Renate Stecher
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Renate Stecher

Erste Frau unter elf Sekunden

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(sid/dpa). Keine Show, keine Mätzchen. Renate Stecher blieb stets cool und fokussiert, bevor sie sich in den Startblock kauerte - um dann zu explodieren. So auch am 7. Juni 1973 in Ostrau, als die Sprinterin aus Süptitz bei Leipzig um 16.15 Uhr Geschichte schrieb. Als erste Frau der Welt rannte Stecher die 100 m unter elf Sekunden (10,9).

Kraftvoll trommelte Stecher in den 70er Jahren die Bahn entlang, sie galt als neuer Sprintertyp, brachte bei 1,70 m Körpergröße 70 Kilo auf die Waage. Ihre irre Schrittfrequenz machte Stecher jahrelang nahezu unschlagbar.

16 Weltrekorde in sechs Jahren

Für die DDR gewann sie dreimal Olympiagold, 1972 in München über 100 und 200 m, 1976 in Montreal mit der 4x-100-m-Staffel. Zwischen 1970 und 1976 lief sie insgesamt 16 Weltrekorde. Noch immer ist sie die erfolgreichste deutsche Leichtathletin bei Olympischen Spielen. "Darauf bin ich schon stolz", sagte Stecher, die heute 70 Jahre alt wird, einmal: "Weniger deswegen, weil ich noch immer erfolgreichste Deutsche bin, vielmehr darüber, dass ich diese Erfolge geschafft habe."

Nach dem Mauerfall wurde Stecher immer wieder mit Dopingvorwürfen konfrontiert. "Ich kann das nicht mehr hören! Eine Aufarbeitung nach den Unterlagen betraf immer nur die damalige DDR und nicht die BRD. Inzwischen steht aber auch fest, dass Doping in der BRD stärker praktiziert wurde, als bisher bekannt war. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen", betonte sie vor fünf Jahren. Seitdem schweigt sie zu diesem Thema. Ihr mittlerweile verstorbener Trainer Horst-Dieter Hille hatte zugegeben, auf Anweisung der DDR-Sportführung Anabolika an Athleten verteilt zu haben. Stecher bekannte oder beklagte sich nie. Ihre Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports im Sommer 2011 war hochumstritten.

Trotz all ihrer Erfolge sind auch heute noch die Bilder ihrer Niederlage im deutsch-deutschen Prestige-Duell bei den Sommerspielen in München am häufigsten zu sehen. Weltrekordlerin Stecher konnte damals als Schlussläuferin in der Staffel den knappen Rückstand auf Heide Rosendahl nicht mehr aufholen. "Wir waren falsch besetzt, aber das war von ganz oben angeordnet. Ich selbst war immer die zweite Strecke gelaufen, das war immer die entscheidende. Es war ein Trugschluss, dass eine zweifache Einzelsiegerin auch unbedingt als Letzte die Staffel laufen muss", sagt Stecher nicht ohne Enttäuschung nach all den Jahren: "Dafür haben wir uns vier Jahre später in Montreal revanchiert."

Damals in Kanada gab es für Stecher im Einzel aber "nur" noch Silber und Bronze für die viermalige Hallen-Europameisterin (1970 bis 1974). Danach beendete sie ihre Karriere. "Vielleicht etwas zu früh. Denn 1980 in Moskau wäre ich mit 30 Jahren noch nicht zu alt gewesen", sagte Stecher einst: "Doch das war damals so. Du wolltest nicht nur Sport machen, sondern wolltest im richtigen Leben stehen." Schon früh habe sie gewusst, dass sie einmal eine Familie gründen und Kinder haben wollte.

Im richtigen Leben arbeitete Stecher in Jena später als Sportlehrerin im Hochschuldienst, nach der Wende dann beim Studentenwerk Thüringen. Ihren 70. Geburtstag wird die verwitwete viermalige Oma wegen der Corona-Pandemie nur mit ihren drei Kindern verbringen. FOTO: DPA

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