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Paralympics-Siegerin Franziska Liebhardt ist eine Corona-Hochrisikopatientin. FOTO: DPA

Ein Gesicht der Risikogruppe

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(sid). Eines will Franziska Liebhardt auf keinen Fall: bedauert werden. Sie sei "nämlich ganz zufrieden" mit ihrem Leben, "mit all seinen Höhen und Tiefen". Als "Opfer" sehe sie sich deshalb keineswegs. Dabei ist die Situation für die schwer erkrankte Paralympics-Siegerin von 2016 kritisch, in Zeiten von Corona noch viel mehr.

Die 38-Jährige wartet nach einem chronischen Transplantatversagen der Lunge erneut auf ein Spenderorgan. Seit sechs Monaten sei sie "so stark eingeschränkt, dass ich nun wieder auf der Warteliste für eine sogenannte Retransplantation stehe", erzählt Liebhardt. Ob sich ihre Aussichten angesichts der Corona-Pandemie verschlechtern, darüber will sie nicht spekulieren. Eines ist aber klar. "Corona verschlimmert meine persönliche Situation insofern, dass ich natürlich als Hochrisikopatientin gelte. Eine Infektion mit dem Virus würde mich, wegen der schweren Vorschädigung meiner Lunge, mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben kosten", sagt die gebürtige Berlinerin. Die Tage in Schutzquarantäne zu Hause in Würzburg empfindet sie aber "eher als Herausforderung denn als Belastung". Liebhardt strahlt Lebensmut aus, sie ist eine Kämpferin, geprägt durch den Sport. Der habe sie vor allem gelehrt: "Um Erfolg zu haben, braucht man Disziplin, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit, nach Rückschlägen immer wieder schnell nach vorne zu blicken. Der Kampf in der sportlichen Arena und der Kampf um das Leben in einer schwierigen Situation sind sich da ganz ähnlich." Deshalb sei sie auch zuversichtlich, "die Situation zu einem guten Ende bringen zu können". Sie habe sich schließlich auch in den letzten 15 Jahren von ihrer schweren Erkrankung "nicht unterkriegen lassen", betont Liebhardt. 2005 war bei der früheren Volleyballerin eine systemische Autoimmunerkrankung festgestellt worden. Die lebensbedrohliche Entwicklung machte 2009 eine Lungen- und 2012 eine Nierentransplantation notwendig. Dazu kam eine spastische Lähmung der rechten Körperseite. 2014 begann Liebhardt, die als Physiotherapeutin auf die Neuro- und Sozialpädiatrie spezialisiert ist, bei Bayer Leverkusen unter der früheren Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius mit professionellem Training.

In Rio 2016 erfüllte sie sich mit Gold im Kugelstoßen und Silber im Weitsprung ihren Traum - und bewegte damit viele Menschen. Das sei für ihn "der mit Abstand emotionalste Moment" gewesen, sagte etwa Paralympics-Sieger Markus Rehm: "Als ich Franziska Liebhardt mit der Goldmedaille um den Hals im TV-Studio sitzen sah, kamen mir die Tränen."

Es sind diese Momente, die Liebhardt nun auch im Alltag mit Corona die Kraft und den Mut geben. Dass immer noch Menschen das Virus verharmlosen, kann die gebürtige Berlinerin, die ihre Karriere 2016 beendete, nicht nachvollziehen. "Ich ärgere mich über den Egoismus mancher Menschen, die in dieser Krise nur an sich selbst denken", betont sie. Sie tue das nicht: Sie versuche vielmehr, "den Risikogruppen ein Gesicht zu geben, weil ich glaube, dass die Menschen mit einem konkreten Bild im Kopf mehr Verständnis dafür aufbringen können".

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