DFB-Vizepräsident Rainer Koch kritisiert Teile der Drittliga-Klubs deutlich. FOTO: DPA
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DFB-Vizepräsident Rainer Koch kritisiert Teile der Drittliga-Klubs deutlich. FOTO: DPA

Wie vom DFB erhofft

  • vonred Redaktion
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Am Ende, nach fünfstündiger Sitzung, herrschte Erleichterung. Denn es hatte technisch alles bestens funktioniert mit dem Abstimmungs-Tool und der Übertragung beim ersten virtuellen Bundestag des Deutschen Fußball-Bundes. Und auch abgestimmt wurde so, wie es sich die hohen Herren, die in einer Halle des technischen Providers in Meckenheim bei Bonn hockten, erhofft hatten. Das aus Sicht des Präsidiums schlimmste Szenario für seine höchste Spielklasse konnte abgewendet werden: Eine Mehrheit von 95 Prozent der 253 Delegierten stimmte für eine Saisonfortsetzung der 3. Liga.

Zwölf Neinstimmen und 16 Enthaltungen gaben die Zerrissenheit zwischen den Vereinen nicht annähernd wieder. Das Votum ist für den DFB als Aufforderung zu verstehen, die 3. Liga wie geplant bereits am kommenden Samstag ins Fahrwasser der beiden Lizenzligen zu bringen. Gleichzeitig ist nun bei einem späteren Saisonabbruch der DFB-Vorstand ermächtigt, Regelungen für Auf- und Abstieg sowie Änderungen des Wettbewerbsmodus zu treffen. Im Eilverfahren wurde der Spielleiter ermächtigt, einzelne Partien binnen 72 Stunden anzusetzen. Das war vorher nicht erlaubt.

Da DFB-Vizepräsident Rainer Koch zuerst die wichtige Mehrheit für die 3. Liga zustande brachte - derselbe Beschluss für die Frauen-Bundesliga war nur Formsache - , kamen die Anträge des Sächsischen Fußballverbandes und aus Sachsen-Anhalt gar nicht erst zur Abstimmung, die Saison abzubrechen. Auch das Ansinnen des Saarländischen Fußballverbandes fiel durch, die eingleisige 3. Liga in zwei Staffeln mit je 18 Vereinen aufzuspalten. Der für die Spielklasse zuständige Ausschussvorsitzende Tom Eilers hatte zuvor gewarnt: "Wir zerstören dann noch das gute sportliche Bild. Und wenn wir die Liga aufblähen, wird sie nicht besser, sondern schlechter vermarktbar."

Verband erhält viele Anwaltsschreiben

Der mächtige Vize Koch hatte - deutlich präziser als der abermals in seiner Grundsatzrede eher fahrig wirkende Präsident Fritz Keller - ermahnt, dass in der höchsten DFB-Spielklasse, für die eine Task Force "Wirtschaftliche Stabilität" ins Leben gerufen worden ist, weitergespielt werden muss. Er habe keinerlei Verständnis dafür, wenn die DFL-Zentrale "mit Anwaltsschreiben bombardiert wird". Wenn die Bundesländer mehrheitlich den Spielbetrieb erlauben würden, "können wir nicht abbrechen". Daran würden auch anderweitige Verfügungslagen in zwei, drei Bundesländern nichts ändern. "Ansonsten gibt es hohe Risiken für Haftungs- und Schadensersatzansprüche", mahnte der Jurist. In diesem Zusammenhang womöglich wichtig, dass die DFB-Vertreter nicht mehr für Folgen der Pandemie haftbar gemacht werden können. Auch das ergab eine deutliche Abstimmung.

"Den Anspruch, spielen zu wollen, sollten alle Profiligen haben - auch jene innerhalb des DFB", sagte Peter Peters als zweitmächtigster Funktionär der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Ligachef Christian Seifert sagte lieber nichts, was durchaus als bezeichnend interpretiert werden darf, bekam aber von DFB-Chef Keller ein Lob ausgesprochen, dass das Hygiene- und Sicherheitskonzept bislang so störungsfrei funktioniert habe: "Wenn die Sonne scheint, können viele glänzen. Wenn der Wind weht, nur die wenigsten."

Ein Sturm braut sich über dem größten Einzelsportverband in finanzieller Hinsicht zusammen. Schatzmeister Stephan Osnabrügge machte eindringlich deutlich, dass die Pandemie die fetten Rücklagen von einst 150 Millionen Euro auffrisst. Der DFB befinde sich in der "tiefsten wirtschaftlichen Krise seiner Existenz". Sollten alle negativen Szenarien eintreten, könnte das bis zu "einer potenziellen Existenzgefährdung" führen. Allein 106 Millionen Euro hätten 2020 die Sponsoringeinnahmen bringen sollen, zusätzlich 60 Millionen Euro die Spiel- und Vermarktungserträge der A-Nationalmannschaft. Entsprechende Ausfallsicherungen haben allein für die im März abgesagten Länderspiele in Spanien und gegen Italien gegriffen - weitere Absicherungen kann der Verband nicht in Anspruch nehmen.

77 Millionen Euro Verlust drohen

Sollten keine Länderspiele bis zum 31. Dezember 2020 stattfinden, würde der DFB unter dem Strich satte 77 Millionen Euro Verlust machen. Ein Baustopp der neuen Akademie, an der in Frankfurt gewerkelt wird, komme nicht infrage. Die hierfür veranschlagten 150 Millionen Euro wären in guten Zeiten zu stemmen gewesen, werden aber in Corona-Zeiten zur immensen Belastung. Sollte die Krise die Auswahl von Joachim Löw zur Untätigkeit verdammen, wäre von einer Rücklage von 43 Millionen Euro nichts mehr übrig, der einst so reiche DFB mit 13 Millionen Euro im Minus und müsste einen Nachtragshaushalt beschließen. Frank Hellmann/ Jan Christian Müller

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