Festnahmen nach Doping-Razzien

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Der im Zusammenhang mit den Doping-Razzien bei der Nordischen Ski-WM festgenommene Sportmediziner aus Erfurt bleibt in Haft. Ihm droht eine Gefängnisstrafe bis zu zehn Jahren. Die Spitze des deutschen Sports sieht keine Spur zu deutschen Athleten.

Im Skandal um das mutmaßliche Doping-Netzwerk eines Erfurter Mediziners wehrt sich der deutsche Spitzensport gegen einen Generalverdacht. Kein deutscher Kader-Athlet sei in der Praxis des Sportarztes Mark S. betreut worden, beteuerte DOSB-Chef Alfons Hörmann am Donnerstag bei der Nordischen Ski-WM und konterte damit auch gegen Verdächtigungen von Österreichs Skiverbandspräsident Peter Schröcksnadel.

Er sei "sehr zuversichtlich, dass es genau bei dem Stand bleibt, dass der deutsche Sport im Sinne der Athletinnen und Athleten davon nicht direkt betroffen ist", sagte Hörmann der ARD. Auch der Olympia-Stützpunkt in Erfurt habe "keinerlei Beziehung zu dieser Praxis". Der Erfurter Mediziner, der laut "Bild" 1996 sein Studium in Gießen aufgenommen hatte, wurde am Donnerstag auf Anordnung eines Richters in die Untersuchungshaft nach München gebracht. In seiner Praxis soll er Fußballer, Schwimmer, Radsportler, Gewichtheber, Handballer und Leichtathleten behandelt haben.

Dem früheren Radsport-Teamarzt droht eine Gefängnisstrafe von bis zu zehn Jahren. Sollte dem Mediziner ein gewerbs- oder bandenmäßiges Delikt nachgewiesen werden, sieht das 2015 verabschiedete Anti-Doping-Gesetz dieses Strafmaß vor. Das bestätigte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft München, Anne Leiding. Die Anwälte von Mark S. teilten auf Anfrage mit, "keine Stellungnahme zum jetzigen Zeitpunkt abzugeben".

Bei der Razzia des österreichischen Bundeskriminalamtes in Seefeld waren am Mittwoch sieben Verdächtige, darunter fünf Athleten aus Österreich, Kasachstan und Estland, verhaftet worden. Zwei deutsche Staatsangehörige bleiben vorerst in Haft.

Dieter Csefan vom österreichischen Bundeskriminalamt war am Mittwoch bereits davon ausgegangen, dass "sicherlich auch noch andere Sportarten betroffen sein" werden. Er sprach von einem seit Jahren weltweit agierenden Netzwerk und einer "kriminellen Organisation".

DOSB-Chef Hörmann wies in dem Zusammenhang die Anschuldigungen des österreichischen Verbandschefs scharf zurück, nach denen auch deutsche Sportler betroffen seien. "Ich kann es nur als wenig gelungenes Ablenkungsmanöver von den eigenen Unzulänglichkeiten im ÖSV werten", führte Hörmann im ZDF aus. In der ARD sagte er: "Wir gehen davon aus, dass diese fünf Athleten sich in Deutschland einen Arzt gesucht haben, dass es aber keinerlei Beziehung oder direkten Kontakt zum deutschen Sport gibt."

Der Landessportbund Thüringen entzog nach der Festnahme von Mark S. der betroffenen Arzt-Praxis die Lizenz als "Sportmedizinische Untersuchungsstelle". Dabei räumte der Verband eigene Versäumnisse ein. Bei der Fortschreibung der ursprünglich bis 2018 laufenden Lizenz um weitere vier Jahre entging dem LSB, dass in der Zwischenzeit Mark S. in die Praxis eingetreten war.

Langlauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder regte indes eine Diskussion an. "Es ist wichtig, dass wir eine Wertediskussion führen. Man muss auch mal Dinge relativieren", sagte er in Seefeld. "Ob du am Ende des Tages 27 Mal Olympiasieger oder zehnmal Vierter geworden bist, ist völlig scheißegal." Es müsse klar sein, "dass der Erfolg nicht alle Mittel heiligt". Der 2014 gesperrte Johannes Dürr hatte mit seinen Aussagen die Ermittlungen und Razzien ausgelöst.

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