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Ein stiller Genießer

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Der von den Bochumer Fans beleidigte Ex-Trainer Thomas Reis feiert als Schalke-Coach einen 2:0-Sieg beim VfL. © Imago Sportfotodienst GmbH

(sid). Er kam unter lautem Getöse und ging als stiller Genießer. Bei der triumphalen Rückkehr in sein altes Wohnzimmer verzichtete Thomas Reis auf Torjubel und große Gesten, vergrub seine Hände in den Hosentaschen und versteckte seine Emotionen. »Man kann auch innerlich feiern«, sagte der Trainer von Schalke 04 nach dem 2:0 (1:0) im kleinen Revierderby bei seinem Ex-Klub VfL Bochum.

»Man hat ja Respekt vor dem Verein, wo man lange gut gearbeitet hat und tierisch Spaß hatte«, führte der 49-Jährige aus. Der einstige Aufstiegsheld, der nach über 20 Jahren beim VfL weiter in Bochum wohnt, war ein knappes halbes Jahr nach seinem Rauswurf mit lauten Pfiffen und wüsten Beleidigungen empfangen worden. Als »Dankeschön« ließ er die Rote Laterne des Bundesliga-Tabellenletzten da.

Doch so ganz wohl fühlte Reis sich nicht, als er da stand im hellen Kapuzenpulli mit großem S04-Emblem bei seiner alten Liebe, die er in eine tiefe Sinnkrise gestürzt hatte. »Wenn es nach mir geht, würde ich mir wünschen, dass beide drin bleiben«, sagte auf die ungleichen Nachbarn, die weiter die beiden Abstiegsplätze belegen, »das wäre für das Ruhrgebiet gut.«

Aktuell steckt sein alter Arbeitgeber tiefer im Schlamassel. Nach fünf Pflichtspielpleiten in Folge und 367 Bundesliga-Minuten ohne Tor ist der VfL wieder da gelandet, wo er war, als Reis gefeuert wurde - auf Rang 18. Sein Nachfolger Thomas Letsch, mit fünf Heimsiegen in Serie zwischenzeitlich aus dem Gröbsten raus, drohte mit der »Peitsche«. Und die Fans riefen erstmals seit dem Bundesliga-Aufstieg vor knapp zwei Jahren: »Wir wollen euch kämpfen sehen.«

Reis hatten sie vor dem Spiel auf einem Transparent als »ehrenlosen Bastard« beschimpft und wie erwartet mit Pfiffen und Schmähgesängen empfangen. Der Rückkehrer nahm's äußerlich gelassen: »Da muss man drüber stehen. Ich sag‹ immer: Augen auf bei der Berufswahl.«

Dass er am Ende recht entspannt zurückblicken konnte, lag an einem langjährigen Bochumer Wegbegleiter: Torhüter Manuel Riemann hatte mit einem Slapstick-Eigentor (45.), seinem siebten (!) schweren Fehler, der zu einem Gegentor führte, den bis dahin harmlosen Schalkern zur Führung verholfen. Ein »Scheißdrecksgefühl« hatte nicht nur Abwehrspieler Keven Schlotterbeck. Reis' neuer Arbeitgeber glänzte in der zweiten Hälfte mit einem cleveren Eckentrick zu Marius Bülters 2:0 (79.), beendete die längste Negativserie der Bundesliga nach 38 Auswärtsspielen ohne Sieg und verließ erstmals seit Oktober den letzten Tabellenplatz.

Nach zehn Punkten aus den letzten sechs Spielen ohne Niederlage ist nicht nur die Hoffnung auf den Klassenerhalt zurück, plötzlich scheint auch Borussia Dortmund vor dem großen Revierderby am Samstag (18.30 Uhr/Sky) nicht mehr ganz so übermächtig. »Dortmund hat eine noch bessere Serie als wir am Laufen«, gab Bülter zu, fügte aber durchaus kampflustig an: »Ein Derbysieg kann uns sicherlich einen Push geben.«

Mit Reis, der neuen defensiven Stabilität und den jüngsten Erfolgen hat Schalke »wieder mehr Selbstvertrauen als vor ein paar Wochen noch«, betonte der Außenstürmer. Doch Reis warnte: »Es ist wichtig, dass man auf dem Boden bleibt und nicht meint, man hätte jetzt schon Bäume ausgerissen.«

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