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Der geniale Spiellenker der Eintracht

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Von: Redaktion

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»Dr. Hammer«: Bernd Nickel in seinem Element auf dem Waldstadion-Rasen. © Imago Sportfotodienst GmbH

Es war ein paar Monate nach dem letzten Pokalsieg, als Bernd Nickel, der am Mittwoch nach schwerer Krankheit im Frankfurter Markuskrankenhaus im Alter von 72 Jahren gestorben ist, seinem Jugendverein, dem SV Eisemroth, mal wieder einen Besuch abstattete. Der Westerwälder Klub hatte einen neuen Kunstrasenplatz bekommen, da war es natürlich Ehrensache für den Westerwälder Nickel, bei der kleinen Feier anwesend zu sein.

Angst vor Nähe kannte Nickel nicht, seine Wurzeln hat er nie verleugnet, er war und blieb einer zum Anfassen, und wenn der damals 69-Jährige seine Fußballschuhe dabeigehabt hätte, wahrscheinlich hätte er noch mal einen Eckball direkt verwandelt.

Das konnte er ja wie kein Zweiter. Er ist bis heute der einzige Spieler, der von allen vier Ecken des Waldstadions direkt ein Tor erzielt hat, das berühmteste war jenes 5:0 gegen Sepp Maier beim 6:0-Triumph über Bayern München. Und »Nackel«, wie ihn die Mitspieler riefen, hatte dafür eine spezielle Technik. »Immer volles Risiko« sei er gegangen, sagte der Linksfuß einst in Ralf Holls Film »Träume in Schwarz und Weiß«, von links mit dem Außenrist, von rechts mit dem Innenrist.

Wegen seines knallharten Schusses »Dr. Hammer« gerufen - der Spitzname hatte ihm Torwart Hans Tilkowski verpasst - gehörte Nickel zu jenem legendären Trio, bestehend aus Jürgen Grabowski, Bernd Hölzenbein und ihm, das Eintracht-Geschichte geschrieben hat. Diese drei prägten in den 1970er und 80er Jahren Eintracht Frankfurt, waren die Aushängeschilder, die Vorzeigeprofis. Logisch, dass alle drei in der Bundesliga nur für die Eintracht spielten. »Wir waren drei, die miteinander harmoniert haben«, erzählt Grabowski jetzt, der bis zum Schluss Kontakt zu seinem kongenialen Vorlagengeber hielt.

Und doch stand Nickel, der nach seiner Karriere vorübergehend den Eintracht-Shop und in Herborn ein Sportgeschäft führte, immer im Schatten von Grabowski und Hölzenbein, dabei war er derjenige, der den entscheidenden Pass spielte, er war der geniale Spiellenker. »Der Grabi und der Holz - Frankfurts Stolz« wurde gereimt, Nickel blieb außen vor. Das hat ihn gewurmt, aber ein Mann fürs Rampenlicht war der passionierte Golfspieler nicht.

Folgenreiches Tor in Offenbach

Er hat viel gewonnen mit der Eintracht, zuvorderst den UEFA-Cup 1980, dazu dreimal den Pokal (1974, 1975, 1981), Siebenmal erreichte die Eintracht mit ihm eine Topsechs-platzierung in der Liga. Nickel war Nationalspieler, er machte zudem 41 Amateur-Länderspiele. Er war 1972 beim Olympischen Fußballturnier in München dabei.

Der gelernte Fernmeldetechniker kam 1966 vom SV Eisemroth zur Eintracht und blieb bis 1983, bestritt 426 Bundesligaspiele und erzielte 141 Tore. Nur Hölzenbein markierte mehr Treffer für die Hessen, und bis heute ist er damit einer der torgefährlichsten Mittelfeldspieler des Landes. Er war einfach, wie Grabowski sagte, »ein großer Fußballer«.

Sein wichtigstes und vielleicht folgenreichstes Tor erzielte er im Mai 1971 auf dem Bieberer Berg. Das 1:0 gegen Kickers Offenbach per Seitfallrückzieher wurde zum Tor des Monats gewählt und mündete in einen 2:0-Sieg beim OFC. Dieser Frankfurter Sieg am vorletzten Spieltag besiegelte den Abstieg der Kickers und die Rettung der Eintracht. Wer weiß, was passiert wäre, hätte Nickel nicht getroffen, womöglich hätte OFC-Boss Horst Gregorio Canellas eine Woche später nicht den Bundesligaskandal öffentlich gemacht. Für Nickel persönlich hatte der wunderschöne Treffer ebenfalls Auswirkungen: »Ich durfte nicht zum FC Bayern München«, hat er mal erzählt. Mit den Bayern war schon alles klar, bei Abstieg der Eintracht »wäre ich nach München gewechselt«.

Bestürzung bei Fischer und Körbel

Den Bieberer Berg betrete er nicht mehr, hat er viele Jahre später gesagt, da arbeitete er schon als Spielervermittler. Als er das letzte Mal dort war, spielte Sohn Frank mit den Amateuren des VfL Marburg gegen die Kickers auf einem Nebenplatz, der Vater schaute zu, wurde erkannt »und prompt angemacht«. Er hat sich schnell aus dem Staub gemacht.

Eintracht-Präsident Peter Fischer zeigte sich am Mittwoch bestürzt über den Tod Nickels: »Mit Bernd Nickel verlieren wir eine der ganz großen Identifikationsfiguren des Vereins. ›Dr. Hammer‹ war ein Markenbegriff für die Eintracht.« Und Karl-Heinz Körbel, noch so eine Eintracht-Ikone, nahm via Facebook Abschied: »Lieber Bernd, du hast mir gerade in der Zeit, als ich mit 17 Jahren zu Eintracht Frankfurt gekommen bin, unglaublich geholfen. Du hast mir die Eintracht-Welt gezeigt und warst immer für mich da. Du warst ein Mensch mit einem großen Herzen.« THOMAS KILCHENSTEIN

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Bernd Nickel † © Imago Sportfotodienst GmbH

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