Schluss mit Faxen machen: In Corona-Zeiten sind 222-Millionen-Euro-Wechsel-Deals wie der 2017 von Neymar nach Paris undenkbar. FOTO: DPA
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Schluss mit Faxen machen: In Corona-Zeiten sind 222-Millionen-Euro-Wechsel-Deals wie der 2017 von Neymar nach Paris undenkbar. FOTO: DPA

Corona lässt Ablösesummen sinken

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Das Coronavirus hat auch den Transfermarkt lahmgelegt. Die Pandemie dürfte die Ablösesummen gesundschrumpfen - zumindest vorübergehend.

Es ist gerade zwei Jahre her, als Ralf Rangnick die Auswüchse des Transfermarktes auf den Punkt brachte. "30 Millionen sind in England das neue Ablösefrei", spottete der damalige Sportdirektor von RB Leipzig im März 2018. Sieben Monate zuvor war der Brasilianer Neymar für unfassbare 222 Millionen Euro zu Paris St. Germain gewechselt, der erste 300-Millionen-Transfer schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Dann kam das Coronavirus.

"Der Markt wird sich, da bin ich ziemlich sicher, runterregulieren. Vielleicht sogar auf ein gesundes Maß, weil schon sehr, sehr viel bezahlt worden ist in den letzten Jahren. Das wird sich deutlich reduzieren", sagte Spielerberater Stefan Backs von der Agentur Siebert und Backs.

Seit Mitte März ruht wegen COVID-19 fast auf der ganzen Welt der Ball, dadurch ist auch das Transfer-Ballyhoo eingeschlafen. Es gibt momentan Wichtigeres als Verstärkungen für die neue Saison. Erst muss die alte Spielzeit beendet werden, um nahezu jeden Preis. Und selbst wenn das gelingt - aller Voraussicht nach vor leeren Rängen - werden sich die Verluste nicht nur bei den Einnahmen niederschlagen. Auch das "Humankapital" wird an Wert verlieren.

Laut dem Internationalen Zentrum für Sportstudien CIES könnte der Transferwert der Spieler in Bundesliga, Premier League, La Liga, Serie A und Ligue 1 durch die Auswirkungen der Pandemie von 32,7 auf 23,4 Milliarden Euro sinken, sollten die derzeit unterbrochene Saison nicht zu Ende gespielt und Spielerverträge bis Juni nicht verlängert werden. Bei Bayern München etwa gehen die Forscher in diesem Fall von einem Marktwertverlust von 267 Millionen Euro (minus 33 Prozent) aus. Selbst ein reguläres Saisonende würde die Schäden nur begrenzen. Die fetten Jahre sind erst einmal vorbei.

Neben den wirtschaftlichen Einschnitten könnten allerdings auch moralische Aspekte dafür sorgen, dass Ablösen und Gehälter erstmals seit Jahrzehnten sinken. "Man muss schauen, ob es zeitgemäß ist, wenn Tausende Menschen um ihre Existenz bangen, ob man dann zig Millionen Ablösesumme für einen Spieler bezahlt", sagte Stefan Backs.

Probleme sieht der Berater des künftigen Bayern-Profis Alexander Nübel auf die "Zocker" unter den Fußballern zukommen, die lange auf einen noch besseren Vertrag gepokert haben. Und jene Spieler, die noch keinen Verein gefunden hätten, "die sowieso Schwierigkeiten hatten, einen Klub zu finden, die werden hinten runterfallen", so Backs.

Jörg Neblung, bekannt geworden als Berater von Robert Enke, prophezeit sinkende Ablösen "bei jedem Spielerprofil". Selbst bei jungen, hochveranlagten Topspielern wie Nationalspieler Kai Havertz oder Jadon Sancho "wird es mit dreistelligen Millionenbeträgen eher schwierig werden", sagte der 52-Jährige dem Portal transfermarkt.de.

Sascha Empacher, dessen Agentur Spocs unter anderem Liverpool-Superstar Mo Salah vertritt, rechnet mit einer "relativ ruhigen Transferzeit", einer Zunahme an ablösefreien Transfers und sinkenden Gehältern. "Ein Spieler eines Top-10-Klubs in Europa wird künftig eher fünf bis acht Millionen verdienen statt 13 bis 20 Millionen. Ein Mittelklasse-Bundesliga-Spieler 800 00 Euro statt 1,5 Millionen Euro", rechnete Empacher in der Bild-Zeitung vor.

Wie lange diese Rezession andauern wird, vermag niemand seriös vorherzusagen. Dass sie nachhaltig sein wird, darf aber bezweifelt werden. "Sobald sich die Pandemie entspannt hat", prognostiziert Neblung, "werden die Marktmechanismen wieder zu einem erneuten Anstieg der Ablösesummen führen, auch wenn sich der 300-Millionen-Transfer vielleicht noch um zwei, drei Jahre verzögert."

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