dollar, bei einem Vermögen von 3,3 Milliarden US-Dollar ein Kleckerbetrag - das Verfahren wurde eingestellt.

Aus seinen extravaganten Geschäftsmethoden hat der ehemalige Gebrauchtwagenhändler Ecclestone nie einen Hehl gemacht. "Wir sind nicht so etwas wie die Mafia, wir sind die Mafia", sagte der ehemalige Formel-1-Pate einst. Er hielt in der Rennserie seit den 1970er Jahren alle Fäden in der Hand und verwandelte den PS-Zirkus in ein milliardenschweres Unternehmen und eine der profitabelsten Sportveranstaltungen der Welt. Ein freiwilliger Rücktritt kam für ihn nie infrage: "Ich denke, wenn die Leute 100 Jahre alt werden, dann sollten sie anfangen, über die Pension nachzudenken."

Im Fahrerlager war und ist Ecclestone noch immer beliebt, er machte viele Menschen in der Formel 1 zu Millionären, fast alle schätzten ihn für seine Arbeit. Der Gegenwind wurde in den vergangenen Jahren zwar schärfer, aber egal ob peinliche Aussagen über Adolf Hitler und Saddam Hussein oder ein drohender Prozess, nachhaltig konnte ihm kein Skandal schaden. Ecclestone lächelte meistens alles einfach weg. Jüngst legte sich Weltmeister Lewis Hamilton in der Rassismus-Debatte öffentlichkeitswirksam mit ihm an, bezeichnete Ecclestone als "ignorant und ungebildet".

Doch die Formel 1 brauchte Ecclestone lange Zeit ebenso sehr wie Ecclestone die Formel 1 brauchte. Denn der "Herr der Räder", der schon in der Schule Bleistifte und Radiergummis an seine Mitschüler verhökerte, schaffte immer wieder frisches Geld ran. Ohne Ecclestone wäre die moderne Formel 1 undenkbar. Mit 90 Jahren genießt er jetzt nur noch das Leben - wenn auch nicht ganz freiwillig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare