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FIFA EINGESCHALTET

Fredi Bobic: "Stehen vor brutaler Herausforderung"

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Der Abpfiff erfolgte noch vor Ende der regulären Spielzeit, nach exakt 86 Minuten war der Spuk vorüber. Und doch: So lange hat in der jüngeren Vergangenheit keine Pressekonferenz bei Eintracht Frankfurt gedauert, die 86 Minuten, die Sportvorstand Fredi Bobic Rede und Antwort stand, sind allemal rekordverdächtig. Der 48-Jährige war gut gelaunt, umschiffte keine Frage, antwortete ausführlich.

Im Einzelnen sprach der frühere Stürmer von Format über...

...den Verlust der Eintracht wegen der Corona-Krise: "Wir wollten für die Saison 2019/2020 eigentlich die Umsatzmarke von 300 Millionen Euro knacken, und wir waren auch auf einem guten Weg. Aber dann kam bei 280 Millionen Euro das Stoppschild, Rückennummer 19, Name Covid. Das hat natürlich ein Loch reingerissen bei uns. Wir haben 20 Millionen Euro an Einnahmen verloren, weshalb ich auch extrem stolz war, dass unsere Spieler zugestimmt haben, bis 30. Juni auf 20 Prozent ihres Gehalts zu verzichten. Jetzt müssen wir für die Saison 2020/2021 eine Vollbremsung hinlegen. Wenn wir damit kalkulieren, dass wir in der Hinrunde und der Rückrunde vor gar keinen oder wenigen Zuschauern spielen und in der Rückrunde eine volle Auslastung haben, dann wird der Umsatz auf 140 Millionen Euro hinauslaufen. Das ist eine Halbierung und sagt schon fast alles. Das wird sehr gravierende Auswirkungen haben. Wir stehen vor einer brutalen Herausforderung. Man sieht, wie wichtig es war, dass wir uns Speck angefressen haben, aber der wird schnell schmelzen."

. ..die Möglichkeiten, wirtschaftlich entgegenzusteuern: "Uns muss nicht bange sein, wir sind gesund und organisch gewachsen. Wir können das vielleicht eleganter abfedern als der eine oder andere Verein. Aber klar ist, dass es harte Einschnitte geben wird, auch das TV-Geld ist zukünftig mehr als fünf Prozent weniger. Bei uns wird es daher auch Investitionsstopps geben, da geht es zudem um das Thema Kurzarbeit. Wir werden unsere internationalen Projekte und Camps stoppen. Wir werden auch kein Trainingslager machen, sondern bleiben in Frankfurt. Für das Geschäftsmodell Internationalisierung ist das alles hart. Und natürlich werden wir mit den Spielern über einen weiteren Gehaltsverzicht sprechen. Aber dazu sollen sie nach ihrem Urlaub erst wieder hier sein. Ich sehe aber sehr wohl schon jetzt ein Commitment bei den Spielern. Und es wird so sein, dass wir in die Verträge auch Pandemie-Klauseln einarbeiten werden. Wer hätte das mal gedacht?"

...die Folgen der Corona-Umklammerung: "Die Schere zu den Topklubs ist ja schon weit auseinander, jetzt wird es noch mal mehr werden. Die absoluten Spitzenvereine können diese Situation richtig gut nutzen, sie müssen keine astronomischen Preise zahlen. Das sieht man ja jetzt bei Leroy Sané (Wechsel zum FC Bayern für unter 50 Millionen Euro, An. d. Red.). Für uns Vereine des Mittelstands wird es da schwerer. Generell glaube ich, dass die Preise runtergehen werden. Vielleicht ist es ja auch ganz gut, dass es die- se 100-Millionen-Euro-Geschichten nicht mehr geben wird. Das kannst du doch, gerade in diesen Zeiten, keinem Menschen vermitteln."

