DFB-Auswahl schottet sich ab

  • vonSID
    schließen

(sid). Aus sicherer Entfernung schaute Joachim Löw zu den wartenden Journalisten hinter der Absperrung, der Bundestrainer zupfte seine weiße Maske zurecht und lehnte dankend die Interview-Wünsche ab. Auch die Nationalspieler um Ersatzkapitän Toni Kroos zogen am Montagmittag ohne ein Wort und mit Mund-Nase-Schutz ins Stuttgarter Wald-Hotel ein. Dort unterzogen sie sich als Erstes einem Corona-Test und verbrachten die Zeit bis zum Ergebnis alleine auf dem Zimmer.

Knapp zehn Monate nach der letzten Zusammenkunft der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist nichts mehr, wie es einmal war. Das DFB-Team startet aus einer "Blase" heraus in die EM-Saison. Nichts soll den Auftakt in der Nations League mit den Spielen am Donnerstag in Stuttgart gegen Spanien und drei Tage später in Basel gegen die Schweiz (beide 20.45 Uhr/ZDF) gefährden.

Man werde "in einer Blase leben", sagte Oliver Bierhoff zuletzt. "Das hat uns der eine oder andere ja schon mal vorgeworfen", ergänzte der DFB-Direktor mit einem Lachen, "aber in diesem Fall ist es unter dem medizinischen Aspekt zu sehen." Der DFB-Tross werde bis auf Training und Spiel "im Hotel bleiben, keine Besuche empfangen, keine Zahnpasta kaufen". Die Partie gegen Spanien findet zudem ohne Zuschauer statt.

Für Löw ist es trotz der besonderen Umstände "schön, dass wir uns wieder der Normalität annähern". Beim ersten Training am Montagabend im ADM-Sportpark der Stuttgarter Kickers nahmen alle Spieler mit einem negativen Testergebnis teil. Das galt auch für die Legionäre Kroos (Real Madrid), Thilo Kehrer und Julian Draxler (beide Paris St. Germain), die aus Risikogebieten anreisten, aber nicht länger in Quarantäne mussten. Nicht dabei waren der Dortmunder Nico Schulz, der wegen Wadenproblemen direkt wieder abreisen musste, und Luca Waldschmidt. Der Ex-Freiburger durfte nach einem Testspiel mit seinem neuen Klub Benfica Lissabon am Vortag kürzertreten.

Löw (60) selbst sprüht nach der mit dann 288 Tagen längsten Länderspielpause seit 70 Jahren vor Tatendrang. Er kann es "kaum erwarten, wieder mit den Spielern auf dem Platz zu stehen und zu arbeiten". Viel Aufmerksamkeit wird er den Rückkehrern Leroy Sané und Niklas Süle widmen. Die Bayern-Profis sind nach ihren Kreuzbandverletzungen wieder fit, müssen aber "in einen Trainings- und Wettkampfrhythmus kommen", so Löw.

Der anstehende Länderspiel-Doppelpack hat aber nicht nur Test-Charakter. Für das DFB-Team gilt es, anders als im Premierenjahr, den sportlichen Abstieg aus der Nations League zu verhindern. Außerdem haben die Ergebnisse direkten Einfluss darauf, ob Deutschland bei der Auslosung zur WM-Qualifikation in Lostopf 1 oder 2 landet.

Trotzdem verzichtet Löw zum Start auf die viel belasteten Münchner Triple-Sieger Manuel Neuer, Serge Gnabry, Leon Goretzka und Joshua Kimmich. Auch die Leipziger Champions-League-Halbfinalisten Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg pausieren.

Der Bundestrainer weiß, dass er es sich in der Termin-Hatz nicht mit den Klubs verscherzen darf. Schließlich stehen bis zum Gruppenfinale der Nations League am 17. November in Spanien acht Länderspiele auf dem Plan. Selbst für Löw ist das ein "grenzwertiges" Mammutprogramm, er persönlich hätte stattdessen gerne "zwei, drei Trainingseinheiten mehr" gehabt. Doch der DFB braucht die Einnahmen aus diesen Länderspielen dringend, Generalsekretär Friedrich Curtius nannte sie zuletzt "unsere Lebensversicherung".

Löw pro Neuer

Unterdessen hat sich Löw für DFB-Kapitän Manuel Neuer als nächsten Weltfußballer ausgesprochen. "Manu ist eine Klasse für sich. Wahnsinn, unglaublich", schwärmte Löw im "kicker": "Ich habe nichts gegen Robert Lewandowski, aber für mich wäre der Weltfußballer in diesem Jahr: Manuel Neuer."

Der 34-Jährige habe bei der Finalrunde der Champions League bärenstarke Leistungen gebracht und "den Laden hinten dicht gehalten". Überhaupt sei Neuer "die ganze Saison 2019/20 in einer Superform" gewesen, betonte Löw: "Wie er dasteht, diese Ruhe, diese Ausstrahlung." FCB-Chef Karl-Heinz Rummenigge hatte sich zuletzt mehrfach für Lewandowski ausgesprochen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare