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»Viel Bundesliga« bei den Ungarn: Leipzigs Willi Orban und Torwart Peter Gulacsi bilden ein starkes Gerüst.

Die ganze Bandbreite

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(bf). Die einst große Fußballnation Ungarn erlebte einen Niedergang, konnte sich aber zum zweiten Mal in Folge für die EM qualifizieren.

Es hat wohl keine andere Nation eine solche Bandbreite im Weltfußball abgebildet wie diese: Ungarn. Wundermannschaft in den 50er Jahren, weltbestes Team, das nicht Weltmeister wurde (1954), mit frühen Stars wie Puskas, Kocsis und Hidegkuti. Es folgte der schleichende Niedergang, bis Ungarn ein Land wurde, das sich für kein Turnier mehr qualifizierte und nur noch selten Spieler hervorbrachte, die für ausländische Clubs interessant waren, wie der auch in der Bundesliga bekannte Lajos Detari, der bei der Frankfurter Eintracht spielte. Das Ungarn der Moderne? Irgendwo dazwischen. Nicht mehr die schräge Lachnummer, aber noch weit entfernt von einstiger Größe.

Immerhin ist es jetzt zum zweiten Mal in Folge gelungen, bei der EM-Endrunde vertreten zu sein. 2016 zog Ungarn Aufmerksamkeit auf sich, weil es von einem deutschen Trainerduo (Bernd Storck/Andy Möller) orchestriert wurde, an einer der spektakulärsten Partien beteiligt war (3:3 gegen Portugal) und bis ins Achtelfinale vorstieß. Trainer nun ist ein Italiener: Marco Rossi. Aber beileibe nicht so berühmt, wie der Klang seines Namens es vermuten ließe. In seiner Heimat ist er eher unbekannt.

Die Mannschaft ist trotz ihres Italieners in der Führung deutsch geprägt, die Bundesliga liefert der nationalen Auswahl der Magyaren wesentliche Spieler zu. Torwart Peter Gulacsi hält in Leipzig seinen Kasten sauber, sein Team hatte die wenigsten Gegentore, das spricht für ihn. Er ist aus dem Verein auch eingespielt mit Willi Orban. Der Pfälzer Junge trat für den DFB noch in der U21 an, dann warb ihn Ungarn ab. Aufgrund von Orbans familiärer Vorgeschichte war das möglich, offiziell steht in seinem Pass Vilmos Orban. Auch im Angriff spielt Bundesliga: mit dem Freiburger Roland Sallai und dem Mainzer Adam Szalai, die noch jeden Hörfunkreporter beschäftigt haben, wenn sie mit ihren Vereinen gegeneinander angetreten sind. Die Attraktion soll Dominik Szoboszlai sein. Der 20-Jährige spielt seit 1. Januar wie Orban und Gulasci bei RB Leipzig. Beziehungsweise: Er macht dort Reha wegen einer Schambeinentzündung. Das ist dann auch der Grund, weswegen er zur letzten Frist aus dem EM-Kader gestrichen wurde. Das Supertalent des ungarischen Fußballs wird seine Qualitäten erst in der neuen Saison wieder zeigen können. Er ist übrigens den üblichen RB-Weg gegangen: Liefering - Salzburg - Leipzig.

Der Großteil der Ungarn spielt in der heimischen Liga. Von der individuellen Qualität her sind sie in ihrer Promi-Gruppe an die letzte Stelle zu setzen. Doch sie dürfen gegen Portugal und Frankreich zu Hause antreten, und da in Budapest am großzügigsten in Sachen Zulassung von Zuschauern vorgegangen wird, könnte sich ein Heimspielerlebnis entwickeln, das die Mannschaft trägt. Fußball kann sich für die Ungarn als Erste wieder so anfühlen, wie es vor der Pandemie einmal gewesen war.

Und das begreift die Mannschaft als Chance. Turnierspiele im eigenen Land, das hatte noch nicht mal die goldene Generation.

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