Blutdoping als Hobby

  • vonSID
    schließen

Über mehrere Jahre soll Mark S. Sportler gedopt haben. Am fünften Prozesstag in München gesteht der Arzt umfangreich und führt Geräte zur Blutaufbereitung vor.

Als seine Anwälte das mit Spannung erwartete Geständnis verlesen, gibt sich der Hauptangeklagte Mark S. äußerlich entspannt. In grauem Hemd und beiger Hose verfolgte der Erfurter Sportmediziner die halbstündige Erklärung seiner Verteidigung - doch auf weitere Namen beteiligter Sportler warteten die Zuhörer im Dopingprozess vor dem Landgericht München II am Dienstag vergeblich.

"Warum ich mich entschlossen habe, Eigenblutdoping zu betreiben, kann ich nicht mehr sagen", ließ S. in der Erklärung verlauten. Vielleicht sei es seine "Liebe zum Sport" gewesen: "Doping ist an der Tagesordnung, wenn man erfolgreich sein will." Er habe aus den Augen verloren, dass er damit dem Sport schaden könne, rechtfertigte sich der Sportmediziner, der zudem einige der ihm vorgeworfenen Punkte als "unzutreffend" bezeichnete. Zudem bestritt er, in seiner Zeit als Teamarzt des Radrennstalls Gerolsteiner Doping betrieben zu haben.

S. droht in dem bis kurz vor Weihnachten angesetzten Prozess eine mehrjährige Haftstrafe. Auf die Nachfrage der Vorsitzenden Richterin, ob die Ausführungen seiner Verteidigung so stimmen würden, antwortete S. nur mit einem Nicken. Es sei seinem Mandanten sehr wichtig, seinen Beitrag so gut wie möglich zu erleuchten, betonte Anwalt Juri Goldstein: "Zum jetzigen Zeitpunkt denken wir, dass es so ausreicht."

An den vorherigen Prozesstagen hatten insgesamt drei Beschuldigte, darunter der Vater von S., ihre Beteiligung eingeräumt. Nur der Angeklagte Q. äußerte sich bisher nicht zu den Vorwürfen.

S. widersprach der Darstellung, er habe mit dem Doping Geld verdienen wollen. Es sei eine "Plus-minus-null-Rechnung" für ihn gewesen. Die Arbeit im Hochleistungssport habe ihn fasziniert, es sei für ihn "ein Eintauchen in eine andere Welt" gewesen, eine Art "Hobby", erklärte S., der die konkreten Arbeitsabläufe vor Gericht anhand verschiedener Geräte - die Druckern ähneln - ausführlich demonstrierte. Von den Athleten habe er normalerweise pro Saison 5000 Euro als Grundbetrag für die medizinische Betreuung erhalten - intensivere Maßnahmen kosteten mehr, bei Erfolgen der Athleten gab es ebenfalls einen Aufschlag. Er habe große Ausgaben etwa durch Spezial-Equipment zur Blutaufbereitung sowie durch Reise- und Hotelkosten gehabt.

Auch habe er immer darauf geachtet - beispielsweise bei der Einstellung des Hämatokritwertes -, dass es keine gesundheitlichen Schäden bei den Sportlern gebe: "Das war mir immer sehr wichtig." Meist seien die Athleten über Empfehlungen an ihn herangetreten, es habe eine hohe Nachfrage gegeben.

Die Einlassungen seiner Mitangeklagten bezeichnete er als "weitgehend" zutreffend. Allerdings habe er Diana So. und Sven M. nicht unter Druck gesetzt. Beide hätten "von sich aus Nein sagen können". Die mitangeklagte Krankenschwester So. hatte von Geldproblemen berichtet und davon, dass sie sich nicht getraut habe, aufzuhören.

S. betonte zudem, wie leid es ihm täte, seinen Vater in die Vorgänge hineingezogen zu haben. Mit einer "Salamitaktik" habe er diesen in seine Tätigkeit eingeweiht. Sein Vater, Ansgard S., hatte in der vergangenen Woche erklärt, von den Dopingpraktiken seines Sohnes gewusst zu haben.

Aufgeflogen war das Dopingsystem durch spektakuläre Razzien im Februar 2019 während der nordischen Ski-WM in Seefeld und in Erfurt. Bekannt ist bisher die Verwicklung von 23 Sportlern aus acht Ländern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare