Die NFL dreht sich auf links

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(sid). Sechs Fuß Abstand, also gut 1,80 Meter, so lautet die Regel. Wenn die Spiele in der US-Profiliga NFL vorbei sind, heißt es für die Footballer nach 60 Minuten Ringen, Schieben und Halten mit einem Mal: weg bleiben. Und der Trikottausch? Verboten! "Das ist verdammt bescheuert", findet nicht nur Quarterback Deshaun Watson von den Houston Texans.

Diese Vorgabe ist nur eine von vielen im Corona-Protokoll der NFL. "Safety first" lautet das Motto, die Liga will zeigen, dass sie den Ernst der Lage erkannt hat, sich kümmert. Da kann es durchaus schon mal etwas über das Ziel hinausgehen. Wegen der besonderen Umstände steht die Liga vor ihrer wohl ungewöhnlichsten Saison. In 26 der 32 Stadien, allesamt riesige Schüsseln, werden die Tribünen vorerst menschenleer sein. In die übrigen sechs darf nur eine begrenzte Anzahl an Zuschauern, so auch beim Auftaktspiel zwischen Super-Bowl-Champion Kansas City Chiefs und den Texans (Freitag, 2.20 Uhr MESZ/ProSieben).

Merkwürdige Szenen sind vorprogrammiert, interessant wird es aber schon vor Spielbeginn. In Anbetracht der aktuellen Rassismusskandale in den Staaten werden die Football-Profis sicher wie Basketballer, Baseballer und Fußballer zuvor Zeichen setzen. Der Kniefall während der Hymne, früher bei Ligaboss Roger Goodell noch verpönt, dürfte zum Standard werden. "Wir haben den Spielern früher nicht zugehört und ermutigen sie nun, ihre Botschaften zu verbreiten und friedlich zu protestieren", sagte der Commissioner zuletzt. "Black lives matter", schwarze Leben zählen, betonte Goodell dabei in Anlehnung an die gleichnamige Bewegung. Ein Kulturwechsel, der Colin Kaepernick zumindest persönlich nichts gebracht hat. Der Quarterback, Initiator der NFL-Proteste, ist noch immer arbeitslos. Lediglich im Videospiel Madden 21 wird er wieder verfügbar sein, die "echten" Teams wollen ihn nicht.

Rassismus und Corona, beide Probleme hängen wie dunkle Wolken über der Saison. Die Lage in Sachen Pandemie ist bislang erfreulich. Von 44 510 Proben, genommen bei insgesamt 8349 Personen, waren bis Dienstag acht positiv, nur ein Spieler erkrankte. Allerdings gab es auch keine Vorbereitungsspiele, erst in dieser Woche gehen die Teams auf Reisen. Es wird weiter alle 24 Stunden getestet, nur an Spieltagen nicht. Darauf drängte die Spielergewerkschaft NFLPA. Es ist eine spannende Frage, wie sich die Zahlen entwickeln werden. Denn: NFL-Profis sind nicht gerade für Disziplin abseits des Platzes berühmt. Und die braucht es jetzt. Einige Spieler betrifft das nicht, sie zogen die "Opt-out-Option" und legen eine Pause ein. NFL-Champion Laurent Duvernay-Tardif geht lieber weiter seinem "Nebenjob" als Arzt nach, auch Dont’a Hightower (New England Patriots) setzt aus.

Die Deutschen sind alle dabei, drei haben es in den 53er-Kader geschafft. Linebacker Mark Nzeocha (Neusitz/Bayern) von Super-Bowl-Teilnehmer San Francisco 49ers, Wide Receiver und Deutsch-Amerikaner Equanimeous St. Brown von den Green Bay Packers und Fullback Jakob Johnson (Stuttgart) von den Patriots.

Die Packers und die Niners gehören zu den Titelkandidaten, Favorit sind die Chiefs um Star-Quarterback Patrick Mahomes, auch die New Orleans Saints und die Baltimore Ravens um Lamar Jackson haben wieder gute Karten. Rein sportlich gehen viele Augen Richtung Florida. Nach 20 Jahren und sechs Titeln hat Quarterback-Legende Tom Brady, erfolgreichster Spieler der NFL-Geschichte, die Patriots verlassen und sich den Tampa Bay Buccaneers angeschlossen. Sein langjähriger Zielspieler Rob Gronkowski kam für ein Engagement bei den "Bucs" aus dem Ruhestand zurück. Es wird interessant.

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