Mainz – Dortmund 1:1

Darmstadt erlebt Debakel BVB verschenkt Sieg

Der Rückrundenauftakt der Fußball-Bundesliga hat es in sich. Die Bayern haben einige Probleme gegen Bremen, Leipzig bringt Hoffenheim die erste Saisonniederlage bei. Der BVB verpasst durch ein 1:1 in Mainz den Sprung auf Rang drei. Und Mönchen-gladbach feiert in Leverkusen ein seltenes Auswärts- Erfolgserlebnis. Einen ganz bitteren Samstag erlebt Darmstadt 98.

Die Sensationsmannschaft von RB Leipzig bleibt mit Hurra-Fußball alleiniger Bayern-Herausforderer. Die Sachsen beendeten in der Top-Partie beim 2:1 gegen 1899 Hoffenheim das Dasein der Kraichgauer als einziges Bundesligateam ohne Niederlage. Carlo Ancelottis Starensemble feierte mit dem 2:1 in Bremen den 13. Erfolg in Serie gegen Werder – Erstligarekord.

Titelverteidiger München (45 Punkte) und Leipzig (42) bleiben einsam vorn. Die Lücke zu den »Verfolgern« ist erheblich. Von neuerlicher Titelreife fühlen sich die Bayern aber trotz des siebten dreifachen Punktgewinns nacheinander ziemlich weit entfernt. Ancelotti: »Wir waren ängstlich, weil wir unbedingt gewinnen wollten.« Philipp Lahm sah es ähnlich: »Dass wir uns verbessern müssen, steht außer Frage.«

Ganz anders Ralph Hasenhüttl: »Das waren Big Points gegen einen richtig starken Gegner«, kommentierte der Leipziger den Erfolg gegen die Hoffenheimer, bei denen Torjäger Sandro Wagner in der 60. Minute mit Roter Karte vom Platz musste. Timo Werner und Marcel Sabitzer machten für RB aus dem 0:1 noch das 2:1 und ließen ihren Trainer schwärmen: »Kein Gegner hatte es zuvor geschafft, Hoffenheim zu besiegen. Wir sind sehr stolz darauf, dass uns das gelungen ist.

« Schon am kommenden Samstag kann sich der Aufsteiger erneut auf höchstem Level beweisen. Allerdings verpasste Gegner Borussia Dortmund beim 1:1 in Mainz den möglichen Sprung auf Rang drei. Im zweiten Sonntagspiel schlug der SC Freiburg Hertha BSC Berlin mit 2:1.

Ein 1:6-Debakel erlebte Darmstadt 98 gegen den 1. FC Köln. Trainer Thorsten Frings war mächtig bedient. Der Chefcoach-Novize echauffierte sich mächtig, als das Thema Florian Jungwirth zur Sprache kam. Der wechselwillige Defensivmann stand nicht im Kader, bekam aber trotzdem eine Wut-Tirade ab. »Wenn etwas da ist, können wir über seinen Wechsel reden. Wenn nichts da ist, muss er sich weiter für uns den Arsch aufreißen.« Mache Jungwirt das nicht, säße er sechs Monate auf der Tribüne, ließ Frings wissen. Für die Kölner könnte die Partie ein Nachspiel haben: Torjäger Anthony Modeste droht nach seiner vermeintlichen Tätlichkeit eine nachträgliche Sperre. »Der DFB-Kontrollausschuss wird Anfang der Woche prüfen, ob ein Ermittlungsverfahren gegen den Spieler Modeste eingeleitet wird oder nicht«, sagte der Kontrollausschuss-Vorsitzende Anton Nachreiner am Sonntag. Der Kölner Stürmer hatte Aytac Sulu in der 38.

Minute bei einem Laufduell mit der Faust im Gesicht getroffen. Schiedsrichter Robert Kampka ließ das Spiel weiterlaufen. Die Kölner sind mit 29 Zählern die Nummer eins am Rhein – klar vor Leverkusen (24). Bayer verlor gegen Mönchengladbach trotz 2:0-Führung noch mit 2:3. Für den neuen Borussia-Coach Dieter Hecking ist der erste Auswärtserfolg 2016/17 »Gold wert«. Ein Kameramann war vor Beginn der Partie in Leverkusen durch Pyrotechnik leicht verletzt worden.

