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Der Menschenfänger

  • VonDPA
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Warum der U21- Nationaltrainer Stefan Kuntz als aussichts- reicher Kandidat für das Erbe des Fußball- Bundestrainers gilt.

Kann Kuntz Bundestrainer? Immer mehr rückt der Name eines Mannes in der Frage nach einem Nachfolger von Joachim Löw vor, der sich selbst eine Trainerkarriere schon gar nicht mehr zugetraut hatte. Was seinerzeit weniger mit fehlendem Selbstbewusstsein zu tun hatte, als mit einer realistischen Selbsteinschätzung.

14 Jahre ist es her, als Stefan Kuntz den »11 Freunden« erklärte: »Ich habe den Trainerjob unterschätzt, weil ich einige Eigenschaften, die man als Trainer braucht, gar nicht ausgebildet habe. Ich habe keine richtige Erfüllung darin gefunden, und ich hatte, ehrlich gesagt, auch keinen durchschlagenden Erfolg.«

Nach Etappen bei seinem Heimatverein Borussia Neunkirchen, dem Karlsruher SC, Waldhof Mannheim und LR Ahlen schien die zweite Karriere des Ex-Nationalspielers kurz nach der Jahrtausendwende schon wieder vorbei zu sein. Der gebürtige Saarländer sattelte um ins Management. Acht Jahre lang stand er dem 1. FC Kaiserslautern vor, dem er im April 2008 mit viel Tamtam das Selbstbewusstsein schenkte, sich vorm Abstieg in die 3. Liga zu retten und zwei Jahre später sogar in die Bundesliga aufzusteigen.

Junge Spieler hatte der aktuelle U21-Nationaltrainer schon damals besonders im Blick: Beim FCK spielten Mitte des vergangenen Jahrzehnts, nach dem Wiederabstieg in der 2. Liga, gleich sechs U21-Nationalspieler: Philipp Hofmann, Willi Orban, Dominique Heintz, Karim Demirbay, Amin Younes und Jean Zimmer. Doch Kuntz’ durchaus auch kostenintensive Personalpolitik scheiterte letztlich unglücklich. Nachdem der Aufstieg zum dritten Mal in Folge knapp misslungen und die Kasse leer war, ging er 2016. Es gab ein paar böse Nachrufe.

Offenbar gehört der sehr umgängliche, jugendlich daherkommende 58-Jährige aber zu denjenigen Menschen, denen sich immer wieder eine Tür öffnet. Es muss eine Eingebung vom damaligen DFB-Sportdirektor Hansi Flick gewesen sein, den just als Manager in der Pfalz abgedankten Kuntz zu fragen, ob er nicht Lust hätte, als Nachfolger von Horst Hrubesch die U21 zu übernehmen. Die wichtigste Nachwuchsmannschaft beim DFB. Flick wollte keinen Konzept-Laptop-Trainer, sondern einen Kerl wie Hrubesch, der mit den Jungs umgehen kann. Und Kuntz zeigte, dass er das sehr gut kann.

Der meistens auffällig gut gelaunte einstige Vollblutstürmer besitzt die Gabe, Menschen um sich herum besser zu machen - und sich selbst damit auch, Sein Umgang mit Medien ist lässig und entspannt, der mit den jungen Spielern auffällig unkompliziert, seine Fähigkeit, sie zu emotionalisieren, ist groß.

Mission endet nicht an der Außenlinie

Das Zwischenergebnis des Menschenfängers: 2017 gewann die U21 mit Chefcoach Kuntz den Europameistertitel. während parallel noch eine Nachrücker-Garde unter Löw beim Confed-Cup triumphierte. 2019 scheitert er mit seiner Mannschaft erst im Finale an den Spaniern. 2021 steht er wieder in der Endrunde der besten acht. Jetzt reichte dafür ein 0:0 gegen Rumänien. Die aktuelle Generation besteht nicht wie noch 2009 unter Hrubesch aus lauter Hochbegabten: Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Sami Khedira und nicht zuletzt Mesut Özil. Alles spätere Weltmeister. Die Titelchancen sind für die U21 im Jahre 2021 für die EM zwar vage, aber Kuntz ist alles zuzutrauen.

Die Mission des in jungen Profijahren in Bochum ausgebildeten Polizisten endet nicht an den Außenlinien. Kuntz hat bei der U21 anspruchsvolle Fortbildungen ins Tagesprogramm gebracht. Er will, dass die jungen Männer mehr vom Leben außerhalb der Profiblase mitbekommen. Dazugehören Treffen mit Kindern, die schwer erkrankt sind, Treffen, die in ihrer Intensität nicht nur an der Oberfläche kratzen. Aber reicht das, was Kuntz zu lehren hat, für die anspruchsvollen A-Nationalspieler? Der vom Verband als Headhunter auserkorene Oliver Bierhoff spricht von »DFB-intern guten Lösungen«. Er denkt dabei an Löws Assistenten Marcus Sorg, vor allem aber an Kuntz. Dem sieht man an, wie sehr es ihn ehrt, überhaupt auf die Liste der Schattenkandidaten geraten zu sein. Am Dienstagabend sagte er: »Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Wenn jemand beim DFB denkt, wir reden mal mit dem Stefan, dann werden die mich anrufen, und dann gehe ich auch dran.«

Bierhoff weiß natürlich, dass er mit Kuntz einen neuen Bundestrainer treu an seiner Seite hätte, der den Laden kennt und den Verband - anders als vielleicht Ralf Rangnick - nicht noch mehr umdrehen will, als Bierhoff das ohnehin vorhat. Und Kuntz weiß, dass er in den nächsten anderthalb Jahren bis zur WM noch einen Kader mit Weltmeisterpotenzial beisammen hat, ehe der Nachschub aus dem Nachwuchsbereich nur noch tröpfeln wird. FOTO: IMAGO

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