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Trainer Gareth Southgate versucht, den 19-jährigen Bukayo Saka nach seinem verschossenen Elfmeter zu trösten.

England in Tränen

  • VonDPA
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Wieder versagen den Engländern vom Elfmeterpunkt die Nerven. Die Niederlage im EM-Finale gegen Italien setzt Trainer Southgate ganz besonders zu. Für den 50-Jährigen wiederholt sich die Fußball-Geschichte.

Gareth Southgate war schwer gezeichnet vom Elfmeter-K.-o. im EM-Finale. Englands Fußball-Nationaltrainer redete am Montag mit leiser Stimme. »Es fühlt sich heute Morgen an, als hätte man mir die Eingeweide rausgerissen«, sagte der 50-Jährige nach der 2:3-Niederlage im Elfmeterschießen gegen den neuen Europameister Italien.

Nachdem Italiens Kapitän Giorgio Chiellini kurz zuvor in Rom vor jubelnden Tifosi den EM-Pokal in die Höhe gestemmt hatte, saß Southgate mit hängenden Schultern im englischen EM-Lager in Burton upon Trent. Wieder mal waren den Engländern vom Punkt die Nerven versagt, wieder versinkt eine leidgeprüfte Fußball-Nation in kollektiver Trauer. »Das Land in Tränen nach dem nächsten Strafstoß-Fiasko«, schrieb etwa die »Daily Mail«. Aber wieso diesmal? Southgate konnte darauf keine Antwort geben. »Ich brauche Zeit, um das alles zu reflektieren«, sagte der Ex-Profi. »Ich brauche eine Pause. Das war eine großartige Erfahrung. Aber sein Land durch ein Turnier zu führen, kostet Kraft. Es gibt viel, worüber ich nachdenken muss.«

Es ist fast schon bizarr, auf welche tragische Art und Weise sich die Geschichte für den früheren Verteidiger wiederholt. Vor 25 Jahren war es Southgate, der mit seinem Fehlschuss im EM-Halbfinale gegen Deutschland im Wembley-Stadion Englands Traum vom Heim-Titel beendete. Am Sonntagabend und an gleicher Stelle war es Southgate, der nach einem hochdramatischen Endspiel gegen die Azzurri die Elfmeterschützen der Three Lions bestimmte. Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka vergaben: Ein 23-Jähriger, ein 21-Jähriger und ein 19-Jähriger. »Falls ich falsche Entscheidungen getroffen habe, muss ich damit leben«, sagte Southgate. Seine Spieler nahm der Coach erneut in Schutz. »Es war meine Entscheidung, wer die Elfmeter schießt, von niemandem sonst«, betonte er. »Meine Spieler sollten unglaublich stolz auf das sein, was sie geleistet haben.«

England und sein Elfmeter-Trauma, das ist eine wohl niemals endende Schreckensgeschichte. Im neunten Anlauf bei einem großen Turnier kassierten die Three Lions ihre siebte Niederlage vom Punkt. Und trotz eines insgesamt starken Turniers konnten einige Zuschauer damit offensichtlich nicht umgehen. Saka, Sancho und Rashford wurden nach ihren Fehlschüssen im Netz rassistisch beleidigt. Zudem überschatteten die Videobilder von prügelnden Chaoten einen sportlich lange begeisternden Abend für die Three Lions. Als Luke Shaw mit seinem Tor nach 116 Sekunden England in Führung gebracht hatte, bebte Wembley vor Freude. Alles schien aufzugehen: Southgates geniale Systemumstellung auf eine Dreierkette, dazu der Rückenwind durch die eigenen Fans.

Doch dann kippte die Partie. Nach der Pause verlor England die Kontrolle über das Spiel, Italiens Leonardo Bonucci (67.) erzielte den Ausgleich. Es folgte ein Kampf vor 67 173 Zuschauern - bis Southgate kurz vor dem Elfmeter-Drama folgenschwere Fehler unterliefen. In der 120. Minute und mit Blick auf den Elfmeter-Showdown wechselte er seine beiden ältesten Spieler Jordan Henderson und Kyle Walker aus - und Rashford und Sancho ein. Der Rest ist bekannt.

Mehrere Jahre hat Southgate das Elfmeterschießen trainieren lassen, Sancho, Rashford und Saka habe er auch nach Trainingsleistungen ausgewählt, erklärte er. Aber lässt sich ein Elfmeterschießen in einem Heim-Finale vor über 60 000 tobenden Fans überhaupt simulieren? Southgate kennt die Kritik und wird sich darüber Gedanken machen.

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