Zwei, die sich verstehen: Cheftrainer Adi Hütter (r.) und Doppeltorschütze Filip Kostic. FOTO: DPA
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Zwei, die sich verstehen: Cheftrainer Adi Hütter (r.) und Doppeltorschütze Filip Kostic. FOTO: DPA

STEFAN ILSANKER

Das feine Gespür des Lehrers

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Nach den Filip-Kostic-Festspielen am Dienstagabend im Stadtwald hat Trainer Adi Hütter an die ersten Tage des torgefährlichen Linksaußens in Frankfurt erinnert. "Jetzt steigen wir ab", sei landläufige Meinung gewesen.

Filip Kostic war, im August 2018, ganz unten im Regal verortet. Bei seinen vorherigen Vereinen VfB Stuttgart und Hamburger SV lief es nicht - und beide mussten jeweils den Gang in Liga zwei antreten.

Schon damals hatte Hütter nicht verstanden, warum Kostic in dieser Schublade steckte, er habe ihn als intelligenten, bescheidenen, hochveranlagten Spieler kennengelernt - und ihn bald hinten links in eine Dreierabwehrkette versetzt. Es war eine der besten Entscheidungen des Fußballlehrers, in der Folge explodierte der 27-Jährige mit rasanten Soli förmlich auf seiner linken Außenbahn, schaufelte hunderte Flanken in den Strafraum, schoss Tore und bereitete welche vor, gegen Filip Kostic war kein Kraut gewachsen. Der linke Flügel war und ist sein Hoheitsgebiet.

Dieses Niveau hält der Mann, der außerhalb des Platzes so schüchtern wirkt, konstant hoch, jetzt hat er RB Leipzig, "eine der besten Mannschaften Deutschlands", wie er sagte, mit zwei Treffern beim 3:1-Sieg fast im Alleingang aus dem Pokal geworfen. "Leipzig liegt mir", sagte er am Dienstagabend lächelnd, schon in der Liga hatte er beim 2:0 entscheidend getroffen. "Er spielt Fußball wie kein anderer: Mit einer unglaublichen Dynamik, mit einem unglaublichen Durchsetzungsvermögen", sagte Coach Hütter. Er bringe sich stets mit Herz und Leidenschaft ein. "Ein toller Spieler." Torwart Kevin Trapp brachte es plakativ auf den Punkt: "Den kriegst du nicht klein. Er ist ein Mentalitätsmonster." Zumal Kostic nicht müde wird, er ist der Dauerspieler der Eintracht, in dieser Runde hat er 32 Pflichtspiele auf dem Buckel, in der Saison davor waren es 46.

Womöglich hat ihm die Systemumstellung gut getan, die ihm mehr Rückendeckung verschaffte. Evan Ndicka sichert mittlerweile ab, die kräfteraubenden Wege nach hinten sind kürzer geworden, so hat er mehr Körner für offensive Aktionen. Ist es nur ein Zufall, dass er zuletzt zwei Treffer praktisch mit dem Schlusspfiff erzielte? Die veränderte taktische Ausrichtung hat zumindest auf seine Effektivität erstaunliche Auswirkungen: Kostic war in der Rückrunde an sechs der acht Frankfurter Treffer direkt beteiligt, dazu traf er in Hoffenheim zweimal die Latte.

Ohne die Galaauftritte des Raketenmannes, auch das zeigte das Pokalspiel erneut, ist Eintracht Frankfurt bestenfalls die Hälfte wert, wenn überhaupt. Er ist der Mann für die besonderen Momente, er macht den Unterschied aus, er ist die Frankfurter Waffe, die beständig sticht. Filip Kostic ist der einzige "Überlebende" jenes Qualitätsquartetts, das in der letzten Runde so für Furore gesorgt hatte. Ihn am Saisonende trotz Vertrags bis 2023 zu halten, dürfte unmöglich sein, schon jetzt gibt es Begehrlichkeiten, sein Marktwert liegt bei 40, 45 Millionen Euro - nicht auszudenken, wenn er wirklich gehen sollte: Wer soll ihn bloß ersetzen?

Denn Kostic ist es, der auch die schwierigen Spiele prägt, wie jenes am Dienstag. Ohnehin tut sich die Eintracht so viel leichter gegen vermeintliche Favoriten. In dieser Saison haben sich die Hessen gegen "die Großen" deutlich besser aus der Affäre gezogen, ja hatten wahre Spektakel zelebriert, um dann gegen die Underdogs aus Berlin, Mainz, Köln, Paderborn oder zuletzt Düsseldorf zu patzen.

Es sei klar, dass das Team "nicht noch einmal so anfangen konnte wie gegen Düsseldorf", sagte Hütter zu der leidenschaftlichen Reaktion seines Teams. Er hatte in diesem Achtelfinale allerdings, anders als jüngst in der Liga, auch mehr technisch versierte Fußballer aufgestellt, Spieler wie Makoto Hasebe etwa, Mijat Gacinovic, André Silva, Kostic oder auch Almamy Touré, die den Ball zum Freund haben.

Der Tanz auf drei Hochzeiten geht weiter, das Viertelfinale wird wahrscheinlich am 4. März angepfiffen. Der DFB-Pokal bleibt ein Wettbewerb, der den Frankfurtern liegt. Zwei Siege, dann stünden die Hessen erneut im Finale.

Stefan Ilsanker hat auch wegen der tollen Atmosphäre bei Eintracht Frankfurt angeheuert. "Die Fans waren ein wichtiger Faktor für den Wechsel. Es ist beeindruckend, wenn auswärts bis zu 20 000 mitkommen", sagte der Österreicher am Mittwoch bei seiner offiziellen Vorstellung am Main. "Es gibt weltweit nicht viele lautere Stadien. Hier ist es für keinen Gegner leicht. Ich bin froh, jetzt auf der Heimseite stehen zu dürfen", sagte der Mittelfeldspieler.

Damit ging der Neuzugang auf Schmusekurs zu den Eintracht-Fans. Diese hatte er vor zwei Jahren noch als "Vollidioten" beschimpft, nachdem beim Montagsspiel Frankfurt - Leipzig aus Protest Tennisbälle auf den Rasen geflogen waren. Für seine damalige Äußerung hatte sich Ilsanker nach seiner Verpflichtung bei den Hessen öffentlich entschuldigt. (dpa)

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