Ein Dauerbrenner

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999 Rennen. Fast 70 Jahre Formel 1. Geschichten und Anekdoten, die Bücher füllen. Hass-Duelle, Rekorde, Kuriositäten. Eine Reise durch die Motorsport-Königsklasse, die lange vor allem eines war: lebensgefährlich.

Kurz vor dem Start herrscht höchste Anspannung. Es ist anders als heute. Die Formel 1 ist viel gefährlicher – lebensgefährlich. "Wenn man damals am Start stand, musste man praktisch immer damit rechnen, dass einer oder zwei wieder dran sein würden", erinnert sich Hans Herrmann in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur an die Anfänge der Königsklasse.

Herrmann ist 91 Jahre alt, vor rund 65 Jahren saß er am Steuer eines Silberpfeils. Der Schwabe fuhr in den 1950er Jahren an der Seite eines Juan Manuel Fangio oder Stirling Moss. Die heutigen Autos, mit denen Lewis Hamilton, Sebastian Vettel und der Rest der PS-Auserwählten am Sonntag in Shanghai den 1000. Grand Prix fahren, sind Herrmann ein bisschen suspekt: zu viel Technik, zu viel Elektronik. Als Hamilton ihm bei einem gemeinsamen PR-Auftritt für Mercedes den Silberpfeil der jüngsten Generationen anbietet, lehnt Herrmann dankend ab. "Da setz‹ ich mich nicht rein, ich weiß doch gar nicht, was ich mit den Knöpfen machen soll", erzählt Herrmann.

Die Lenkräder heute sind Mini-Computer, die Rennwagen hochkomplex. Fast 70 Jahre und weit über 900 Rennen sind vergangen seit den ersten Formel-1-Runden. Eine Geschichte von Helden und großen Duellen, von Tod und Trauer, von Skandalen, Rekorden und viel Geld.

Der erste Sieger: Am 13. Mai 1950 ist es soweit: Das erste Formel-1-Rennen. Guiseppe Farina siegt in Silverstone vor seinem italienischen Landsmann Luigi Fagioli und dem Briten Reginald Parnell. Farina krönt sich auch zum ersten Weltmeister. Die Saison 1950 besteht aus sieben Rennen, heute sind es dreimal mehr pro Jahr. Der Sieger bekommt 1950 nicht wie heute 25 Zähler, sondern acht Punkte. Schon damals gehören Monaco, Monza und Spa zum Rennkalender. Am 29. Juli 1951 feiert die Formel-1-WM auf dem Nürburgring Premiere, neben dem Hockenheimring und der Avus einer von bisher drei deutschen Rennorten.

Spannung auf Knopfdruck: Spannung wird heute mit den hochgezüchteten Rennwagen auch auf Knopfdruck erzeugt. Die Autos sind es, die vor allem über Sieg und Niederlage entscheiden. "Früher konnte ein hervorragender Fahrer auch mit einem nicht ganz so guten Auto gewinnen. Das ist heute nicht mehr möglich", meint Herrmann. Technisch seien die Autos mittlerweile das Beste, was es gebe, sagt der viermalige Weltmeister Alain Prost. Sie seien aber steril, das Gefühl sei verloren gegangen, betont der Franzose in einem Interview des "Kicker". Prost gehört in den 1980er und 1990er Jahren zu den Superstars und prägt eines der legendärsten Stallduelle.

Duelle mit Hassfaktor: Es ist die Mutter aller Hassduelle: Prost gegen Ayrton Senna, die Ende der 1980er beide für McLaren fuhren. Sie bekämpfen sich mit allen Mitteln. 1989 schießen sie sich in Japan von der Strecke. Prost wird zum vierten Mal Weltmeister, Senna nach dem Rennen disqualifiziert.

Acht Jahre später rammt Michael Schumacher in Jerez den Kanadier Jacques Villeneuve von der Strecke. Alle Saisonpunkte werden ihm aberkannt, der erste WM-Triumph im Ferrari ist dahin. Schumacher muss noch zwei Jahre warten, 1998 und 1999 triumphiert der Finne Mika Häkkinen im McLaren-Mercedes. Ein fesselnder Zweikampf.

