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Turnerin Sarah Voss setzt auf regelmäßiges Mentaltraining. DPA

Gehirnleistung optimieren

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(dpa). Wenn Sarah Voss (20) abends im Bett liegt und körperlich zur Ruhe kommt, arbeitet es in ihrem Gehirn. Dann geht die Studentin ihre Übungen im Kopf durch und stellt sich vor, wie sie am Stufenbarren ein Flugelement turnt. "Vor dem Schlafengehen gehe ich Übungen wieder und wieder durch", sagt die deutsche Turnmeisterin aus Dormagen. "Und wenn man die Bewegungsvorstellung dann später in der Halle gut umsetzen kann, ist das eine gute Kontrolle und ein schöner Erfolg."

Mentaltraining heißt das Zauberwort - und das nicht nur in Corona-Zeiten, wenn reguläres Training unmöglich ist. Obschon Mentaltraining bei künstlerischen Sportarten wie Turnen, Trampolin, Wasserspringen oder Eiskunstlaufen besonders effektiv ist, bedienen sich immer mehr Athleten der modernen Methode, die gar nicht so neu und weiter verbreitet ist, als man denkt.

"Mentales Training ist für jeden etwas, in allen Formen und für alle Menschen", sagt der Sportpsychologe Moritz Anderten. Der Wissenschaftler arbeitet am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln und hat sich auf dieses Gebiet spezialisiert. Am Olympia-Stützpunkt Rheinland betreut der 38-Jährige Spitzensportler, Kader- und Para-Athleten zahlreicher Sportarten und arbeitet eng mit den Nationalturnerinnen und Cheftrainerin Ulla Koch zusammen. Zudem betreibt er die Plattform "mentaltalente.de", eine sportpsychologische Betreuungsinitiative im Nachwuchsleistungssport.

Im Grunde trainiere jeder Mensch täglich mental, "ohne es zu wissen", erläutert Anderten. "Schon wenn man Selbstgespräche führt oder sich vorstellt, wie man den Stau umfahren kann, ist das mentales Training. Manchmal bewusst, mal unbewusst. Im Spitzensport wird es systematischer und gezielter eingesetzt."

Neben Ski-, Bob- oder Schlittenfahrern, die am Start im Geiste ihren Kurs oder Parcours durchfahren oder sich Schwierigkeiten einprägen, sind auch Motorsportler sehr aktiv in Sachen Mentaltraining. "Viele Formel-1-Fahrer nutzen das intensiv, um neuronale Prozesse und ihre Konzentrationsfähigkeit zu verbessern", sagt Anderten. Die Frage sei immer: Wo macht es Sinn? Was ist zielführend?

"Mentale Stärke spielt im Motorsport eine immer wichtigere Rolle. Nur schnell Auto fahren reicht nicht, wenn man ein Weltklasse-Rennfahrer sein will", sagt Riccardo Ceccarelli, der mit BMW-Werksfahrern in dem Metier arbeitet. Seine Philosophie: "Mentaltraining ist nur dafür da, die Leistung des Gehirns zu optimieren. Viele gehen erst zum Mentaltrainer, wenn sie ein Problem haben und es lösen wollen", erklärt er. Sein Mentaltraining sei aber für "gesunde Topathleten und Toprennfahrer, die kein Problem haben, sondern die Leistung ihres Gehirns noch weiter optimieren wollen."

Sarah Voss erklärt: "Ich schaue mir eine auf Video aufgenommene Übung oder ein Element an. Dann analysieren wir die Bewegung, meist mit der Trainerin zusammen. Und ich versuche, aus den Fehlern zu lernen. Oder ich suche mir einen ruhigen Ort, spule meine Übung im Geiste ab. Meist entspricht sie dann genau dem Zeitraum, die sie real auch dauern würde."

Interessant ist, dass das Gehirn wohl nicht unterscheiden kann, ob man sich eine Bewegung nur vorstellt oder sie wirklich ausübt. Laut Angerten wurden bei Gewichthebern Muskelkontraktionen und Voraktivierungen bei der bloßen Vorstellung, ein Gewicht zu stemmen, nachgewiesen. "Dem Gehirn ist es erst mal egal, ob etwas nur im Kopf stattfindet oder tatsächlich ausgeführt wird", sagt er.

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