Dortmund unter Schock

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Sechs Tore, zwei Rote Karten, hitzige Debatten: In einem emotionalen Revierderby patzt Borussia Dortmund gegen Schalke 04. Die Bosse widersprechen ihrem Trainer und schreiben die Meisterschaft in der Fußball- Bundesliga noch nicht ab.

Rotsünder Marco Reus starrte ins Leere, die BVB-Fans waren plötzlich ganz still, und aus der Ecke des Erzrivalen hagelte es Hohn und Spott. Nach dem völlig unerwarteten Rückschlag im Titelrennen ausgerechnet gegen den Krisenklub Schalke 04 stand Borussia Dortmund unter Schock – nur Trainer Lucien Favre tobte.

"Das ist der größte Skandal in der Fußball-Geschichte für mich. Das ist eine große Schande", ereiferte sich der tief enttäuschte Schweizer ungewohnt emotional nach dem 2:4 (1:2) im 176. Revierderby. Der aus seiner Sicht völlig unberechtigte Handelfmeter zum zwischenzeitlichen Ausgleich durch Daniel Caligiuri (18.) hatte Favre vollkommen aus der Fassung und seine Mannschaft aus dem Rhythmus gebracht.

Nach der ersten Heimniederlage der Saison hakte Favre die neunte Meisterschaft der Vereinsgeschichte ab. "Der Titel ist verspielt. Das ist klar für mich. Das ist schwer zu verdauen", sagte der BVB-Coach, der die Auslegung der Handregel als "lächerlich" bezeichnete: "Die Leute, die diese Regel erfunden haben, können nicht mehr in den Spiegel sehen."

Frust schob auch Michael Zorc, der seinen Zorn gegen Schiedsrichter Felix Zwayer richtete. "Da steht er und macht sich zum Hauptdarsteller", sagte der Sportdirektor über den Unparteiischen, der seinen Elfmeterpfiff nach Videobeweis und die berechtigten Roten Karten gegen Reus (60.) und Marius Wolf (65./beides grobes Foulspiel) den Journalisten ausführlich erklärte.

Dass die Schalker Fans höhnisch vom "deutschen Meister BVB" sangen, tat zusätzlich weh. Die Königsblauen nahmen damit späte Rache für 2007. Damals hatte der lange abstiegsgefährdete BVB die Schalker im vorletzten Saisonspiel mit einem Heimsieg aus allen Meisterträumen gerissen.

Dieses Mal könnte es umgekehrt laufen, auch wenn die Dortmunder Führungskräfte ihrem Trainer widersprachen und die Meisterschaft noch nicht abhaken. "Ich gebe noch nicht auf. Das Ding ist noch nicht durch", sagte der Leiter der Lizenzspielerabteilung Kehl. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke meinte: "Wir geben erst auf, wenn es rechnerisch nicht mehr möglich ist. Das ist unsere Verpflichtung den Fans gegenüber."

Noch nicht durch ist auch der abgestürzte Vizemeister Schalke im Abstiegskampf, für Clemens Tönnies war es aber "ein Riesenschritt". Daher umarmte der Aufsichtsratschef Trainer Huub Stevens nach dem Auswärtscoup innig und drückte dem Niederländer einen Kuss auf die Stirn. "Mit diesem Spiel sind viele Sachen vergessen", sagte Kapitän Benjamin Stambouli.

Dem widersprach allerdings der Knurrer aus Kerkrade. "Das macht die Saison nicht gut", sagte Stevens, der auch beim zuvor letzten Schalker Sieg in Dortmund im Oktober 2012 auf der Bank gesessen hatte. Zumindest hat der Jahrhunderttrainer seine Mission Klassenerhalt aber so gut wie erfüllt.

Favres Meistermission droht derweil zu scheitern, weil sein Team der Nervenbelastung im Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Bayern im Derby nicht gewachsen war – trotz der frühen Führung durch Mario Götze (14.). Die Dortmunder ließen sich von kampfstarken Schalkern den Schneid abkaufen, spielerisch überzeugte einzig Jungstar Jadon Sancho. "Das tut sehr weh, aber wir haben es uns ein Stück weit selber zuzuschreiben", sagte Kehl.

Der BVB agierte zu zaghaft, Caligiuri drehte nach seinem Elfmetertor nach Handspiel von Julian Weigl das Spiel: Seinen Eckball köpfte Salif Sane zur Schalker Führung ein (28.), nach dem Platzverweis gegen Reus ("Wir brauchen nicht darüber reden, dass es eine Rote Karte war") zirkelte Caligiuri den Freistoß sehenswert in den Winkel (62.).

Zwar keimte beim BVB in doppelter Unterzahl noch einmal Hoffnung durch den Anschlusstreffer von Axel Witsel auf (84.), aber Schalkes Breel Embolo sorgte mit einem strammen Schuss für die Entscheidung (86.). "Eine Derbyniederlage ist immer sehr bitter. In dieser Situation noch ein Stück weit mehr", sagte Kehl.

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