Todesfelde trotzt dem Trend: Der Oberligist aus Schleswig-Holstein nutzt als einer der wenigen Amateurklubs sein Heimrecht in der ersten DFB-Pokalrunde. FOTO: DPA
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Todesfelde trotzt dem Trend: Der Oberligist aus Schleswig-Holstein nutzt als einer der wenigen Amateurklubs sein Heimrecht in der ersten DFB-Pokalrunde. FOTO: DPA

Erlebnisreisen und Geisterkulissen

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Mal mehrere Tausend, mal gar keine Zuschauer, dazu verzichten viele Kleine auf ihr Heimrecht - in Corona-Zeiten fehlt der ersten Pokalrunde der besondere Reiz.

Dorfplatzatmosphäre, ungewohntes Terrain für den Goliath und dazu ein aufmüpfiger David, der im Spiel des Lebens von seinen Anhängern enthusiastisch nach vorne gepeitscht wird: Genau diesen besonderen Charme der ersten DFB-Pokalrunde hat Corona im Jahr 2020 vertrieben. Hier ein Geisterspiel, da nur eine Teilzulassung von Zuschauern und andernorts sogar ein Heimspiel im Stadion des Gegners. Das Sensationspotenzial für die erste Pokalrunde, die heute Abend beginnt, sinkt in dieser Spielzeit auf ein Minimum.

Selbst der Deutsche Fußball-Bund (DFB) bedauert den damit verloren gegangenen Reiz und die Nachteile für die Amateurvereine, dabei nehmen die das teilweise gar nicht so tragisch. Viele machen die Not zur Tugend und nutzen das Spiel des Lebens als Erlebnisreise. Nordost-Regionalligist VSG Altglienicke genießt nach dem Heimrechttausch seinen Ausflug zum 1. FC Köln: "Das ist ziemlich aufregend", sagte Trainer Karsten Heine der "Berliner Morgenpost". In einer der modernsten Arenen des Landes zu spielen, werde "für viele Spieler vielleicht das erste und letzte Mal sein". Dementsprechend sei das viel mehr ein "Erlebnis" als ein "Nachteil", sagte der 65-Jährige. Auch für den FC Oberneuland wird das Duell mit dem Champions-League-Teilnehmer Borussia Mönchengladbach nach dem Heimrechttausch zum Event. Der 40-köpfige Tross des Nordost-Regionalligisten wird extra einen Tag vor dem Spiel anreisen, vor Ort gibt es erst mal eine Stadionführung. Dass in beiden Arenen nur 300 Zuschauer zugelassen sind, verkommt da fast zur Nebensache. Doch Vorsicht: Die Außenseiter sind schon im Spielbetrieb. Und die Gefahr, den Gegner zu unterschätzen, sei unter diesen Umständen "natürlich da", sagte Gladbachs Trainer Marco Rose: "Das ist menschlich." Eine "eigenartige" Situation sei das Ganze, sagte auch Kölns Trainer Markus Gisdol.

Insgesamt weichen elf Amateurvereine aufgrund der kaum umsetzbaren Hygienekonzepte in die größere Arena des Gegners aus. Einzig der SV Todesfelde trotzt dem Trend. Als einziger Verein unterhalb der Regionalliga macht der Fünftligist aus dem 1000-Seelen-Dorf bei Bad Segeberg in Schleswig-Holstein trotz der Corona-Pandemie von seinem Heimrecht Gebrauch. "So einen Tag kannst du für Geld nicht kaufen. Das ist Herzblut, das ist Erinnerung und Identifikation mit der Region. Das, was bleibt, ist ja viel mehr als Geld", sagte Klubchef Holger Böhm vor der Partie am Samstag gegen den Zweitligisten VfL Osnabrück dem NDR: "Wir wären doch mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir das nur aus wirtschaftlichen Gründen nicht machen würden."

Das Corona-Konzept in Todesfelde sieht 500 Zuschauer vor, damit sind sie selbst einigen Bundesligisten voraus - denn der Corona-Flickenteppich offenbart gewaltige Lücken. Vielerorts - wie beispielsweise beim TSV 1860 München gegen Eintracht Frankfurt - bleiben aufgrund der behördlichen Vorgaben die Tribünen immer noch leer, insgesamt steigen zehn der 31 am Wochenende angesetzten Partien vor Geisterkulisse. Mehr als 1000 Zuschauer sind lediglich im Osten zugelassen, dort dürfen die Stadien aufgrund der günstigen Entwicklung der Corona-Fallzahlen teilweise zu über einem Drittel ausgelastet werden. 2500 Besucher dürfen in Jena ins Stadion, 4632 in Chemnitz, 5000 in Magdeburg, 7500 in Rostock und sogar bis zu 10 000 in Dresden beim Spiel gegen den Hamburger SV am Montagabend.

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