Und was tut sich bei den übrigen Gefährdeten? Nicht nur für Darmstadt, sondern auch für HSV-Trainer Markus Gisdol wird es nach dem 1:3 der Hamburger in Ingolstadt immer schlimmer. Darmstadt mit neun Zählern Letzter, der HSV (13) hinter dem FCI (15) auf einem direkten Abstiegsplatz – da reagierte Gisdol mit klaren Worten: »Wir stehen extrem mit dem Rücken zur Wand.«

In Fahrt geriet auch Mario Gomez. Das 1:2 seiner Wolfsburger (19 Punkte) gegen den FC Augsburg (21) machte den Nationalspieler wütend. Man könne ja verlieren. »Aber man kann nicht ein bisschen mit dem Arsch wackeln und denken, dass man das Spiel gewinnt«, gab der VfL-Torschütze nach zuvor drei Siegen der Niedersachsen von sich.

Völlig konsterniert verschwand Dortmunds Trainer Thomas Tuchel nach dem verschenkten Sieg in der Kabine. Auch mit Afrika-Cup-Rückkehrer Pierre-Emerick Aubameyang verpasste sein Team durch ein 1:1 beim FSV Mainz den Sprung auf den Champions-League-Platz. »Das ist bitter, weil wir vorher den Sack schon hätten zumachen können«, klagte Marcel Schmelzer am Sonntag. Trotz des Blitztors nach 124 Sekunden durch Marco Reus verschenkte der BVB den Sieg, Danny Latza bestrafte die nach der Pause zu passiv wirkenden Gäste mit dem Ausgleichstreffer (83.). »Die Mannschaft hat Charakter bewiesen. Den Punkt nehmen wir gerne mit«, sagte der Mainzer Fabian Frei. Beim BVB wurde einmal mehr Mario Götze von Tuchel nur eingewechselt. Doch auch der Weltmeister konnte keine Akzente setzen.

BVB-Trainer Tuchel stellte vor 34 000 Zuschauern in der ausverkauften Opel-Arena erstmals Afrika-Cup-Rückkehrer Aubameyang, André Schürrle und Marco Reus zusammen in der Bundesliga auf. Das zahlte sich prompt aus. Schürrle ergatterte sich nach einem Patzer von Jean-Philippe Gbamin den Ball und legte auf Reus – Tor.

Das BVB-Tor hütete wieder Roman Bürki, der sich am 19. November die Mittelhand gebrochen hatte und nun nicht ganz unerwartet wieder Roman Weidenfeller verdrängt hat. Viel zu tun hatte der Schweizer nicht, dann die Hausherren wirkten lange wie das Kaninchen vor der Schlange. Nach dem Wechsel wurden die Mainzer aber stärker und belohnten sich – nachdem der BVB gute Chancen vergeben hatte – mit dem Ausgleich.

Die Mainzer Fans hatten nicht nur das Unentschieden zu feiern: Wenige Stunden vor dem Anpfiff hatten die Rheinhessen die Verpflichtung von Bojan Krkic bekannt gegeben. Der 26 Jahre alte ehemalige Profi des FC Barcelona und AC Mailand kommt auf Leihbasis von Stoke City und soll Spielmacher Yunus Malli ersetzen.

Uns Hessen stößt sauer auf, wie die Fußballwelt um Hessen herum den Frankfurter Sieg kommentiert: Kaum ein Wort über die Eintracht, Fokus ausschließlich auf Schalke. Als hätten die Schalker nur wegen eigener Unzulänglichkeit verloren und nicht, weil erst intelligenter, kampfstarker, hartnäckiger und, ja, auch nickeliger Kovac-Fußball diese Unzulänglichkeiten beim Gegner bewirkt. Was eine ganz eigene Qualität ist. Stichwort »Stinker«, wie im Boxen, und wie dort ist das ein Kompliment, widerwillig gezollt vom sich überlegen fühlenden Konkurrenten.

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Die Behauptung ist leider nicht zu beweisen: Ohne den frühen Fehlgriff von Lukas Hradecky hätte die Eintracht auch in Leipzig widerstanden. Zumindest wäre es knapp ausgegangen. Tendenz unentschieden. Aber, siehe mangelnder Beweis, Lamento überflüssig, Spiel abgehakt, als weider! Wie auf Schalke.

