Gerd Müller jubelt 1974 mit Bundestrainer Helmut Schön (l.) über den Sieg im WM-Finale gegen die Niederlande, unten rechts Gerd Müller (l.) und Uli Hoeneß im Jahre 1973, unten links mit Ehefrau Uschi beim Festakt "100 Jahre FC Bayern München" im Jahre 2000. FOTOS: DPA
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Gerd Müller jubelt 1974 mit Bundestrainer Helmut Schön (l.) über den Sieg im WM-Finale gegen die Niederlande, unten rechts Gerd Müller (l.) und Uli Hoeneß im Jahre 1973, unten links mit Ehefrau Uschi beim Festakt "100 Jahre FC Bayern München" im Jahre 2000. FOTOS: DPA

Der größte aller Torjäger

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Er war der Bomber der Nation, der phänomenalste Torjäger, den Fußball-Deutschland je hervorgebracht hat: Gerd Müller, der sage und schreibe 365 Bundesliga-Tore für den FC Bayern München geschossen hat, wurde heute vor 75 Jahren geboren.

Gerd Müller ist untrennbar mit Bayern München verbunden, aber auch mit der Nationalmannschaft und dem WM-Titelgewinn 1974. Wir haben uns mit Müllers früherem Sturmpartner Uli Hoeneß (68) über den legendären Angreifer unterhalten, den ein trauriges Schicksal ereilt hat: Seit fünf Jahren ist Gerd Müller wegen einer Demenzerkrankung in einem Pflegeheim untergebracht.

Uli Hoeneß, Sie kamen 1970 als 18-jähriger Fußballlehrling zum FC Bayern. Gerd Müller, Torschützenkönig der WM 1970 in Mexiko, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Weltstar. Wie war Ihre erste Begegnung mit dem damaligen Nationalhelden?

Die Nationalspieler kamen ja erst später ins Trainingslager in der Sporthochschule Grünwald, weil sie zuvor noch bei der WM in Mexiko im Einsatz waren. Als dann Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Sepp Maier auftauchten, war ich sehr aufgeregt und habe mir gedacht: "Jetzt kommen die großen Stars, die du vorher im Fernsehen bei der WM gesehen hast." Und ich habe mich gefragt: "Sagst du jetzt Herr Müller? Herr Beckenbauer? Herr Maier?" Gerd hat da aber gleich gesagt: "Spinnst du, hör auf, ich bin der Gerd."

Für viele war der Fußballer Gerd Müller ja ein Rätsel. Denn er war nicht besonders schnell, hatte kein Dribbling, eher wenig Ausdauer, war im Kopfball nur bei halbhohen Flanken stark, er hatte zwar einen guten, aber keinen überragenden Schuss. Und dennoch war er der weltbeste Stürmer. Wie ist das zu erklären?

Das ganz Besondere an ihm war sein unglaublicher Torins-tinkt. Robert Lewandowski zum Beispiel ist sicher ein super Stürmer, und es kann sogar sein, dass er in dieser Saison Gerds Bundesligarekord von 40 Toren bricht. Aber er schießt keine Tore wie Gerd mit dem Schienbein, der Brust oder mit dem Knie. Gerd war das völlig wurscht, wie er den Ball reinkriegt. Der musste nur irgendwie über die Linie. Robert ballert die Dinger ins Netz, beim Gerd blieb der Ball oft nur Zentimeter hinter der Torlinie liegen.

Sein Aktionsradius konzentrierte sich dabei ganz auf den Strafraum.

Es war seine große Fähigkeit, im Strafraum mit dem Ball umzugehen. Wenn ich nicht mehr weiterwusste, dann habe ich den Ball einfach dem Gerd gegeben. Ihn konntest du immer blind anspielen, er konnte mit dem Ball immer was anfangen. Es war unheimlich schwer, ihm den Ball abzunehmen. Wenn Gerd zum Beispiel im Training wieder einmal drei, vier Tore gegen unsere Mannschaft geschossen hat, dann haben Paul Breitner und ich manchmal gesagt: "So, jetzt decken wir mal den Gerd zusammen." Dann sind wir in den Strafraum: Der eine lag rechts von Gerd auf dem Hosenboden, der andere links - und der Ball war im Tor.

Zum geflügelten Wort wurde damals Müllers Torhunger ...

In seiner Vorstellung vom Fußball gab es nur eines: Tore. Tore waren für ihn alles. Udo Lattek hat im Training immer Alt gegen Jung gespielt, und da mussten wir immer so lange spielen, bis die Mannschaft von Gerd Müller gewonnen und er seine Tore gemacht hat. Das hat manchmal zwei Stunden gedauert. Typisch ist auch folgende Geschichte: 1972, Einweihung des Olympia-Stadions, Länderspiel Deutschland gegen UdSSR. Ich dribble den gegnerischen Torwart aus und will im Fünfmeterraum den Ball elegant ins leere Tor schießen... Auf einmal kommt jemand von hinten, grätscht mich um. Ich lieg im Tor, der Ball liegt im Tor - Torschütze Gerd Müller. Der hat mich einfach von hinten mit dem Ball ins Tor gehauen. Da war ich schon ein bisserl sauer. Und trotzdem konnte ich ihm letztlich nicht böse sein. Das war einfach sein Elexier. Er wollte unbedingt Tore schießen.

Müller und Sie sind in kurzer Zeit zu einem der besten Stürmer-Duos der deutschen Fußballgeschichte zusammengewachsen, gewannen dreimal den Landesmeister-Cup, wurden Welt- und Europameister. Sie waren über Jahre der Mann an Müllers Seite. Warum hat dieses Teamwork so gut funktioniert?

