Der fünfte Stern für die Geschichte

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Bundestrainer Joachim Löw will Fußball-Geschichte schreiben. Noch nie konnte Deutschland seinen WM-Titel verteidigen. Der umstrittene Gastgeber Russland will nach vielen Skandalen alle Kritiker widerlegen und ein großes Fußball-Fest zelebrieren.

Der fünfte Stern ist das große Ziel. Joachim Löw kennt die Risiken und Hindernisse auf dem Weg zum erhofften historischen Fußball-Coup aber ganz genau: "Deutschland wird gejagt werden wie nie", sagte der Bundestrainer bei der Vorbereitung auf die Titelmission in Russland und forderte "übermenschliche Kräfte". Nur Italien (1934/1938) und Brasilien (1958/1962) konnten ihre WM-Titel bislang verteidigen. Deutschland scheiterte bei allen bisherigen drei Versuchen (1958, 1978, 1994) schon vor dem Finale.

Löw wird seine Titeljäger um Thomas Müller und Co. wie gewohnt nicht nur auf die sportlichen Aufgaben vorbereiten. Russland als Gastgeber bietet wie Brasilien vor vier Jahren logistisch extrem knifflige Bedingungen. Elf Spielorte in vier Zeitzonen und mit Entfernungen von Tausenden Flugkilometern fordert den DFB auch als selbst erklärten Planungsweltmeister. Teammanager Oliver Bierhoff betont immer wieder, dass diese Kriterien in einer zähen Planungsphase auch für das Basis-Camp Watutinki vor den Toren Moskaus sprachen und gegen Löws Wunschort Sotschi am Schwarzen Meer.

Aber Russland ist auch über Reisestrapazen hinaus ein diffiziler Gastgeber. Präsident Wladimir Putin macht das Turnier zum Politikum. Weltoffen wollen sich die Russen bei ihrem nächsten Sport-Topevent nach Winter-Olympia 2014 präsentieren. Aber die Vorbehalte gerade in West-Europa sind riesig. Übergriffe auf die Ukraine, Syrien-Krieg und Hacker-Angriffe in Deutschland und den USA sind nur einige Themen, die das Verhältnis belasten. Die FIFA und ihr Präsident Gianni Infantino stehen bei der ersten WM nach der Ära von Skandal-Chef Joseph Blatter vor einer echten Bewährungsprobe. Die Ungewissheit, ob der von Infantino gewünschte Videobeweis auch wirklich funktioniert oder an überforderten Schiedsrichtern scheitert, ist noch das geringste Problem. Der Mega-Dopingskandal, über den auch WM-Cheforganisator Witali Mutko stolperte, erschreckende Hooligan-Gewalt bei der EM 2016 in Frankreich und die mit dünnen Argumenten ausgeräumten Korruptionsvorwürfe um die WM-Vergabe durch eine FIFA-interne Untersuchung sind die sportpolitischen Schwierigkeiten. Alles Vorurteile? "Jetzt kommen Millionen Gäste und werden das wahre Russland sehen, die wahren Russen, und der Info-Krieg wird sie nicht beeinflussen können", sagte die Vorsitzende des Föderationsrates, Valentina Matwijenko. Putin will auch lieber über Fußball reden: "Bei uns im Land gibt es sechs Millionen Menschen, die Fußball spielen, und viele mehr, die ihn lieben."

Immerhin die Ticket-Verkaufszahlen geben dem Staatschef recht. Für die 64 Spiele vom 14. Juni bis zum Finale am 15. Juli sind in der Regel nur noch Restkontingente verfügbar, sollten Karteninhaber ihre Tickets wieder veräußern wollen. Mehr als 2,3 Millionen Eintrittskarten waren in den zwei Verkaufsphasen zugeteilt worden. Die deutschen Gruppenspiele gegen Mexiko (17. Juni) im Moskauer Luschniki-Stadion, gegen Schweden (23. Juni) in Sotschi und gegen Südkorea (27. Juni) in Kasan sind schon lange ausverkauft. Mit einer Fan-ID können die Fans sogar ohne Visum nach Russland reisen – mit 500 000 internationalen Fans wird gerechnet.

Dass sich so viele Ausländer frei durch Russland bewegen können, sieht auch der Deutsche Fußball-Bund als Grund zur Hoffnung, dass sich durch persönliche Kontakte der Menschen Vorurteile abbauen. Verbandschef Reinhard Grindel will gezielt zivilgesellschaftliche Prozesse fördern und begründet damit seinen Verzicht auf Fundamentalkritik am Kreml.

Die Spielorte wurden von den Gastgebern offenbar nicht nur nach Fußball-Kriterien ausgewählt. Kritiker behaupten, Putin habe politische und historische Argumente durchgesetzt. So kommt es nun auch zu WM-Partien in Jekaterinburg am Ural, in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, oder in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, das von Berlin nur halb so weit entfernt ist wie vom WM-Herz Moskau mit dem Finalstadion Luschniki und der runderneuerten Arena des Top-Clubs Spartak Moskau.

In der russischen Fußball-Hochburg Krasnodar residiert zwar Mitfavorit Spanien, WM-Spiele gibt es dort aber nicht. Die Spanier gelten nicht erst seit ihren beeindruckenden März-Tests gegen die DFB-Elf (1:1) und dem 6:1-Coup gegen Lionel Messis Argentinier als großer deutscher Konkurrent um den Titel. Andrés Iniesta könnte sich nach 2010 wie die DFB-Stars um Toni Kroos und Mesut Özil zum zweiten Mal den Gold-Pokal holen. Andere Top-Akteure der Branche – wie eben Messi oder auch Portugals Europameister Cristiano Ronaldo – treibt nach vielen verpassten Gelegenheiten bei der womöglich letzten Chance die Sehnsucht nach dem wichtigsten Titel. Doch die Konkurrenz um den Status als Turnier-Held ist groß. Neymar hofft auf sein Comeback rechtzeitig zum WM-Start und die Chance, das 1:7 von 2014 gegen Deutschland endlich durch den sechsten Titel für sein Land zu kompensieren.

Ägyptens Mohamed Salah glänzte beim FC Liverpool, muss nach seiner im Champions-League-Finale erlittenen Verletzung aber erst wieder richtig fit werden. Harry Kane von Tottenham Hotspur will Englands nun schon 52 Jahre währende WM-Misere beenden und Robert Lewandowski hat mit Polen zumindest Überraschungspotenzial.

Lukrativ ist der WM-Sieg auch wirtschaftlich. Die durch die Skandal-Jahre eigentlich klamme FIFA hat das Preisgeld auf die Rekordmarke von umgerechnet 668 Millionen Euro um rund 40 Prozent im Vergleich zu Brasilien 2014 angehoben. Der Weltmeister bekommt im besten Fall etwa 32 Millionen Euro. Der symbolische Wert des fünften Weltmeister-Stern wäre für Joachim Löw allerdings unbezahlbar.

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