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Bislang fahren Sebastian Vettel (l.) und Lance Stroll im Aston Martin in der Formel 1 noch hinterher.

»Gefährliche Kombination«

  • VonRedaktion
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Ex-Formel-1-Teamchef Dr. Colin Kolles sieht Sebastian Vettel bei Aston Martin nur als Erfüllungsgehilfen von Lance Stroll, dem Sohn des Team- besitzers. In der Crew herrsche großer Unmut, die Ingenieure seien demotiviert, erklärt der Münchner.

Es war ein kleiner Satz mit großer Wirkung. Der Teamkollege habe neue Teile am Auto, gab Aston-Martin-Pilot Sebastian Vettel (33) während des Großen Preises von Portugal zum Besten. Clevere Medien fingen den Satz, natürlich, auf. Muss sich Vettel etwa in die Dienste seines Teamkollegen Lance Stroll (22) stellen?, war die Frage, die sich sinngemäß beispielsweise der »Kölner Express« stellte. Zumal der junge Kanadier auch noch der Sohn des Formel-1-Teambesitzers Lawrence Stroll (61) ist.

Das Kölner Blatt zitierte als Zeuge der Anklage Ex-Formel-1-Teamchef Dr. Colin Kolles (53). Der Münchner hatte beim AVD-Motor-Talk bei Sport1 dementsprechende Andeutungen gemacht. »Der Vettel wurde doch nur verpflichtet, damit Lance Stroll besser aussieht. Der Herr Stroll will doch seinen Sohn zum Weltmeister machen. Ich bin der Meinung, dass die Kombination Stroll/Wolff eine sehr gefährliche Kombination für Sebastian Vettel ist. Da spielen viele Faktoren im Hintergrund mit rein.« Die Sätze haben deshalb Brisanz, weil der Zahnarzt von Ende 2005 bis 2009 Teamchef des Vorgängerteams von Aston Martin war und immer noch enge Kontakte zur Belegschaft des in Silverstone angesiedelten Teams hat.

Wir fragten noch mal bei Kolles nach. Der wird jetzt noch konkreter. »Man muss die Historie sehen. Jedes Team hat Lawrence Stroll immer nur für seinen Sohn gekauft. Das fing schon in den Nachwuchsklassen an. Stroll will seinen Sohn gut aussehen lassen, er will ihn am Ende zum Weltmeister machen. Die Teamkollegen waren immer nur Erfüllungsgehilfen. Das gilt jetzt auch für Sebastian Vettel.«

Auch für den Absturz des Stroll-Teams in dieser Saison hat Kolles eine Erklärung. Hintergrund: Im vergangenen Jahr belegte das 2020 noch unter dem Namen Racing Point angetretene Team des kanadischen Milliardärs Platz vier in der Konstrukteurswertung, gewann mit dem mittlerweile zu Red Bull gewechselten Mexikaner Sergio Perez sogar das zweite Rennen in Bahrain. Kolles: »Früher durften die Ingenieure dort selbst entwickeln. Sie hatten wenig Budget, waren sehr jung und waren sehr effizient und motiviert und zum Teil auch sehr innovativ. Seit Stroll das Sagen hat, ist das anders. Er kaufte alles bei Mercedes ein. Ich meine alles.« Das habe ihm Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff so eingeredet.

Kolles: »Beim 2020er-Auto kopierten sie 1:1 den Mercedes aus dem Vorjahr. Die Betriebsanleitung des Mercedes wurde inklusive transferiert. Die Ingenieure wollten aber ein anderes Auto bauen, einen Wagen mit angestelltem Heck, wie es Red Bull zum Beispiel hat, und wie die Philosophie und das Konzept im Team seit Jahren war.«

Kolles weiter: »Stroll wollte und will nur eine Mercedes-Kopie haben, weil das für ihn der einfachste Weg ist, seine Ziele zu erreichen. Damit hat er offensichtlich seinen eigenen Leuten das Vertrauen entzogen. It is only my way or no way, das ist Strolls Mentalität. Dann schaute die FIA genau hin und strafte sie ab. In dieser Saison versuchte Aston Martin wieder zu kopieren, aber Mercedes traute sich nicht mehr, die Betriebsanleitung mitzuliefern und alleine von Fotos kannst man kein Auto kopieren, wie von Stroll und Wolff 2020 behauptet wurde. Die Ingenieure können mit dem Auto, das sie ja gar nicht wollten, nichts anfangen. Sie sind extrem demotiviert und hängen jetzt in der Luft. Das führt zu sehr viel Unmut im Team.«

Die Ergebnisse sind entsprechend ernüchternd. Sebastian Vettel hat nach drei Rennen noch keinen Punkt auf seinem Konto, Teamkollege Stroll schneidet etwas besser ab. Doch auch seine fünf Zähler sind eine Enttäuschung, geht man von den Ansprüchen aus. Fakt ist: Statt aufzuholen geht die Entwicklung der Nobelmarke nach hinten. Im Rennen in Portugal war Aston Martin drittschlechtestes Team.

Eine Besserung zum Beispiel beim Großen Preis von Spanien in Barcelona am Wochenende ist kaum in Sicht. Wie geht aber Sebastian Vettel jetzt damit um? Der Heppenheimer macht noch gute Miene zum möglicherweise bösen Spiel. Noch.

Dr. Colin Kolles

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