Christoph Kramer erlitt im WM-Endspiel 2014 eine Gehirnerschütterung und kann sich bis heute nicht an alles rund um den Zusammenprall und seine Auswechslung erinnern.	FOTO: DPA
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Christoph Kramer erlitt im WM-Endspiel 2014 eine Gehirnerschütterung und kann sich bis heute nicht an alles rund um den Zusammenprall und seine Auswechslung erinnern. FOTO: DPA

Gefahr Gehirnerschütterung

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(dpa). Wie von einem schweren Boxhieb getroffen fliegt Matthias Ginter zurück. Benommen bleibt der Fußball-Nationalspieler nach einem wuchtigen Schuss von Bayerns Leroy Sané liegen, muss behandelt werden. Die Szene beim 3:2 von Borussia Mönchengladbach zum Beginn dieses Jahres beweist, welche Kräfte bei einem Kopftreffer wirken können. Der englische Bundesliga-Kommentator lobt Ginter anschließend für »mutiges Verteidigen«, als TV-Experte scherzt Ex-Nationalspieler Sandro Wagner, Ginter habe nun »ein paar Gehirnzellen weniger«.

Doch abseits von solch saloppen Sprüchen gibt es für die in der Öffentlichkeit lange Zeit unterschätzte Gefahr von Kopfverletzungen im Fußball inzwischen eine erhöhte Sensibilität. Bei der Club-WM in Katar mit dem FC Bayern München wird es deshalb zu einem Novum kommen: Erstmals darf jedes Team in einem internationalen Wettbewerb einen zusätzlichen Spieler bei einer Gehirnerschütterung oder dem Verdacht darauf auswechseln.

»Ein sinnvolles Vorgehen« aus Sicht von Nina Feddermann-Demont, Leiterin des Swiss Concussion Center, Schulthess Klinik in Zürich. »Eine dauerhafte Auswechslung ist die sicherste Lösung für den betroffenen Spieler, weil es sich bei einer Gehirnerschütterung um eine dynamische Verletzung handelt.« Oftmals treten Symptome erst mit einer zeitlichen Verzögerung auf. »Gerade das macht die Diagnostik am Spielfeldrand so schwierig«, sagt Feddermann-Demont.

Insgesamt kommt es Untersuchungen zufolge international in mehr als jedem 20. Spiel zu einer Gehirnerschütterung. »Im Fußball gibt es allerdings deutlich weniger Gehirnerschütterungen als in anderen Kontaktsportarten wie Football, Rugby oder Eishockey«, sagt Feddermann-Demont.

DFL prüft weitere Wechseloptionen

Neurologen nahmen an den Beratungen der Regelhüter des International Football Association Board teil, nach denen diese eine Testphase mit der Option für eine oder zwei zusätzliche Auswechslungen beschloss. Die englische Premier League hatte zuletzt angekündigt, testweise zwei weitere Wechselmöglichkeiten für Fälle von möglichen Kopfverletzungen einführen zu wollen.

Ob es auch zu Tests in den Bundesligen kommen wird, ist noch offen. Bei der Deutschen Fußball-Liga wird sich nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur die Kommission Fußball mit Vertretern der Clubs damit beschäftigen. Im Gegensatz beispielsweise zur englischen Spitzenklasse sind in der Bundesliga wegen der Corona-Pandemie bereits fünf statt der üblichen drei Wechsel erlaubt. Seit der Saison 2019/20 gibt es in den beiden deutschen Topligen zudem ein sogenanntes Baseline-Screening - dabei werden vor der Saison neurologische Tests durchgeführt, um bei akuten Verletzungen die mögliche Abweichung vom gesundheitlichen Normalzustand festzustellen.

Diese Basis hilft, über eine Auswechslung zu entscheiden. Aus Sicht von Ingo Helmich, Neurowissenschaftler von der Sporthochschule Köln, sollte dies durch unabhängige Ärzte geschehen, »da diese unabhängig vom Team, Trainer, Spielstand entscheiden können, ob ein Spieler nach einer möglichen Gehirnerschütterung genauer untersucht und ausgewechselt werden sollte.«

Neurologin Feddermann-Demont plädiert hingegen dafür, die Ausbildung der Teamärzte für die Untersuchung von Kopftraumata zu verbessern und ihnen die Entscheidung über eine Auswechslung zu überlassen. »Das Problem bei unabhängigen Ärzten ist, dass diese die Vorgeschichte des Spielers und möglicherweise vorbestehende Symptome wie Kopfschmerz nicht kennen«, sagte sie. Dazukomme eine Vielzahl an Sprachen im Fußball.

Demenz bei Weltmeistern

Besonders in England gibt es eine Debatte über die möglichen Langfristfolgen des Fußballs. Vergangenes Jahr machte die Frau von Sir Bobby Charlton öffentlich, dass ihr Mann an Demenz erkrankt sei - als bereits fünfter Weltmeister von 1966. Eine Studie der Universität Glasgow hatte 2019 ergeben, dass Ex-Profis ein erhöhtes Risiko haben, an Demenz oder Parkinson zu sterben. Auch wenn keine direkte Verbindung der Erkrankungen zum Köpfen erbracht werden konnte, entschieden sich die Verbände Englands, Schottlands und Nordirlands, Kopfbälle im Training von Kindern unter elf Jahren zu verbieten.

Aufgrund der nicht belegten Kausalität warnte Tim Meyer, Arzt der Nationalteams und Chef der Medizinischen Kommission des Deutschen Fußball-Bundes, dagegen vor einer »Überinterpretation« der Studie und erachtete ein Kopfballverbot für Kinder »nicht für sinnvoll«. Feddermann-Demont verweist auf eine Untersuchung, wonach bei Kindern 82 Prozent der Gehirnerschütterungen durch Kontakt mit einem Spieler beim Zweikampf oder Zusammenstoß zustande kommen. »In etwa zwei Dritteln der Gehirnerschütterungen wurde der Spieler am Hinterkopf getroffen. Ein Verbot des Kopfballspiels würde daher nicht zwingend die Häufigkeit von Gehirnerschütterungen verringern.«

Eine der aufsehenerregendsten Gehirnerschütterungen erlitt Christoph Kramer im WM-Finale 2014. Noch heute könne er sich nicht mehr an alles rund um seinen Zusammenprall und die anschließende Auswechslung beim Sieg über Argentinien erinnern. »Es wird wahrscheinlich nicht wiederkommen, aber die wichtigsten Szenen habe ich auf der Platte«, erinnerte sich der Gladbacher am Mittwochabend bei »Clubhouse«. Matthias Ginter hatte hingegen Glück. Nach einer Untersuchung durfte der Gladbach-Profi wieder gegen Bayern aufs Spielfeld. Am nächsten Tag veröffentlichte der 27-Jährige ein Bild von sich mit seinem Nachwuchs und schrieb: »Dem Kopf geht’s auch wieder gut.«

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