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Amin Younes hält ein Shirt mit dem Porträt eines der Opfer des Terroranschlags von Hanau.

GEDENKEN AN OPFER VON HANAU

Eintracht nicht zu bremsen

  • vonRedaktion
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Eintracht Frankfurt sorgt in der Bundesliga weiter für Furore. Gegen den Branchenführer FC Bayern setzen die Hessen ihre Erfolgsserie fort - und auch abseits des Fußballs ein starkes Signal.

Vor ein paar Tagen hat sich der etwas ausgefallene und auch aus der Zeit gefallene Fußballspieler Martin Hinteregger über die Gepflogenheit im Heiligtum einer Profimannschaft beklagt. Früher, erzählte der 28-Jährige also, habe man sich in der Kabine locker in den Whirlpool gefläzt, »gemütlich ein Bier getrunken und übers Spiel gequatscht«. Heute sei das anders, »heute sitzt jeder mit dem Handy da.« Stimmung? Null. »Ich finde das schade.« Klare Sache.

Da aber besondere Anlässe besondere Maßnahmen erfordern ist dem Hinti am frühen Samstagabend der Wunsch nach Fußball-Retro und Kabinen-Romantik erfüllt worden. Über ihren Twitter-Account veröffentlichte die Eintracht ein Foto, das den Österreicher mit einer Kiste Bier zeigt, die er in die Kabine schleppt, selig lächelnd.

Dabei kann man im späten Winter 2021 ja sogar darüber streiten, ob solch ein 2:1 (2:0)-Erfolg der Frankfurter Eintracht über Bayern München tatsächlich ein besonderes Ereignis von herausragender Bedeutung ist, schließlich haben sich die Mannschaften in ihrem Leistungsniveau einander so ziemlich angepasst. Zwischen den Hessen und den Bayern liegen auf dem Platz keine Welten mehr, was natürlich damit zu tun hat, dass die Eintracht auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft angekommen zu sein scheint und den Münchnern die Puste ausgeht.

Die Frankfurter haben neun der letzten zehn Spiele gewonnen, sind seit elf Runden ungeschlagen, insgesamt haben sie nur zwei Spiele verloren, »das ist für Eintracht Frankfurt außergewöhnlich«, sagt Trainer Adi Hütter, der Architekt und Moderator des Erfolgsmodells. Zufall ist dieser Höhenflug nicht. Er ist das Ergebnis einer perfekt harmonisierenden Orchestration.

Die personell ausgedünnten Sixpack-Bayern hatten den zügellosen Frankfurtern am Samstag wenig entgegenzusetzen, präsentierten sich schlapp und ausgelaugt - zumindest im ersten Durchgang. Selten hat man gesehen, dass die Spieler des Rekordmeisters dermaßen tumb und ohnmächtig den Opponenten hinterherliefen, sie verloren im Kombinationshagel der Eintracht die Orientierung, wurden hergespielt. »Wir haben«, sagte Offensiv-Ass Amin Younes ohne Übertreibung, »ein fantastisches Spiel gemacht«.

Der frühere deutsche Nationalspieler trumpfte unter den Augen von Bundestrainer Joachim Löw phänomenal auf, war an jedem Angriff beteiligt, sprühte vor Ideen und Spielwitz. Der 27-Jährige schoss auch ein herrliches Tor, das zum 2:0, da jagte er den Ball mit Vollspann krachend in den Giebel (31.). Zuvor hatte Daichi Kamada die Führung erzielt (12.), natürlich auf Vorlage des erneut starken Filip Kostic. Die Bayern konnten froh sein, mit 0:2 in die Kabine schlurfen zu dürfen, »wir haben es versäumt, auf 3:0, 4:0 zu erhöhen«, so Hütter,

Im zweiten Abschnitt entwickelte sich ein ähnliches Spiel wie im ersten - nur genau umgekehrt. Nun waren es die Bayern, die die Eintracht »fast an die Wand gespielt« haben, wie Sportvorstand Fredi Bobic einräumte. Die Frankfurter aber schluckten nur den Anschlusstreffer durch Robert Lewandowski (53.), weil sie mit Bravour fighteten und sich mit aller Macht gegen den Ausgleich stemmten. Auch das ist ein Qualitätsmerkmal. Dabei hätten sie sogar noch einen Strafstoß zugesprochen bekommen müssen, doch Schiedsrichter Sascha Stegemanns Pfeife blieb stumm, als Alphonso Davies dem eingewechselten Ragnar Ache im Strafraum in die Hacken trat.

Der Sieg mit drei »Bonuspunkten« (Hütter) werde seinem Team »Kraft und Power« geben, glaubt der Trainer. Am Freitag geht es nach Bremen, vielleicht wieder mit André Silva, der wegen eines Hexenschusses passen musste und den Luka Jovic nicht adäquat ersetzen konnte.

Die Champions League ist kein Wunschtraum mehr, sondern ein realistisches Ziel. Unzweifelhaft ist, dass fortan jeder Gegner die Eintracht zu Fall bringen will. »Wir waren die Jäger, jetzt sind wir die Gejagten«, sagt Bobic. »Damit muss man umgehen können.« Es gibt Schlimmeres.

Die Fußballer von Eintracht Frankfurt haben beim Bundesliga-Spiel gegen Rekordmeister FC Bayern das Gedenken an die Opfer des rassistisch motivierten Anschlags von Hanau vor einem Jahr unterstützt.

Zunächst trug das Team beim Aufwärmen Bilder und Namen der Getöteten auf ihrer Trainingskleidung. Später feierte Amin Younes mit einem Shirt mit dem Porträt von Fatih Saraçoglu, einem der Opfer, seinen Treffer zum zwischenzeitlichen 2:0 gegen die Münchner.

»Wir wollten mit den T-Shirts nicht nur Statistiken zeigen, sondern die Gesichter der Opfer. Daran wollten wir erinnern: Nicht vergessen bedeutet, es nicht erneut geschehen zu lassen«, sagte Eintracht-Präsident Peter Fischer dem TV-Sender Sky. DPA

Frankfurts Daichi Kamada besorgt in der zwölften Minute das 1:0 für die Eintracht gegen die Bayern.

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