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England träumt vom Coup

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Jetzt beginnt das Turnier auch für England richtig. Und in der jüngeren Vergangenheit war es danach auch schon wieder vorbei. Seit 2006 haben die Briten kein K.-o.-Spiel gewonnen. Die Partie gegen Kolumbien sehen viele dennoch nur als Durchgangsstation. Zumal ein Star der Südamerikaner auszufallen droht.

Seit zwölf Jahren kein K.-o.-Spiel gewonnen, seit 22 Jahren alle fünf Elfmeterschießen verloren, aber vor dem Achtelfinale gefühlt schon im Endspiel: Die Euphorie um Englands Nationalmannschaft ist Dauer-Twitterer und Überall-Experte Gary Lineker suspekt. »Es wirkt so, als hätten wir die wichtigste Stammtischparole des Fußballs vergessen: Immer ein Spiel nach dem anderen angehen«, schrieb der ehemalige Stürmer genervt: »In diesem Spiel geht es darum, nach zwölf Jahren mal wieder ein K.-o.-Spiel bei einem großen Turnier zu gewinnen. Damit ist doch alles gesagt.«

Doch nach der guten Vorrunde und mit der Verlockung der wahrscheinlich leichten Turnierhälfte träumen die leidgeplagten britischen Fußball-Fans schon vor dem Achtelfinale am Dienstag im Moskauer Spartak-Stadion gegen Kolumbien (20 Uhr MESZ/ARD) vom Coup. Angesichts eines möglichen Viertelfinals gegen die Schweiz oder Schweden und einem Halbfinale gegen Russland oder Kroatien sogar vom ersten Endspiel seit dem Titelgewinn 1966.

Doch der Euphorie im Lager der sonstigen Dauer-Pessimisten traut Trainer Gareth Southgate nicht ganz. Deshalb war er vor »Englands wichtigstem Spiel seit zehn Jahren« sogar froh über Kritik an seiner Wechselarie vor dem Gruppenfinale gegen Belgien (0:1). »Um ehrlich zu sein: Ich habe mich nicht ganz wohlgefühlt mit der ganzen Beweihräucherung«, sagte er: »Deshalb finde ich es ganz gut, dass es nun auch ein bisschen Gegenwind gibt.«

Die Niederlage des eigenen B-Teams gegen das belgische sowie die Kritik haben die Sinne innerhalb der Truppe geschärft. Zumal alle Spieler, zumindest nach außen, Southgates Entscheidung mit acht Wechseln stützen. Sogar Kane, obwohl dieser unbedingt WM-Torschützenkönig werden will. »Er sagte zu mir: »Natürlich will ich den Golden Schuh gewinnen. Aber das Wichtigste ist die Mannschaft«», berichtete Southgate: »Er hat es zu 100 Prozent verstanden und gezeigt, dass er ein echter Führungsspieler ist.«

England will seine beiden Traumata überwinden. Gegen die Angst vor dem Elfmeterschießen hat der Coach mit Psychotests, regelmäßigem Training und fest geregelten Abläufen angekämpft. »Elfmeterschießen ist definitiv kein Glück. Und es hat auch nichts mit Zufall zu tun«, sagte ausgerechnet Southgate, der im EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland als einziger verschoss. Doch seinen Spielern hat er Selbstvertrauen eingeimpft. Alle gaben an, im Fall der Fälle ohne Zögern schießen zu wollen.

Doch dass England seit einem 1:0 dank Beckham im WM-Achtelfinale 2006 gegen Ecuador kein K.o.-Spiel gewonnen hat, lag nicht nur an der Nervenschwäche. »Dafür gab es viele verschiedene Gründe«, sagte Southgate: »Elfmeter, ja. Aber auch disziplinarische Gründe. Und manchmal waren wir einfach nicht gut genug.«

Das soll nun anders sein. Und in dieser Situation kommt es den Engländern sicherlich nicht ungelegen, dass James Rodríguez, das strahlende Gesicht des kolumbianischen Fußballs, wieder verletzt ist – Bluterguss in der rechten Wade. Der Einsatz des Mittelfeldspielers vom FC Bayern scheint ziemlich fraglich, ein ganzes Land bangt mit dem WM-Torschützenkönig von 2014. Das medizinische Team arbeite an einem »Wunder«, heißt es in den Medien.

Nach zweitägigem Schweigen hatte der Verband eine Diagnose bekannt-, aber keine Prognose abgegeben, ob Rodríguez spielen kann. Auch der Profi selbst äußerte sich nicht konkret zu seinen Aussichten. »Danke für eure Nachrichten. Sie sind eine große Unterstützung und positive Energie. Ich werde noch stärker zurückkommen«, twitterte James, der ansonsten in den sozialen Netzwerken sehr aktiv ist, lediglich.

Offensichtlich will sich der WM-Viertelfinalist von 2014 vor dem ersten K.o.-Spiel nicht in die Karten schauen lassen. Die Hoffnungen der Fans auf einen Einsatz ihres Nationalhelden schwinden jedoch. Gut möglich sogar, dass die WM für ihn bereits gelaufen ist.

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