Ich hatte Fähigkeiten, die Gerd nicht hatte. Ich war schnell, konnte dribbeln. Und mir war klar, dass ich Gerd zuliefern musste. Diese Rolle habe ich immer akzeptiert. Wenn ich alle ausgespielt hatte und ich frei zum Schuss kam, dann hab ich - sofern sich die Gelegenheit ergab - den Ball trotzdem zum Gerd quer gespielt. Weil für ihn war das Tor wichtig, für mich nicht.

Es gibt da ein Foto, das 1974 nach dem mit 4:0 gewonnenen Europacup-Finale gegen Atletico Madrid aufgenommen wurde. Sie sind da Arm in Arm mit Müller zu sehen - und strahlen tiefste Seligkeit aus. Können Sie sich noch erinnern?

Natürlich. Sogar ganz genau. Dieser Tag war der Höhepunkt in meiner sportlichen Karriere. Wenn ich Glücklichsein beschreiben müsste, dann mit dem Gefühl, das ich damals hatte. Es war ja das Wiederholungsspiel nach dem 1:1 im ersten Finale, wo wir grottenschlecht gespielt haben. Gerettet hatte uns der Katsche Schwarzenbeck in der 120. Minute. Der hatte als Verteidiger bei uns eigentlich Schussverbot. Und dann haut der aus 30 Metern drauf und macht das Ding. Nur: Nach dem Spiel waren wir total kaputt. Wir haben dann am Tag vor dem Wiederholungsspiel auf einem kleinen Platz hinter dem Hotel trainiert. Da waren wir völlig platt und sind rumgekrochen, wenn das einer gesehen hätte, hätte er am nächsten Tag keinen Pfifferling auf uns gesetzt. Und trotzdem haben wir dann eines der besten Spiele in der Geschichte des FC Bayern geliefert. Wobei Gerd zwei Tore machte - und ich die anderen beiden. Es gibt keinen Sieg, über den ich mich mehr gefreut habe als über dieses 4:0. Wir sind ja dem Tod von der Schippe gesprungen - und haben dann ein Spiel wie aus dem Lehrbuch geboten. Gerd ist dabei übrigens auch ein sagenhafter Lupfer ins entfernte Eck gelungen - den hätte ich mich nie getraut.

Gerd Müller hat alle Tor-rekorde gebrochen, hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt, er war ein Superstar - und dennoch hat er sich nie wie ein solcher benommen ...

Im Gegenteil. Gerd hat sich immer im Hintergrund gehalten. Er hat sich in dieser Glitzerwelt nicht wohlgefühlt. Das Einzige, was er sich als Luxus auch geleistet hat, war einer dieser riesigen Wahnsinns-Pelzmäntel, die damals viele von uns beim FC Bayern hatten. Sepp Maier hat damit angefangen, dann Franz Beckenbauer, ich hab mir einen kanadischen Wolfspelz gekauft. Da hab ich ausgeschaut wie Schwarzenegger in seiner besten Zeit. Das war völlig gaga, so was würden wir alle heute nie mehr machen, aber es waren halt andere Zeiten. Gerd zog schließlich mit einem kanadischen Fuchs nach. Dass wir ihn so weit gebracht hatten, da mitzumachen, das war ein Weltwunder. Der Gerd ist ja 98,5 Prozent seines Lebens in Trainingskleidung herumgelaufen.

Für den FC Bayern waren seine Tore ja der Schlüssel zur großen Ära der 70er Jahre.

Genau. Zwei Spieler haben aus dieser tollen Mannschaft herausgeragt: Gerd und Franz Beckenbauer. Die waren unbezahlbar und sportlich nicht zu ersetzen.

Was halten Sie von der These, dass der FC Bayern ohne Gerd Müllers Tore nicht der Verein wäre, der er jetzt ist.

Das ist auf jeden Fall so. Ohne Gerd wäre es zu 100 Prozent anders gekommen. Der FC Bayern weiß sehr genau, wie wichtig Gerd Müller für diesen Verein war. Wir werden ihm alle immer aus tiefstem Herzen dankbar sein.

2014 wurde festgestellt, dass Gerd Müller an Demenz leidet, seit fünf Jahren befindet er sich in einem Pflegeheim. Wie ergeht es Ihnen, wenn Sie Ihren früheren Weggefährten als Schwerkranken erleben?

Ich hatte so viele unendlich schöne Erlebnisse mit Gerd, und ich denke, die Fußball-Fans verbinden mit ihm ebenfalls die schönsten Bilder und Erinnerungen. Genau so wird er uns allen, ehemaligen Mitspielern wie den Freunden dieses wunderbaren Spiels, immer im Gedächtnis bleiben: Als der großartige Stürmer, der er war, zudem als großartiger Kamerad und als großartiger, feiner, toller Mensch: Stets bescheiden, immer für jeden ein nettes Wort, ein guter Kerl durch und durch.

War während der Coronakrise überhaupt noch ein Kontakt möglich?

Nein, aktuell können wir ihn nicht besuchen. Bei ihm - und das jeden Tag - ist aber seine Frau Uschi, die sich unglaublich um ihn kümmert. An seinem Schicksal nehmen viele Menschen großen Anteil. Ich werde von allen Seiten immer wieder gefragt, wie es ihm gehe. Und da merkt man auch, dass Gerd einer der wenigen Menschen ist, der keine Feinde hat. Ich kenne keinen wie ihn: Über Gerd sagt niemand jemals etwas Schlechtes.

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