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Nils Politt vom Team Bora Hansgrohe (vorne) fährt auf der 19. Tour-Etappe lange in einer Ausreißergruppe mit. Am Ende kommt er auf Platz fünf.

Fluchtgruppe ärgert Sprinter

  • VonSID
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Der slowenische Radprofi Matej Mohoric hat die 19. Etappe der Tour de France gewonnen. Sprintstar Mark Cavendish muss sich bei seiner Rekordjagd bis Paris gedulden. Nils Politt verpasst als Tages-Fünfter einen weiteren Coup.

Am Ende rollte sogar Eddy Merckx im Führungsauto vor Mark Cavendish über die Ziellinie. Anstatt vor den Augen der belgischen Radsport-Ikone seinen historischen 35. Tagessieg bei der Tour de France zu feiern, beendete der britische Sprintstar die drittletzte Etappe abgehängt und Seite an Seite mit dem Dominator Tadej Pogacar im Hauptfeld. Tagessieger Matej Mohoric fuhr da schon längst auf der Rolle aus.

»Ich habe immer noch Paris. Ich bin etwas enttäuscht über das Rennen heute, aber ich bin weiter in Grün. Eine Chance habe ich noch«, sagte Cavendish, der 20:50 Minuten Rückstand auf Mohoric hatte.

Der Slowene vom unter Doping-Verdacht stehenden Team Bahrain Victorious feierte bei der hektischen 19. Etappe der Großen Schleife als Solist seinen zweiten Tagessieg, bei der Zieldurchfahrt legte der 26-Jährige den Finger auf die Lippen - eine klare Anspielung auf die Polizei-Razzia im Teamhotel zwei Tage zuvor.

»Es ist nicht toll, wenn die Polizei in dein Zimmer kommt. Das ist ein merkwürdiges Gefühl. Ich habe nichts zu verstecken«, versicherte Mohoric, der bereits auf der siebten Etappe triumphiert hatte. »Ich habe meine Beine zum Äußersten gebracht.«

Mohoric zerstörte mit seinem erneuten Erfolg auch die etwas unverhoffte Chance auf einen deutschen Ausreißer-Erfolg. Weder Nimes-Tagessieger Nils Politt noch Max Walscheid, Jonas Rutsch oder Georg Zimmermann hatten in einer Fluchtgruppe Mohorics Attacke 25 km vor dem Ziel etwas entgegenzusetzen. Bester Deutscher wurde am Ende Politt als Fünfter. Sprint-Oldie Andre Greipel spielte an seinem 39. Geburtstag im Hauptfeld nur eine Nebenrolle.

»Damit kann man trotzdem zufrieden sein«, sagte Politt. »Ich wollte die Entscheidung an den Wellen suchen, aber das hat leider nicht funktioniert. Keiner wollte so richtig mit mir fahren, deswegen habe ich es immer mal wieder probiert.«

Cavendish hatte auf eine Sprintankunft gehofft. Ihm bleibt in diesem Jahr nur noch auf den Champs-Elysees am Sonntag vor Pogacars nahezu sicherer erneuter Krönung im Gelben Trikot die Chance auf den so wertvollen fünften Tagessieg in diesem Jahr. Dem Fahrer von Deceuninck-Quick Step half am Freitag auch Merckx’ Anwesenheit nicht bei seiner Rekordjagd.

Der legendäre Belgier, mit dem Cavendish seit dieser Tour den Etappen-Rekord (34) teilt, hatte dem Briten vor dem Start bei einer Umarmung persönlich noch viel Glück gewünscht und das Rennen im Auto von Tour-Chef Christian Prudhomme verfolgt. Doch das Peloton ließ eine 20-köpfige Fluchtgruppe mit dem deutschen Quartett früh ziehen.

Während zwei leichte Stürze in der Anfangsphase für Unruhe sorgten, setzte sich an der Spitze zunächst eine sechsköpfige Ausreißer-Gruppe um Rutsch (Erbach/EF Education-Nippo) und Zimmermann (Augsburg/Intermarche-Wanty-Gobert) ab. Eine weitere Verfolgergruppe um Politt (Köln/Bora-hansgrohe) und Walscheid (Neuwied/Qhubeka Nexthash) schloss 100 Kilometer vor dem Ziel auf.

Erinnerungen an dunkle Zeiten

Das Hauptfeld, in dem sich neben Cavendish auch dessen Rivalen im Kampf um Grün aufhielten, hatte genug, es ließ die Fluchtgruppe ziehen. In dieser gab es auf den letzten 50 Kilometern immer wieder Attacken. Doch letztlich hatte Mohoric die besten Beine. Am Mittwochabend war wegen Doping-Verdachts das Hotel seines Teams Bahrain Victorious durchsucht worden. Die Polizei-Razzia weckte schlimme Erinnerungen an dunkle Zeiten. Die altbekannten Mechanismen griffen sofort: Hier das Team, das alles abstreitet. Dort die Staatsanwaltschaft, die Gründe für ihre Ermittlungen vorträgt.

Ergebnisse der Untersuchungen blieben zunächst unbekannt. Ebenso der Auslöser der Ermittlungen. Die Razzia in Pau als solche, die bis tief in die Nacht gedauert haben soll, sorgt aber für reichlich Unbehagen im und um das Fahrerfeld - das liegt an der verseuchten Vergangenheit.

Das Thema Doping begleitet die Tour seit ihrer ersten Auflage 1903. Während die Fahrer anfangs für die Quälerei über die Alpen- oder Pyrenäen-Riesen noch zu Alkohol oder anderen Drogen griffen, wurden die Schwindler immer kreativer, die Methoden ausgereifter, der Betrug größer.

Mit der Festina-Affäre erlebte die Tour 1998 ihre bis dahin größte Dopingkrise - sie war zugleich der Anfang einer unrühmlichen Epoche kurz vor und nach der Jahrtausendwende, als der Radsport in der Öffentlichkeit zeitweise nahezu sein komplettes Vertrauen verspielte. Nur ein Jahr später begann die Siegesserie eines gewissen Lance Armstrong, dem Jahre später alle sieben Triumphe aberkannt wurden.

Diese Gedanken wollen die Fahrer heute beiseite wischen. Beim zweiten Einzelzeitfahren am Samstag von Libourne nach Saint-Emilion geht es im Gesamtklassement (eigentlich) nur noch um die Frage, in welcher Reihenfolge die Plätze hinter Pogacar belegt werden. Beim großen Finale am Sonntag will dann Cavendish zuschlagen.

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