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Und wo bleibt die Schönheit, die Vision vom »Fußball 2000«? Dort, wo sie hingehört. In der und in die Vergangenheit. Bei der FFFF. Der Fraktion Frankfurter Fußball-Fantasten. Kennt kaum jemand mehr. Ist ja auch nur noch eine Splittergruppe. Über allem steht das kaum Fassbare: Nach dem ersten Spiel der Rückrunde 17 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. 17! Siebzehn! Und im Gegensatz zu den Zeiten von Wellness-Trainern wie Skibbe oder Veh deutet bei Kovac nichts darauf hin, dass die Kräfte schwinden könnten.

Hätte Alex Meier nicht dieses feine Füßchen, wäre kaum noch Platz für ihn. So aber bleibt Frankfurts Alexander der Große unverzichtbar. Das unnachahmliche Tor war kein Zufallstreffer, sondern sein Markenzeichen. Dennoch wird er auch in Zukunft öfter als gewünscht auf der Bank sitzen (gewünscht = nie). Leider zu recht. Er ist nicht Beißer, »nur« Knipser.

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Der Erfolg hat viele Väter. Gönnen wir es ihnen, Bobic oder Hübner, sich im Lob zu sonnen, nach all der Kritik zuvor. Der Erfolg hat aber auch einen Verlierer. Jenen verdienstvollen Mann, der die Eintracht auf gesunde Beine gestellt, aber verpasst hat, rechtzeitig loszulassen. Zuletzt wirkte er wie ein Fossil. Erstarrt. Seit er weg ist, hat die Eintracht Flügel bekommen, ganz ohne Red Bull. Dennoch muss sie ihm ewig dankbar sein. Aber was er sich nun in Hamburg antut ... warum bloß?

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Jetzt kommt Darmstadt. In der Vorrunde setzte es dort die unnötigste aller Niederlagen. Bei den »Lilien« ist »Männerfußball« angesagt, wie Trainer Torsten Frings unter der Woche im FAZ-Interview ankündigte. Nun ja, das anschließende 1:6 als Frauenfußball zu bezeichnen, wäre ja auch ein übles Foul an Fußballerinnen. Das war weder Männer- noch Frauenfußball, sondern ein Kinderspiel. Für Köln.

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Frings, die ehrliche Haut, hat als Trainer-Novize noch nicht die Sprachregelung verinnerlicht, den Newspeak, wie ihn in Orwells »1984« (siehe auch »Sport-Stammtisch« vom Samstag) der Große Bruder verordnet. Die Verweigerung der Freigabe für einen nicht gerade übertalentierten Spieler begründet er ebenso knurrig und kernig wie treuherzig und naiv: »Wir können uns ja nicht noch schlechter machen, als wir ohnehin schon sind.« Ehrlich bis über die Schmerzgrenze hinaus.

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Frings hat den seltsamen und von ihm ungeliebten Spitznamen »Lutscher«. Heißen nicht alle Frankfurter für Offenbacher »Lutscher«? Oder umgekehrt? Ich kenne das Wort nur aus dem Radsport als »Hinterrad-Lutscher«. Als Fußballer war der Männersportler Frings alles andere als ein Lutscher. Aber diese Umkehrung der Werte hat im Sport Tradition. Im Bobfahren ist der Bremser ein Anschieber und hat auf der Strecke strengstes Bremsverbot, und beim Bahnradfahren sind die Steher am schnellsten, aber die Flieger machen Stehversuche.

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Stehversuche – auch dieses Sportwort hat Flügel bekommen. Wie der »Schrittmacher« und das »Von der Rolle«-Sein aus dieser aus der Mode gekommenen Bahnraddisziplin, in der hinter einem Motorrad hergefahren wird. An diesem ist hinten horizontal eine Rolle befestigt, an der man eng dran bleiben muss, um den Windschatten des Schrittmachers zu nutzen. Wer »von der Rolle« gerät, verliert sofort an Geschwindigkeit und hat schon verloren. Der Sport lernt uns viel, aber man lehrt nie aus. Oder so.

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Schon beschwert sich meine liebste Zielgruppe. Nur Sport heute? Zur Wiedergutmachung zu guter Letzt eine dpa-Schlagzeile vom Sonntag: »Lafontaine sieht sich nicht im Schatten seiner Frau.« Auch Ego-Bomber leiden also unter dieser typisch männlichen Sehschwäche. Aber das ist ein anderes Thema. (gw)

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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« / Mail: gw@anstoss-gw.de)

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