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Eine neue Fußball-Welt

  • vonSID
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Der weltweit beachtete Bundesliga-Restart hat für viele skurrile Bilder gesorgt. Die strengen Regeln wurden nur vereinzelt missachtet. Lob gab es deshalb auch aus der Politik.

Ersatzspieler mit Masken auf der Tribüne, Torjubel mit Sicherheitsabstand, Fiebermessen vor dem Stadion und desinfizierte Fußbälle: Die neuen Hygiene-Vorschriften haben beim umstrittenen, aber auch weltweit beachteten Geister-Neustart der Bundesliga nach 66-tägiger Corona-Pause für ungewohnte, an vielen Orten auch skurrile Szenen gesorgt.

"Es hat schon etwas Surreales, wenn du in den letzten zwei Stunden vor Anpfiff aus aller Welt SMS bekommst, dass die Leute heute vorm Fernseher sitzen. Und dann fährst du durch deine Stadt, und es ist überhaupt nichts los", sagte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bei Sky.

Dennoch: Abgesehen von Herthas "Kuschelkurs" beim 3:0 in Hoffenheim wurden die strengen Vorgaben zunächst weitgehend umgesetzt - zur Freude der Politik. "Der Restart hat sich gelohnt. Es ist genau das vorsichtige Hineintasten in eine verantwortungsvolle Normalität, die wir alle wollen. Die Liga hat ein perfektes Konzept vorgelebt", sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bei "Bild". Wenn alles so gut laufe, "kann der Wettbewerb weitergehen".

Auch Bayern Ministerpräsident Markus Söder (CSU) war voll des Lobes. "Das Experiment ist unter dem Strich gelungen. Es war viel besser als gedacht. Die Liga hat den ersten Härtetest bestanden", sagte Söder im Sport1-Doppelpass. Deutschland sei ohnehin bisher besser durch die Krise gekommen, "jetzt setzen wir wieder ein Signal, dass wir es können".

Nur die Jubelszenen von Hertha BSC hätten ihm nicht so gut gefallen, "da wird die Liga nachschärfen", betonte Söder und sprach von "Geburtswehen". Der Fußball habe eine "extreme Vorbildfunktion und spielt jede Woche auf Bewährung". Deshalb müsse man sich eben an Regeln halten. Bayern Münchens Präsident Herbert Hainer sprach von einem "sehr guten Anfang".

Keine Atmosphäre

Gewöhnungsbedürftig war der Wiederbeginn aber allemal. Vor allem die Atmosphäre in den leeren Arenen war gespenstisch. "Du hast keinen Lärm. Du machst einen Top-Pass, du machst ein Tor - nichts passiert. Es ist sehr komisch. Unsere Fans fehlen uns sehr", betonte Dortmunds-Trainer Lucien Favre nach dem 4:0 im Revierderby gegen den Erzrivalen Schalke 04.

Dass die BVB-Stars nach dem beeindruckenden Erfolg vor der legendären, diesmal aber leeren Südtribüne die Welle zelebrierten - natürlich mit dem nötigen Abstand untereinander - zeigte die ganze Absurdität des 26. Spieltags. Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic sprach von einem "historischen Tag in der Liga".

Dazu gehörte etwa, dass die Schalker Profis mit zwei Bussen nach Dortmund reisten, die Spieler bei der Platzbegehung Masken trugen, die Bälle desinfiziert wurden, beim Eintritt ins Stadion Fieber gemessen wurde - oder auch eine Besonderheit beim Spiel zwischen der Eintracht und Gladbach (1:3): Auf der Tribüne erhielten die anwesenden Personen einen elektronischen Abstandsmesser, der bei unzulässiger Nähe akustisch warnte. "Das Piepsen war überall zu hören, auf jeden Fall", sagte Bobic im Sportstudio.

Nur die Anhänger bekamen davon direkt nichts mit. Das Verhalten der Fans war vor dem ersten Geisterspieltag der Bundesliga-Historie auch großes Thema gewesen. Die befürchteten Zuschauer-Ansammlungen vor den Stadien blieben jedoch aus. "Das zeigt, dass Fans und Ultras sehr verantwortlich reagiert haben. Der Tag hat gezeigt: Die Fans wissen, worauf es ankommt", betonte Laschet. Es war aber erst der Anfang. Man solle bei dem Konzept bleiben, "aus den Erfahrungen lernen und nachbessern", sagte Söder: "Wir dürfen jetzt nicht übertreiben. Es bleibt eine Herausforderung."

VIP-Loge statt Bank

Zu den Denkwürdigkeiten des Restarts trug auch Heiko Herrlich bei, der frustriert die schmucke VIP-Loge in der Arena verließ. Anstatt beim FC Augsburg für die dringend benötigte Trendwende zu sorgen, erlebte der neue Trainer gleich in doppelter Hinsicht einen Einstand zum Vergessen: erst sein gedankenloser Verstoß gegen die Quarantäne-Regeln inklusive freiwilliger Banksperre, dann die bittere 1:2 (0:1)-Last-Minute-Pleite gegen den VfL Wolfsburg.

Torwart Andreas Luthe brachte die peinliche Affäre um den 48-Jährigen mit drastischen Worten auf den Punkt. "Es ist natürlich scheiße, wenn der Cheftrainer nicht dabei ist", sagte Luthe nach der achten Pleite im zehnten Spiel des FCA bei Sky. Herrlich hatte in der Vorwoche die Isolation im Teamhotel gebrochen und war wegen fehlender Zahnpasta und Hautcreme in einen Supermarkt einkaufen gegangen.

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