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Der Tag des Wout van Aert

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Tadej Pogacar ist doch angreifbar: Auf der doch kniffligen Premiere mit der zweifachen Ventoux-Überfahrung wird der Slowene erstmals kurz abgehängt. Tagessieger Wout van Aert zeigt sein ganzes Repertoire und widmet den Triumph einem Teamkollegen aus Deutschland.

Als Alleskönner Wout van Aert seinen »größten Sieg« dem ausgeschiedenen Teamkollegen Tony Martin widmete, hatte Dominator Tadej Pogacar seine erste kleine Schwäche bei der Tour de France mit viel Mühe wieder korrigiert. Am kahlen Riesen Mont Ventoux, der erstmals in der Tour-Geschichte zweimal an einem Tag überquert werden musste, ist der 22 Jahre alte Gelb-Träger aus Slowenien am Mittwoch zum ersten Mal von einem Mitfavoriten abgehängt worden.

Bei der Siegerehrung genoss Pogacar den Sonnenschein von Malaucène und wirkte erleichtert - wohl auch, weil er wegen der Schwäche des bisherigen Zweiten Ben O’Connor nun mit über fünf Minuten im Gesamtklassement führt. »Es war ein bisschen zu viel für mich. Heute war ein superharter Tag«, kommentierte der Titelverteidiger, der trotz kurzer Schwäche weiter auf Kurs ist, seinen zweiten Gesamtsieg einzufahren.

Van Aert, am Vortag im Massensprint Zweiter, düpierte am Mittwoch auf den 198,9 Kilometern von Sorgues, der Wettenberger Partnerstadt, nach Malaucène die Konkurrenz - und wurde im Zielraum emotional. »Mir fehlen die Worte. Es ist einer der ikonischsten Berge der Welt. Das ist vielleicht mein größter Sieg jemals«, sagte der Belgier. Den Triumph widmete er auch seinem geplagten Team Jumbo-Visma, das nach Kapitän Primoz Roglic am Mittwoch auch den erneut gestürzten Routinier Martin verlor.

Zum heimlichen Star des Rennens wurde der Däne Jonas Vingegaard, der wie Martin und van Aert auch für den Jumbo-Visma-Rennstall fährt. Der Youngster trat bei der zweiten Ventoux-Überfahrung couragiert an und hängte sogar den bisher überstrahlenden Pogacar ab. Obwohl er in der rasanten Abfahrt bis ins Ziel wieder eingeholt wurde, zeigte Vingegaard seine starke Form und die Ambition, in Paris aufs Podest zu fahren. Derzeit belegt er hinter Pogacar und Rigoberto Uran aus Kolumbien Gesamtrang drei.

Die deutschen Profis um den erneut distanzierten Emanuel Buchmann müssen nicht nur ohne Zeitfahrspezialist Martin weiterfahren, sondern auch weiter auf einen Etappensieg warten. Nils Politt war lange in der Ausreißergruppe, aus der van Aert am Ende gewann, vertreten, fiel dann allerdings zurück. Eine Chance auf einen Tagessieg hatten die deutschen Rad-Asse bisher nicht.

Für den paradiesisch-weitläufigen Blick in Richtung Mont Blanc oder Mittelmeer hatte das Peloton auf dem wilden Ritt auch keine Zeit - und keine freie Sicht, denn die Wolken zogen immer tiefer hinein. Stattdessen ging es für Pogacar und Co. darum, die Premiere bestmöglich zu meistern. An einem Gipfel, an dem bei der Tour schon ein Mensch auf tragische Weise starb, auf kuriose Weise ein Star zu Fuß hinaufjoggte oder sich Rad-Giganten epische Duelle für die Sportgeschichtsbücher lieferten.

Die zweimalige Qual nicht mehr mitmachen konnte Martin, der früh auf dem schweren Teilstück stürzte. Von den TV-Kameras wurde eingefangen, wie Martin mit aufgeschürftem rechten Oberschenkel am Straßengraben saß und behandelt wurde. Dann begab sich der 36-Jährige in den Krankenwagen.

Im Feld entwickelte sich ein lebhaftes Rennen, bei dem eine größere Ausreißergruppe um Weltmeister Julian Alaphilippe und van Aert lange Zeit rund fünf Minuten vor dem Peloton um Pogacar lag. Im Feld gaben neben Martin weitere Profis auf, Frankreichs Hoffnungsträger David Gaudu brach ein und verlor viel Zeit.

Nach der rasanten ersten Abfahrt ging es dann von der anderen Seite wieder auf den Gipfel. Etwas kürzer, aber klar steiler: Diese Chance nutzte van Aert, um die Ausreißergruppe endgültig zu sprengen.

Einen Tag nach seinem zweiten Platz hinter Topsprinter Mark Cavendish bewies der Jumbo-Visma-Profi seine ganze Vielseitigkeit und ließ auch Frankreichs Liebling Alaphilippe keine Chance. Bei den Favoriten kontrollierte Ineos das Geschehen, doch der souveräne Pogacar war erst durch Vingegaards Angriff in Bedrängnis zu bringen. Sein Polster auf die Verfolger ist noch üppiger. Sieger van Aert hingegen konnte schon zwei Kilometer vor dem Ziel jubeln - über die Ziellinie fuhr er in akrobatischer Manier stehend. FOTO: DPA

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