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Das Mindestziel in der Tasche

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Die obligatorische Bierdusche darf nicht fehlen, für Cheftrainer Julian Nagelsmann ist es die erste Meisterdusche. © DPA Deutsche Presseagentur

Bayern München hat nach einem schwierigen Jahr immerhin die Pflicht erfüllt. Doch Trainer Julian Nagelsmann weiß nach der zehnten Meisterschaft in Folge, dass der Druck nun noch größer wird.

Einen Gin Tonic in der Hand, ein glückseliges Lächeln im Gesicht: Ein emotionaler Julian Nagelsmann stand nach diversen Weißbierduschen mit frischem Outfit im Trend-Restaurant Rocca Riviera und genoss im Kreis der feiernden Stars um Rekord-Meister Thomas Müller seine erste rauschende Titelparty in vollen Zügen. Vom jungen Trainer des FC Bayern fiel nach einem schwierigen Jahr eine große Last ab, nachdem er mit der zehnten Meisterschaft in Serie wenigstens das Mindestziel erreicht hatte.

Es sei ein »bedeutender Moment«, betonte Nagelsmann nach dem prestigeträchtigen 3:1 (2:0) im Gipfel gegen Dauerrivale Borussia Dortmund und seiner Premieren-Meisterschaft. Der Pflichttitel würde die Saison »in ein besseres Licht rücken«. Doch gleichzeitig gewährte der zweitjüngste Meistertrainer der Liga-Historie nach Matthias Sammer inmitten des Jubels tiefe Einblicke in sein Gefühlsleben. »Es war nicht einfach. Es ist viel passiert. Ich bin immer noch zarte 34, es ging alles sehr schnell. Es gab einige Nackenschläge, die für mich als Ehrgeizling nicht so leicht waren«, sagte Nagelsmann mit Blick auf das überraschende Viertelfinal-Aus in der Champions League gegen Villarreal und den blamablen Pokal-K.o. gegen Gladbach.

Er wisse deshalb, so ein kurz nachdenklicher Bayern-Coach, »dass der Druck im nächsten Jahr noch einen Tick größer wird. Wir müssen Dinge besser machen, um den elften Titel zu holen und auch in den anderen Wettbewerben weiterzukommen«. Ab Montag werden deshalb die Planungen beim Rekordmeister intensiviert.

Doch erst einmal ließen es die Bayern auch ohne die echte »Salatschüssel«, die es erst beim Heimspiel am 33. Spieltag gegen Stuttgart gibt, krachen. Schon direkt nach dem Abpfiff startete die große Meisterfeier mit Papp-Meisterschalen vor 75 000 feiernden Fans in der Allianz Arena.

Die Bosse um Vorstandschef Oliver Kahn (»Ein historischer Erfolg«) und Ehrenpräsident Uli Hoeneß stießen auf der VIP-Tribüne standesgemäß mit einem Glas Sekt an. Auf dem Rasen tanzten die Stars ausgelassen in ihren schwarzen T-Shirts mit der »10« auf der Brust, zudem waren sie mit den überdimensionalen Weißbiergläsern auf Jagd: Nagelsmann bekam von Benjamin Pavard gleich als Erster eine Dusche ab. Noch eine Stunde später berichtete er schmunzelnd, »dass meine Boxershort feucht und kalt ist«.

Einige offene Fragen

Egal! »Wir wollten unbedingt. Es hat sich viel Frust breitgemacht. Das konnten wir uns gut von der Seele spielen. Jetzt ist es wunderbar«, sagte Rekordmann Müller nach seinem elften (!) Meistertitel bei Sky. Es sei »immer wieder aufs Neue schön. Das ist natürlich Wahnsinn«, ergänzte Kapitän Manuel Neuer.

Die Meisterschaft sei auch kein Trostpreis, betonte Müller, »das ist das Schönste, wir haben dem Druck standgehalten«. Auch Bundestrainer Hansi Flick, der zu den ersten Gratulanten gehörte, sprach vom »ehrlichsten Titel«. Dies sei die Basis »für weitere Erfolge«.

Allerdings gibt es immer noch einige offene Fragen bei den Bayern. Nach wie vor sorgen die Diskussionen um die Vertragsverlängerungen von Torjäger Robert Lewandowski, Müller, Neuer und Serge Gnabry für Unruhe.

Während Müller (»Vom heutigen Gefühl her ist es schwierig wegzugehen«) und Neuer (»Ich fühle mich wohl«) am Samstag andeuteten, über 2023 hinaus bleiben zu wollen, gestalten sich die Gespräche bei Gnabry und vor allem Lewandowski offensichtlich schwierig. Immerhin kündigte der 33-Jährige eine schnelle Entscheidung an.

»Bald passiert etwas. Das Einzige, was ich weiß, dass es zu einem Treffen kommt«, sagte Lewandowski bei Sky. Bisher sei »nichts Besonderes« passiert, er schaue auf die Situation, »was läuft. Es ist nicht so einfach für mich«.

Der Titelgewinn mit den Münchnern sei zwar ein »sehr schöner Moment«, nach wie vor »etwas Besonderes«. Doch die ganz große Lust auf Party hatte Lewandowski dann offenbar doch nicht. Der Pole verließ nach »Bild«-Informationen bereits nach 62 Minuten die Meisterparty im Rocca Riviera - im Gegensatz zu Nagelsmann.

Unterdessen stellte sich Marco Rose stoisch einem langen Interview-Marathon, während die Weißbierduschen hinter ihm kein Ende nahmen. Der Trainer von Borussia Dortmund musste hautnah miterleben, wie der große Erzrivale den zehnten Meistertitel in Folge feierte - die Höchststrafe. »Es gibt natürlich angenehmere Dinge, als die Bayern mit einer Niederlage zum Meister zu machen«, sagte Rose nach dem 1:3 im Bundesliga-Gipfel. Doch der Blick des 45-Jährigen ging sofort nach vorne.

»Wir werden an unseren Ambitionen für die neue Saison nichts ändern. Es werden wieder Teams versuchen, den Bayern ein Bein zu stellen - und da wird Borussia Dortmund vorne mit dabei sein«, sagte Rose, dessen Mannschaft nach einer »nicht zufriedenstellenden Saison« den Rekordmeister mit zwölf Punkten Rückstand bei noch drei Spielen nicht mehr abfangen kann.

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Die Bayern-Routiniers Thomas Müller und Manuel Neuer feiern die zehnte Meisterschaft in Serie mit einer Attrappe der Meisterschale. © Imago Sportfotodienst GmbH

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