Das Wunder von Bern ist vollbracht: Der deutsche Kapitän Fritz Walter und sein Lauterer Teamgefährte Horst Eckel (r.) werden am 4. Juli 1954 nach dem Triumph im WM-Finale im Wankdorfstadion von begeisterten Anhängern vom Spielfeld getragen. ARCHIVFOTOS: DPA
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Das Wunder von Bern ist vollbracht: Der deutsche Kapitän Fritz Walter und sein Lauterer Teamgefährte Horst Eckel (r.) werden am 4. Juli 1954 nach dem Triumph im WM-Finale im Wankdorfstadion von begeisterten Anhängern vom Spielfeld getragen. ARCHIVFOTOS: DPA

Eine Legende

  • vonred Redaktion
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Es ist Konsens, dass Fritz Walter einer der größten deutschen Fußballer war. Keine "Hall of Fame", keine Elf des Jahrhunderts ohne ihn. Doch wer hat ihn wirklich noch spielen sehen? 90 Minuten lang, das Auge analytisch auf ihn gerichtet? Und falls es diese Zeitzeugen noch gibt: Verblasst nicht die Erinnerung irgendwann - und setzt Verklärung ein?

Es werden am heutigen Samstag 100 Jahre, dass Fritz Walter geboren wurde. Seine Blütezeit waren die 50er Jahre, die 40er nahm ihm der Zweite Weltkrieg. Selbst von Fritz Walters größtem Erfolg, dem Sieg im Weltmeisterschaftsendspiel 1954 in Bern, gibt es keine vollständige Dokumentation, sondern nur Minutenschnipsel. Und sein wohl spektakulärstes Tor, das 1956 im Zentralstadion in Leipzig 120 000 Zuschauer sahen, wurde lediglich in grobkörnigen Fotografien festgehalten und in Erzählungen überliefert: Fritz Walter vom 1. FC Kaiserslautern hechtete in eine Flanke, lag waagerecht in der Luft, nahm den Ball mit der Hacke - ein Jahrhunderttor, lange bevor es das Tor des Monats gab.

Der Pfälzer Fritz Walter galt als Deutschlands bester Fußballer - bis der Münchner Franz Beckenbauer kam, mit Uwe Seeler vom Hamburger SV der erste Star des Fernsehzeitalters. Fritz Walter war vor allem eine mythische Figur - verankert in seiner Zeit und unantastbar. Kurz gesagt: eine Legende.

Wie er nun als Spieler war? Fußball war vor 70, 80 Jahren noch kein sonderlich dynamischer Sport, gelaufen wurden nicht 12 oder 13 km, sondern drei bis vier. Erst mit dem Brasilianer Pelé erfuhr die Welt 1958 die Anmutung dessen, wohin das Spiel sich entwickeln kann. Dass Fritz Walter in seiner Ära weit über anderen Akteuren stand, verdeutlichen einige Zahlen: Für Kaiserslautern erzielte er 327 Tore in 384 Partien, für die Nationalmannschaft 33 in 61 Länderspielen. Außergewöhnliche Quoten für einen, der ja gar kein Stürmer war, sondern der Stratege im Mittelfeld, über den man schrieb, er helfe auch in der Defensive am eigenen Strafraum mit. Heutzutage würde man Fritz Walter einen Box-to-box-Player nennen.

Populär blieb Fritz Walter, weil man bei ihm Charaktereigenschaften ausmachte, die einem Deutschland im Wiederaufbau gut zu Gesicht standen. Er blieb in seiner Heimat verwurzelt, ging auf lukrative Profi-Angebote aus dem Ausland nicht ein, er war durch und durch loyal, engagierte sich sozial. Er war ein Deutscher, den auch die schätzten, die unter Deutschland ein paar Jahre zuvor noch gelitten hatten.

Er verstand es, sich zu vermarkten

Auch wenn er Fußballer mit Amateurstatus und Monatsgehalt von 320 Mark blieb - er verstand es, sich zu vermarkten. Seine Bücher, die von den großen Spielen erzählten, gehörten zur Standardausstattung deutscher Eichenschrankwände. Fritz Walter lebte gut. Und seine Berühmtheit half ihm auch, heimatnah das ersehnte Grundstück für einen Bungalow mit Pool im Garten zu finden. In Alsenborn ließ der Gemeinderat ihn im Naturschutzgebiet bauen. Dafür musste Fritz Walter den Dorfclub ein bisschen managen, der in den 60er Jahren fast in die Bundesliga aufgestiegen wäre.

Fritz Walter wurde zum ersten Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, nach ihm wurde dieser Status nur noch Uwe Seeler, Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus und Philipp Lahm zuteil. Spieler, die in den 2000er Jahren in die DFB-Auswahl berufen wurden, konnten mit dem Namen Fritz Walter nicht mehr viel anfangen. Walter starb am 17. Juni 2002, während seine Nachfolger sich bei der WM in Südkorea aufs Viertelfinale vorbereiteten. Einen persönlichen Bezug hatte nur Miroslav Klose, damals Kaiserslauterer. Er war eng mit Fritz Walter gewesen. Wie der Autor Ronald Reng in seiner Klose-Biografie "Miro" schildert, habe Walter einige seiner Wesenszüge - Bescheidenheit, Mannschaftsdienlichkeit - im jungen Klose entdeckt. Klose war nach den Spielen des FCK im VIP-Raum am Tisch der 54er-Weltmeister willkommen und freute sich auf die Treffen: "Die Bescheidenheit, die Fritz Walter trotz seiner Erfolge ausstrahlte, zog mich regelrecht in seinen Bann. Er hatte so viel zu erzählen, und ich hatte so viele Fragen."

Inzwischen sorgt der DFB dafür, dass Nachwuchsspieler sich mit dem Namen Fritz Walter beschäftigen. Für die Jahrgangsbesten gibt es die "Fritz-Walter-Medaille". Auch in anderen Kontexten ist der Name präsent. Auf dem Kaiserslauterer Betzenberg steht das Fritz-Walter-Stadion. Und wenn’s nieselt, dann sprechen ältere Kommentatoren in Radio und TV in Anlehnung an Sepp Herberger ("Dem Fritz sein Wetter") vom Fritz-Walter-Wetter.

Welcher Fußballer sonst hat schon eine eigene Wetterlage?

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