Nicole Resch
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Nicole Resch

Dopingvertuschung und Korruption

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(sid). Bestechungsgelder an Topfunktionäre, fragwürdige Praktiken im Anti-Doping-Kampf - und Russland spielt wieder eine Hauptrolle: Der Biathlon-Sport muss die Scherben seiner düsteren Vergangenheit auflesen. Wie eine externe Untersuchungskommission feststellte, sollen der ehemalige IBU-Präsident Anders Besseberg (Norwegen) und die frühere IBU-Generalsekretärin Nicole Resch aus Deutschland über Jahre russische Machenschaften gedeckt haben. Es geht um Korruption und Dopingvertuschung im großen Stil.

Der Abschlussbericht der Untersuchungskommission (ERC) erhärtet die seit 2018 im Raum stehenden Vorwürfe gegen die einstigen Spitzenfunktionäre des Weltverbandes. Die vorliegenden Beweise deuten darauf hin, dass vor allem Ex-Präsident Besseberg bei »praktisch allem, was er tat, konsequent russische Interessen bevorzugte und schützte«, heißt es in dem Bericht.

»Es ist erschütternd, dass hochrangige Verbandsvertreter an einem System der Vertuschung und Korruption beteiligt sind und rücksichtslos im Sinne fragwürdiger Erfolge agiert haben«, teilte die Nationale Anti-Doping-Agentur NADA auf Anfrage mit. Man hoffe, dass »dahingehend ein Umdenken stattfindet«. Das hofft auch der amtierende IBU-Präsident Olle Dahlin, der sich über das Fehlverhalten seines Vorgängers »schockiert« zeigte.

Denn schließlich soll gerade Besseberg an aktiver Dopingverfolgung im Allgemeinen, bei Russen im Besonderen, nie interessiert gewesen sein. Der Norweger, von 1992 bis 2018 Präsident des Weltverbandes, sei auf aktive Vertuschungsversuche des staatlichen Dopingsystems Russlands eingegangen und habe damit sogar weiteren Betrug ermöglicht, so die Vorwürfe. »Das von Herrn Besseberg proklamierte Engagement für sauberen Sport war eine Farce«, heißt es im Untersuchungsbericht. Gleiches gelte für Resch, wenn auch in minimal abgeschwächter Form. Die ehemalige Generalsekretärin soll sich Besseberg anfangs widersetzt haben. Doch dann soll sie beispielsweise 2015 eine im Weltcup-Umfeld gefundene EPO-Spritze ebenso ignoriert haben wie hochgradig abnormale Blutwerte bei Jewgeni Ustjugow vor den Olympischen Spielen in Sotschi.

Die Folge ist bekannt: Ustjugow gewann gedopt mit der Staffel Olympiagold, die deutsche Mannschaft könnte nach Abschluss des CAS-Verfahrens nachträglich die Goldmedaille erhalten. Es war einer von vielen Betrugsfällen, die durch ein konsequenteres Vorgehen von Besseberg und Resch wohl hätten verhindert werden können. Doch stattdessen hob Besseberg seine schützende Hand über die russischen Athleten, aufkommende Kritik anderer Sportler wurde resolut untergraben.

Belohnung: Geld, Reisen, Prostituierte

Dass der mittlerweile 74-Jährige unter unzulässigem russischen Einfluss gehandelt habe, könne aus »seiner konsequenten und unnachgiebigen Bevorzugung russischer Interessen« sowohl in Bezug auf den Anti-Doping-Kampf als auch auf die Vergabe von sportlichen Wettkämpfen abgeleitet werden, so die ERC. Neben Geldbeträgen soll Besseberg als illegale Belohnungen teure Uhren, kostenlose Jagdausflüge oder Dienste von Prostituierten erhalten haben. Resch bekam wohl Luxusurlaube spendiert.

Das IBU-Exekutivkomitee hatte die ERC im November 2018 beauftragt, eine Untersuchung der Vorwürfe gegen Besseberg und Resch durchzuführen. Vorausgegangen waren zahlreiche Razzien, bei denen Hinweise auf vertuschte Dopingfälle und einen gigantischen Korruptionssumpf gefunden worden waren. Durch die im Zuge der unabhängigen Untersuchung begutachteten 70 000 Dokumente und etwa 60 durchgeführten Befragungen erhärteten sich diese Vorwürfe nun.

Konkrete Folgen für die jeweils 2018 zurückgetretenen Beschuldigten nannte der Untersuchungsbericht erst mal nicht. In Österreich und Norwegen laufen Strafverfahren gegen Besseberg und Resch. Gegenüber den dortigen Behörden hatten beide jegliches Fehlverhalten bislang abgestritten. Über eine Disziplinaranklage und Konsequenzen im Biathlon soll in den kommenden Wochen entschieden werden. Zuständig ist hierfür die Biathlon Integrity Unit. Sie wurde 2019 im Zuge der als Folge des Skandals eingeleiteten Umstrukturierungsmaßnahmen ins Leben gerufen. Transparenz hat sich die »neue« IBU als oberstes Ziel auf die Fahne geschrieben - skandalöse Alleingänge sollen der Vergangenheit angehören.

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