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Regionalligist Rot-Weiss Essen um Trainer Christian Neidhart träumt vor dem Spiel gegen Holstein Kiel vom DFB-Pokal-Halbfinale.

Günstige Gelegenheit

(sid). Nur noch drei Siege, dann hätte Julian Nagelsmann endlich »etwas Blechernes« in den Händen. Auch wenn das Meisterschaftsrennen in der Bundesliga noch völlig offen ist, stehen gerade im DFB-Pokal die Chancen für den Trainer von RB Leipzig so günstig wie selten. Schließlich ist dort der große FC Bayern schon raus. Doch im Viertelfinale der besten Teams hinter dem Rekordmeister will auch der VfL Wolfsburg seine Titelträume am Leben erhalten.

Über all die möglichen Pokale, die er in dieser Saison noch gewinnen könnte, wollte Nagelsmann daher zunächst nicht zu ausgiebig sinnieren. »Ich habe mal gelernt, dass man erst den Weg gehen muss, bevor man am Ziel ist. Deswegen gehen wir jetzt erstmal den Weg und schauen, dass wir das Ziel finden«, sagte er vor dem schweren Duell am heutigen Mittwoch (20.45 Uhr/ARD und Sky) gegen die hungrigen Wölfe. Nagelsmanns Ziel - zumindest langfristig - sind aber Titel. Das hatte er schon bei seinem Amtsantritt 2019 klargemacht, als er bekundete, gerne mit RB einmal »etwas Blechernes« in die Luft stemmen zu wollen. In dieser Saison, in Nagelsmanns zweitem Jahr in Leipzig, ist die Ausgangslage dafür beinahe ideal. Zwei Punkte liegt RB in der Liga nur hinter Tabellenführer Bayern München, der im Pokal schon früh ausgeschieden war und somit nicht mehr im Kampf um das Finale am 13. Mai im Berliner Olympiastadion im Weg steht.

Leicht wird der Weg dorthin trotzdem nicht. Mit Wolfsburg wartet in der Runde der letzten Acht die beste Abwehr Deutschlands (19 Gegentore), die seit 666 Minuten in der Liga keinen Treffer mehr kassiert hat. Eine Mauertaktik ist von Wolfsburg aber trotz der Defensivstärke in Leipzig kaum zu erwarten. »Wenn man beide Mannschaften sieht, ist es nicht so, dass sie sich am eigenen Strafraum verbarrikadieren«, sagte VfL-Trainer Oliver Glasner. Folglich erwarte er »ein Spiel, in dem jede Mannschaft nach vorne spielt«. Denn auch Wolfsburg sieht in einem Wettbewerb, in dem der FC Bayern nicht mehr vertreten ist, die einzigartige Gelegenheit auf den zweiten Pokalsieg seit 2015. In den vergangenen beiden Spielzeiten war der VfL zweimal an RB (1:6/2. Runde und 0:1/Achtelfinale) gescheitert. Ein drittes Mal soll es das nicht geben.

Regionalligist hofft auf Quantensprung

Auch für Rot-Weiss Essen geht es im Pokal um sehr viel. Sportlich winkt der größte Erfolg seit 27 Jahren, finanziell gar ein »exorbitanter Quantensprung« - der Einzug ins Halbfinale wäre ein Stück Vereinsgeschichte für den Regionalligisten. Und im Weg steht heute (18.30 Uhr/Sky) »nur« ein Zweitligist - Holstein Kiel, aber immerhin der Bayern-Bezwinger, kommt in den Pott. Fühlt sich das für den Favoritenschreck nicht beinahe einfach an? Trainer Christian Neidhart muss schmunzeln angesichts dieser Frage. »Wir sind der klare Underdog, auch gegen Kiel krasser Außenseiter«, sagt der 52-Jährige. Und lässt dann doch durchblicken, dass man in Essen ziemlich zufrieden ist mit diesem Los. »Wir wollten nicht unbedingt gegen Dortmund oder Leipzig spielen«, sagt Neidhart, »aber Kiel spielt sicher auch lieber gegen Essen als gegen einen von denen. Für beide Klubs ist das ein Toplos.« Und Rot-Weiss hat ja gezeigt, was möglich ist für einen unterklassigen Klub. Bundesligist Arminia Bielefeld stolperte in der ersten Runde über den Außenseiter, dann war Zweitligist Fortuna Düsseldorf dran, im Achtelfinale Bayer Leverkusen.

Für Klubchef Marcus Uhlig würde sich allein die wirtschaftliche Situation durch ein Weiterkommen völlig verändern: »Für uns wäre das Geld nicht nur ein Beiwerk wie vielleicht für einen Erstligisten. Es wäre für Rot-Weiss Essen ein exorbitanter Quantensprung.« Etwa zwei Millionen Euro hat der Klub in dieser Pokalsaison bereits verdient, weitere zwei Millionen würde ein Sieg heute bringen. Vor allem wegen dieser Einnahmen kommt Essen bislang ordentlich durch die Coronakrise.

Mehr als ein Jahr lang hatte Essen kein Pflichtspiel verloren, ausgerechnet am Freitag endete diese Serie nach 391 Tagen gegen die zweite Mannschaft von Fortuna Düsseldorf (0:3). Uhlig sagt: »Es war doch klar, dass der Tag der ersten Niederlage kommen wird.« Man habe nun ja die Gelegenheit, eine neue Serie zu starten. Und dann wäre sogar das Finale nicht mehr fern. »Jeder von uns träumt ein bisschen von Berlin«, sagte Top-Stürmer Simon Engelmann.

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