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DOSB-Sportchef "Kein komplett verlorenes Jahr"

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Der Leistungssportchef des Deutschen Olympischen Sport-Bundes hat in der Corona-Krise viel zu tun. Die Verlegung der Tokio-Spiele auf 2021 hat Folgen. Im Interview erklärt Dirk Schimmelpfennig die außergewöhnlichen Herausforderungen.

Die Olympischen Spiele in Tokio sind wegen der Corona-Pandemie auf 2021 verlegt worden. Ob die Sommerspiele einen anderen Charakter oder ein anderes Leistungsniveau haben werden, ist ungewiss. "Es ist sehr schwer, heute schon ein Bild von den Olympischen Spielen 2021 zu entwickeln", sagte Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport des Deutschen Olympischen Sport-Bundes, im Interview.

Wie erleben Sie als Leistungssportchef einer der größten Dachverbände den fast zweimonatigen Stillstand im deutschen Sport?

Stillstand erlebe ich nicht, wohl aber eine Corona-Krise, die auch den Sport sehr stark betrifft. Aber wir suchen im Sport schrittweise nach Möglichkeiten, um statt Stillstand zumindest zunächst noch eingeschränkte Möglichkeiten zu schaffen, weiter zu trainieren, weiter zu arbeiten, den Fitnesszustand zu erhalten. Das Ganze muss sauber, verantwortungsvoll und vereinbar mit den Schutzbestimmungen zur Eindämmung des Coronavirus sein.

Welche Auswirkungen wird es für den Spitzensport haben, so lange Zeit auf kleiner Flamme laufen zu müssen? Wie verkraften Athleten die Verunsicherung durch die Corona-Krise und die zögerliche Olympia-Verlegung auf 2021?

Es ist sehr deutlich in den Medienveröffentlichungen zu sehen, dass unsere Athleten, Trainer und die verantwortlichen Funktionäre sehr gewissenhaft mit der Situation in der Corona-Krise umgehen und für all diese zum Teil extremen Einschränkungen Verständnis haben. Nichtsdestotrotz freuen sie sich, wenn sich mehr und mehr Möglichkeiten eröffnen, wieder zunehmend besser trainieren zu können, um so den Weg zu einer schrittweisen Normalisierung der Prozesse einzuschlagen.

Winter und Frühling sind die Jahreszeiten des Aufbautrainings für die Sommersportarten. Durch die Pandemie ist dies kaum möglich gewesen; Trainingslager mussten teils abgebrochen werden. Kann dieses Defizit wieder wett gemacht werden?

Es gab in den vergangenen Wochen bereits individuelle Trainingsmöglichkeiten an den Bundes- und Olympiastützpunkten. Ich glaube, dass es den Athleten in den verschiedenen Sportarten gelungen ist, ihre allgemeine Fitness in Abstimmung mit den Trainern zu erhalten. Es gab neue Formate per Video, also völlig andere Kommunikationswege. In Individualsportarten ist das Training im Freien einfacher möglich als bei Sportarten, die nicht ohne Kontakte auskommen. In diesem Bereich konnte und kann leider noch nicht spezifisch trainiert werden. Da muss abgewartet werden, bis es wieder verantwortbar zu realisieren ist.

Wie wichtig wäre die Erlaubnis für Wettkämpfe im Herbst?

Sicherlich wären Wettkämpfe sehr wichtig und auch wirtschaftlich von Bedeutung. Die internationalen Verbände werden, wenn es wieder möglich ist, ihre Wettbewerbsprogramme hoffentlich im Herbst wieder aufnehmen. Daraus würde sich auch eine Konsequenz für die Ausrichtung in den nationalen Spitzenverbänden ergeben.

Ist das Jahr 2020 für den Sport insgesamt ein verlorenes Jahr?

Sicherlich ist es wie für alle ein extrem schwieriges und sehr herausforderndes Jahr, in dem auch die Olympischen Spiele, wie viele andere Sportgroßveranstaltungen, nicht wie geplant stattfinden können. Deshalb ist es kein Jahr wie jedes andere. Aber wir müssen nun sehen, was in den nächsten Monaten noch möglich ist. Es ist und wird für alle ein stark eingeschränktes Jahr sein, aber ich würde es deshalb derzeit nicht als komplett verlorenes bezeichnen wollen.

Sind Geister-Wettbewerbe ohne Zuschauer besser als nichts?

Es wäre für Verbände und Athleten auch aus wirtschaftlichen Gründen wichtig, wieder Wettkämpfe zu haben. Natürlich wünscht sich jeder einen anderen Rahmen als Geisterspiele, aber im Moment sind wir in einer Phase, in der in Stufen vorsichtig wieder hochgefahren wird, so wie es auch in anderen Bereichen wie der Wirtschaft geschieht.

Was bedeutet diese Krise für die Leistungssportreform? Hat sich da jetzt etwas verschoben?

Ja, klar. Der Olympia-Zyklus von 2017 bis 2020 ist durch die Verschiebung der Sommerspiele de facto um ein Jahr bis 2021 verlängert. Das bedeutet, dass auch der nächste Zyklus in Richtung der Spiele 2024 in Paris anders zu betrachten ist. Die Fördersystematik, so wie sie angelegt war, kann ab 1. Januar 2021 nicht umgesetzt werden wie gedacht, weil die Ergebnisse von Tokio aus dem Jahr 2020 zur vollständigen Potenzialanalyse der Sportarten und Disziplinen fehlen werden. Der ganze Prozess wird sich also verzögern.

Welche Folgen hat die Olympia-Verschiebung auf 2021 für die ausstehenden Qualifikationen für die Tokio-Spiele? Bisher sind sie erst zu 57 Prozent abgeschlossen.

Bei den Qualifikationen ist die große Problematik, dass man noch nicht absehen kann, wann und wie sie sich gestalten lassen, wann es dafür Planungssicherheit geben wird. Vom Grundsatz her ist es so, dass die bisherigen Qualifikationen der internationalen Verbände ihre Gültigkeit behalten. Da hat das IOC frühzeitig Klarheit geschaffen.

Wie schwer ist es für die Athleten, den zweiten Anlauf - auch mental - auf die Tokio-Spiele zu nehmen?

Der Dialog mit der Athletenkommission hat gezeigt: Hier geht es um individuelle Lösungen, individuelle Programme. Man kann sagen, dass alle Beteiligten diese Situation sehr gut einschätzen können und alles dafür tun, gemeinsam Lösungen zu finden, für die duale Karriere, bei den Trainingsbedingungen oder den allgemeinen Rahmenbedingungen. Für die Verantwortlichen gilt es, flexibel zu sein und auf die Belange der Athleten einzugehen.

Werden die auf 2021 verlegten Olympischen Spiele andere werden, mit anderem Leistungsniveau und weniger Chancengleichheit? Schließlich weiß man weder, wann in den Ländern wieder komplettes Training und Wettbewerbe möglich sind.

Die Tokio-Spiele werden insofern anders sein, weil man in den Sportarten und Disziplinen noch keine Planungssicherheit für den Leistungsaufbau in Richtung Spiele hat. Die weitere Entwicklung der Corona-Krise ist die Grundlage für alles, was im Sport möglich und noch offen ist. Es ist sehr schwer, heute schon ein Bild von den Olympischen Spielen 2021 zu entwickeln.

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Dirk Schimmelpfennig ist seit dem 1. März 2015 Vorstand Leistungssport beim Deutschen Olympischen Sportbund. Zuvor war er Cheftrainer und Sportdirektor des Deutschen Tischtennis-Verbandes. FOTO: DPA

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