...die Transferpolitik der Eintracht in unsicheren Zeiten: "Im Moment ist Saure-Gurken-Zeit, der Juli wird sehr zäh werden, da muss man geduldig sein. Aber ich garantiere, wenn die ausländischen Ligen ihre Saison beendet haben, wird der Markt mit Spielern überschwemmt. Uns werden jetzt schon unfassbare Spieler angeboten, da denkt man: ›Oh, hoppla, der ist auch auf dem Markt.‹ Wir haben Spieler im Fokus und würden bei einigen gerne zuschlagen. Aber wir müssen auf unseren Geldbeutel schauen. Wenn das Geld nicht da ist, kannst du nicht einkaufen. Und wir müssen auch zusehen, dass Geld reinkommt. Vielleicht wird uns ein Spieler verlassen, der keine Lust auf einen Gehaltsverzicht hat oder zu einem Topklub wechseln kann. Aber das ist zurzeit alles noch unklar. Klar ist: Wir werden nicht in Vorkasse gehen. Ich denke, es wird viele Leih- und Tauschgeschäfte geben, und es werden viele arbeitslose Spieler auf dem Markt sein."

...einen möglichen Abgang von Filip Kostic: "Filip ist happy hier. Es ist nicht so, dass ich sage: ›Er muss weg.‹ Aber klar kann es sein, dass ein Verein um die Ecke kommt, der ihn unbedingt will. Und dann kann es auch sein, dass wir ihn freigeben. Aber aktuell ist er glücklich, und ich kann mir gut vorstellen, dass er nächste Saison bei uns spielt."

...eine Vertragsverlängerung von Trainer Adi Hütter: "Wir würden gerne verlängern. Wir werden uns im Juli oder August zusammensetzen, und ich hoffe, dass wir dann einen Haken dranmachen können. Es gibt da auch schon ein Commitment."

...eine weitere Zusammenarbeit mit Daichi Kamada : "Es gibt nur wenige Spieler, die in der Vorwärtsbewegung diese Qualität haben und diese Haken schlagen können. Es liegt alles auf dem Tisch, ich bin zuversichtlich, dass wir das im Juli beenden können und Daichi einen längerfristigen Vertrag hier in Frankfurt unterschreibt."

...über mögliche Abgänge: "Natürlich haben wir einen großen Kader, wir werden sehen, dass wir ihn bereinigen und dem einen oder anderen woanders Spielpraxis geben können. Es wird Spieler geben, die unzufrieden sind und überlegen, ob sie sich verändern sollten. Unser Trainer möchte sich aber auch die Spieler anschauen, die zurückkommen. Tuta etwa hat in Belgien überragend gespielt, er kann bei uns auch mal in die erste Elf reinkommen."

...über Wechselabsichten von Ersatztorwart Frederik Rönnow und seinen Vorwurf, es herrsche kein fairer Wettkampf mit Kevin Trapp: "Wie stark Freddy und was für ein guter Torwart er ist, haben wir alle gesehen. Kevin ist aber auch bekannt, er hat Historie und Klasse, wird zur Nationalmannschaft eingeladen. Es ist verständlich, dass Freddy spielen will, und ich denke auch, dass Bewegung in den Torwartmarkt kommt. Ich will, dass er glücklich ist, er ist ein guter Kerl."

Eintracht Frankfurt hat den Weltverband FIFA eingeschaltet, nachdem angeblich umgerechnet noch sechs Millionen Euro aus dem Transfer des Franzosen Sebastien Haller (26) für insgesamt 50 Millionen Euro zum Premier-League-Klub West Ham United fehlen. Die FIFA bestätigte einen entsprechenden Bericht der Tageszeitung "The Times". Haller war im Sommer 2019 nach London gewechselt.

Laut Darstellung hätte die letzte Rate von sechs Millionen Euro bis 15. Mai überwiesen worden sein müssen. "Wir können bestätigen, dass wir einen Anspruch vom deutschen Klub Eintracht Frankfurt gegen den englischen Klub West Ham United erhalten haben. Der Fall wird zurzeit untersucht, sodass wir keine weitere Auskunft geben können", teilte die FIFA auf Anfrage am Freitag mit. (sid)

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