Live-Tennis mit Dustin Brown in Höhr-Grenzhausen - ein erster kleiner Schritt zurück zu einer Normalität im Tennis. FOTO: DPA
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Live-Tennis mit Dustin Brown in Höhr-Grenzhausen - ein erster kleiner Schritt zurück zu einer Normalität im Tennis. FOTO: DPA

Geistertennis im Kannenbäckerland

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(sid). Boris Becker warnt aus dem Londoner Lockdown vor der großen Tennis-Krise. Doch fernab von Gras und Glamour Wimbledons, in der beschaulichen Gemeinde Höhr-Grenzhausen im Westerwald, ist am Tag der Arbeit der erste Aufschlag zu einer neuen Normalität erfolgt. Unter strengen Schutzmaßnahmen wird seit Freitag auf Asche professionelles "Geistertennis" gespielt - und es ist gar nicht mal so schlimm.

"War cool, eigentlich", sagte Yannick Hanfmann nach seinem ersten Match ohne Zuschauer in einer recht trostlosen Dreifach-Halle. "Ein bisschen strange, ja. Aber schön, wieder da zu sein. Endlich!"

Das Keramikstädtchen im "Kannenbäckerland" bewirbt zwar stolz die einzige Burg Deutschlands mit dreieckigem Bergfried, der heimische TTC Zugbrücke war in den 80ern Europapokalsieger im Tischtennis. Aber dass sogar CNN, die New York Times und ESPN berichten: Das ist neu.

Es ist gerechtfertigt. Höhr-Grenzhausen gibt den Vorreiter einer vorsichtigen Öffnung. Die Tennis-Base hat ein Schauturnier mit acht deutschen Teilnehmern auf die Beine gestellt, Hanfmann ist mit seiner Weltranglistenposition 143 der Beste unter ihnen. Am Freitag ging er mit Mund-Nasen-Maske auf den Platz, am Netz musste nach dem Matchball eine Verbeugung vor dem Verlierer reichen: Händeschütteln ist strengstens verboten.

"Wir sind auf Abstand, überall steht Desinfektionsmittel. Am Morgen war sogar die Polizei da und hat noch mal alles gecheckt", berichtete Hanfmann. Allein der Schiedsrichter auf seinem Hochstuhl durfte mit den Spielern auf den Platz, es gab weder Zuschauer noch Ballkinder. "Es war wie ein Trainingsmatch mit einem Kumpel", sagte der 28-Jährige. Aber es war Tennis.

Boris Becker würde das wohl gefallen. Hanfmann, der ein paar Hundert Euro mit dem "Turnierchen" verdient, gehört genau zu jener Kategorie Spieler, um die sich der dreimalige Wimbledonsieger mächtig sorgt.

"Wir stecken in der Krise. Abgesehen von den Top 50 oder 75 bei Männern und Frauen brauchen die Spielerinnen und Spieler Woche für Woche ihre Preisgelder", sagte Becker in einem Interview bei laureus.com. Hanfmann entgegnet, er könne schon noch die eine oder andere Woche durchhalten - jedoch nicht endlos.

Also ist Kreativität gefragt. Live-Streaming ist eine gute, preiswerte Sache, der Tennis Channel strahlt die Matches aus dem Westerwald allein in den USA an potenziell 62 Millionen Menschen aus. Auch die Wettanbieter freuen sich. Das könnte Zukunft haben, zumindest für die weitere Corona-Zeit.

Großartiges Flair allerdings verbreitet die Übertragung nicht. "Sie könnten Musik einspielen, irgendwie", rufen sich Hanfmann und sein Gegner Johannes Härteis beim Seitenwechsel zu. Wenn der Turnier-Twitteraccount jubelt, Jan Choinski und Florian Broska hätten sich "ein elektrisierendes Duell" geliefert - naja. Geht so.

Am Samstag kam es übrigens zum Spitzenspiel zwischen Hanfmann und Dustin Brown, der einst Rafael Nadal in Wimbledon überrumpelte. Hanfmann behielt mit 4:3 (7:3), 4:0 klar die Oberhand.

Es sind die kleinen Turniere, die den großen Zirkus am Laufen halten. Boris Becker sieht sie akut in ihrer Existenz bedroht: "Es ist eine Frage der Zeit." Allein die Reisebeschränkungen machen international besetzte Events wahrscheinlich noch für Monate zu einem Ding der Unmöglichkeit.

"Nationales Tennis", sagte Hanfmann, "können wir so hinkriegen." Immerhin: ein erster Aufschlag.

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