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Es bleiben Fragezeichen

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Daichi Kamada (l.) und Torschütze Ansgar Knauff bejubeln die Frankfurter 1:0-Führung in Berlin. © DPA Deutsche Presseagentur

4:1 in Berlin bei der Hertha. Hört sich zunächst gut an. Allerdings: Reicht den Frankfurtern dieser Sieg bei einem total verunsicherten Gastgeber, um Schwung für die nächsten Wochen zu holen? Am Mittwoch geht es schon nach Sevilla.

Zuweilen, so hat es den Anschein, wird Training ja überschätzt. Ansgar Knauff zum Beispiel, flinker Winterneuzugang von Eintracht Frankfurt, hat im Abschlusstraining bei »einem Kopfballspiel keinen einzigen getroffen«, wie Trainer Oliver Glasner verriet, ohnehin habe er von Knauff »noch nie so einen Kopfball« gesehen wie jenen, den der 20-jährige Flügelspieler da in der Anfangsphase im Berliner Tor untergebracht hat. Bis in den »gefühlt dritten Stock« sei die Dortmunder Leihgabe gesprungen und habe mit diesem Führungstreffer die Grundlage für den letztlich doch souveränen 4:1 (1:0)-Sieg der Frankfurter bei Hertha BSC gelegt. Und mit 4:1 in Berlin zu gewinnen, sei, so sagte der Frankfurter Fußballlehrer erleichtert, schon »eine tolle Geschichte«.

Eintracht Frankfurt hat damit rechtzeitig die Kurve gekriegt und ihre Minikrise nach drei verlorenen Spielen in Folge ohne eigenes Tor fürs Erste beendet, genau zum richtigen Zeitpunkt, jetzt da die so sehr herbeigesehnten Europapokalwochen beginnen, schon am Mittwoch (18.45 Uhr) in Andalusien mit der Partie beim spanischen Klub Betis Sevilla. »Sehr gutes Timing«, fand Schütze Knauff. Oder wie Glasner beinahe euphorisch sagte: »Jetzt beginnt die Crunchtime«, also die Zeit, da es ernst wird. Und das Fußballspielen erst so richtig Spaß macht.

Ob nun dieser nie gefährdete Sieg am Samstag gegen ein zutiefst verunsichertes, im Grunde lebloses Berliner Ensemble im freien Fall der herbeigewünschte Brustlöser sein kann, der den (spielerischen) Knoten der Hessen zum Platzen bringt, sei einmal dahingestellt. Selbst Glasner weiß es nicht, »das wird man sehen«, bedeutete er nur. Schon vor Wochenfrist wollte der Fußballlehrer die »Talsohle durchschritten« gesehen haben. Der Erfolg war aber auf alle Fälle enorm wichtig für die innere Befindlichkeit, für die Atmosphäre, für die Stimmung, er könnte der Mannschaft die erforderliche Ruhe und Gelassenheit für die nächsten Wochen und Monate geben. Die ganz große, latent seit der berühmten Rückrunde der Schande in 2011 immer vorhandene Sorge, vielleicht doch noch durchgereicht zu werden, ist mit den 34 Zählern gebannt. Und diese Gelassenheit, nicht Leichtsinn, macht einem in aller Regel auch den Umgang mit dem Ball leichter. Und so trifft der schon als Chancentod bezeichnete Jesper Lindström mit einem feinen Lupfer aus gut 35 Metern (56.) ins verwaiste Tor, oder ein Rafael Borré nach zweimonatiger Torflaute zum 4:1 (63.). Man könne »viel reden und Videos zeigen«, sagte Trainer Glasner, »aber das Gefühl des Tores ist unersetzlich«. Umso mehr freue es ihn, dass an den vier Toren alle Offensivspieler beteiligt waren. Vor dem 1:0 durch Knauff flankte Filip Kostic (17.), das 2:0 (48.) durch Tuta legte Knauff auf, vor dem 4:1 hatte Daichi Kamada seine Füße im Spiel. »Darüber bin ich sehr glücklich«, sagte der Trainer.

Der Aufwärtstrend der Frankfurter war unübersehbar. Passquote (76 Prozent), Zweikampfverhalten (48 Prozent), Spielanteile (53 Prozent) lagen aufseiten der Hessen, dazu wurde immer versucht, die Spielkontrolle zu wahren, wurde das Heft des Handels in die eigene Hand genommen und, anders als zuletzt, auch eine Vielzahl an Tormöglichkeiten kreiert.

Nicht immer gelang alles. Ein 3:0 zur Pause wäre trotzdem keine Überraschung gewesen, Jesper Lindström, der Sprinter, vergab sie aber wieder. Auch eine gewisse Spielfreude war in Teilen offenbar. »Wir haben uns nicht beeinflussen lassen«, sagte etwa auch der weitgehend unbeschäftigt gebliebene Torwart Kevin Trapp, der nur einen gefährlichen Schuss aufs Tor bekam, von Davie Selke (61.), und der war nicht zu halten. Es sei richtig gewesen, so der Ballfänger, trotz der jüngsten Niederlagen, »nicht alles schlecht zu reden«. Der Auftritt in der Hauptstadt jedenfalls mache ihm Mut.

Allerdings sollte die Leistung im Olympiastadion richtig eingeordnet werden, die ordentlich war, aber sicher nicht »toll«, wie Glasner jubelte. Hertha BSC ließ alles vermissen, was man von einer Bundesligaelf im dunklen Keller erwarten darf, Leidenschaft, Herzblut, Attacke, System - nichts von alledem zeigte die »Alte Dame«, in die ja ein Großinvestor satte 350 Millionen Euro gepumpt hatte. In dieser Verfassung ist der Hauptstadtklub ein heißer Anwärter auf die 2. Liga. Und selbst gegen diesen bedenklich schwachen Gegner missriet den Frankfurtern einiges, erneut gab es unerklärliche Fehlpässe im Spiel nach vorne und leichte Ballverluste. Erneut landeten gutgemeinte Bälle im Nirwana. Dass die Unzulänglichkeiten keine negativen Folgen zeitigten, lag auch an der existenziellen Schwäche der Berliner.

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