Lewis Hamilton lässt sich 2007 bei McLaren als Formel-1-Debütant auf einen heftigen Stallkrieg mit dem zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso ein. Bei Mercedes endet die einst so gepriesene Freundschaft von Nico Rosberg und Hamilton mit diversen Eskapaden und auch mal einem Total-Aus der beiden Silberpfeile in Spanien vor drei Jahren.

Rivalität mit Hollywoodfaktor: Ein Fahrer, der einen Feuerunfall in der "Grünen Hölle" wie durch ein Wunder überlebt und sechs Wochen später schon wieder im Rennwagen Gas gibt und um die WM mitfährt – Niki Laudas Schicksal wäre eigentlich schon ausreichend für ein Drehbuch. Es geht aber noch besser, wenn der Gegenspieler ein Draufgänger und Playboy ist: James Hunt. Ein einzigartiges Duell, das unter dem Titel "Rush" auch von Hollywood verfilmt wird. Lauda wird 1975 Weltmeister. 1976 verunglückt er auf der gefährlichen Nordschleife des Nürburgrings, um die seither die Formel 1 einen weiten Bogen macht. Lauda erleidet schwerste Verbrennungen, in Monza sitzt er schon wieder im Ferrari. Das WM-Duell verliert er aber gegen Hunt, weil er im Finale in Japan bei strömendem Regen den Wagen vorzeitig in die Box steuert und aufgibt. Die Vernunft siegt.

Schwarzes Wochenende: Es sind zwei Tage, die die Formel 1 verändern. Am 30. April 1994 verunglückt der Österreicher Roland Ratzenberger in der Qualifikation zum Großen Preis von San Marino tödlich. Einen Tag später stirbt auf der Strecke in Imola auch Senna, die brasilianische Rennikone, der dreimalige Weltmeister. Michael Schumacher fährt damals unmittelbar hinter Senna, als dieser in der Tamburello-Kurve von der Strecke abkommt. Angetrieben vom Kerpener forciert die Formel 1 danach die Sicherheitsmaßnahmen für die Fahrer.

Die Ära Ecclestone: Einer, der all das miterlebt, ist Bernie Ecclestone. In den 1970er Jahren erwirbt der ehemalige Gebrauchtwagenhändler die TV- und Vermarktungsrechte an der Formel 1, eine neue Zeitrechnung beginnt. Die Königsklasse des Motorsports entwickelt sich unter Ecclestone zum Milliarden-Unternehmen, das immer neue Märkte erschließt. Im Januar 2017 endet nach Jahrzehnten die Ära Ecclestone, er wird von den neuen US-Besitzern Liberty Media als Geschäftsführer abgesetzt.

Die Rückkehr des Besten: Zur Saison 2010 kehrt der Meister zurück. Sieben Titel und 91 Rennsiege hat Michael Schumacher da schon auf dem Konto. Ende 2006 war er zurückgetreten, er fühlte sich leer. Die glorreiche Zeit im Ferrari war vorbei. Er hatte die Scuderia 2000 nach 21 Jahren zurück auf den Fahrerthron geführt. Vier weitere Titel nacheinander folgten. Eine bisher unerreichte Ära. Ein Sieg gelingt Schumacher nicht mehr im zweiten Karriere-Abschnitt. Er gewinnt dafür Sympathien, ist lockerer, entspannter als früher.

Vettels Kampf um die Schumi-Nachfolge: Fangio prägt seine Zeit, Prost, Senna, Schumacher auch. Sebastian Vettel holt von 2010 bis einschließlich 2013 vier Mal den Titel. Da fährt der Heppenheimer für Red Bull. Danach beginnt die Ära von Mercedes und Hamilton. Wenn Vettel und Hamilton an diesem Sonntag in Shanghai in die Startaufstellung rollen und die Ampeln noch rot leuchten, wird wieder höchste Anspannung herrschen. Aber eine andere als in den Anfangsjahren. "Früher war es sehr hohes Risiko, wenig Gage. Heute ist sehr hohe Gage und kein Risiko", sagt PS-Veteran Hans Herrmann. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Feststellung.

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