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Binotti - das Gesicht der Ferrari-Krise

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Katastrophale Kommunikation bei der Vettel-Trennung, desaströse Rückentwicklung des Ferrari: Teamchef Mattia Binotto ist bei der Scuderia zum Gesicht der Krise geworden.

Wegen der markanten runden Brille hatte Mattia Binotto in erfolg reicheren Tagen schnell seinen Spitznamen weg. "Der Harry Potter der Formel 1" sei er, schrieben nicht nur zahlreiche Boulevardblätter. Doch mit der Magie ist es beim Ferrari-Teamchef nicht mehr weit her.

"Wir setzen alles daran, das Auto so schnell wie möglich nach vorne zu bringen, obwohl wir wissen, dass kein Paket ein Zauberstab sein kann", sagte der 50-Jährige nach dem unbefriedigenden Auftritt der Roten beim Auftaktrennen in Österreich.

Beim Blick in die Ergebnislisten mag man in einigen Jahren zwar sagen: Platz zwei für Charles Leclerc noch vor Weltmeister Lewis Hamilton im Mercedes, das war doch ganz gut. Doch dieses mit viel Dusel zustande gekommene Resultat spiegelt bei Weitem nicht die Kräfteverhältnisse auf der Strecke wider.

Vettels klare Meinung

"Unter normalen Umständen sind die Plätze fünf bis sieben gerade das, was für uns drin ist. Wir haben jede Menge Arbeit", stellte der zweite Ferrari-Pilot Sebastian Vettel, selbst nur Zehnter, zutreffend fest. Die Gegner heißen derzeit nicht Mercedes und Red Bull, sondern McLaren und Racing Point. "Wir haben gesehen, dass ein paar Zehntel einen großen Unterschied in der Reihenfolge ausmachen können", warf Binotto ein, der in der Krise eine zunehmend unglückliche Figur macht. Als Technikchef der Scuderia galt der in Lausanne geborene Ingenieur lange als strategisch denkender Gegenpol zum hochemotionalen Teamchef Maurizio Arrivabene. Vor der vergangenen Saison gewann Binotto den internen Machtkampf und stieg zum Boss auf.

Anfangs lief es gut, Binotto moderierte die brisante Fahrerpaarung mit Platzhirsch Vettel und Ehrgeizling Leclerc ordentlich. Der Motor hinterließ wegen der unglaublichen Beschleunigung offene Münder. Im Spätsommer 2019 gewann Ferrari nacheinander in Spa, Monza und Singapur.

Die Konkurrenz geriet in Sorge und bat den Weltverband FIA um eine Klarstellung der Regularien beim Benzindurchlauf - letztlich ein höflicher Ausdruck dafür, dass jemand Betrug wittert. Tatsächlich wurde Ferrari dessen offiziell nicht schuldig, allerdings brachte die FIA im November eine Direktive heraus, in deren Folge die Powerunit der Scuderia mit einem Mal an Stärke verlor.

Binotto begründet dies gebetsmühlenartig mit einem Kompromiss, man habe Speed auf der Geraden für mehr Geschwindigkeit in den Kurven geopfert. Doch näher an Branchenprimus Mercedes herangerückt ist Ferrari seitdem nicht. Im Gegenteil.

Wenig Hoffnung auf Besserung

Binotto, die Tifosi und auch die italienische Presse mussten sich in Spielberg schon bei der Glücksgöttin und bei Leclerc bedanken, dass die Saison zumindest vom Ergebnis nicht mit einer Katastrophe begann. Der "Corriere dello Sport" schrieb: "Maranello setzt auf den richtigen Piloten, doch ob das Talent des Monegassen reichen wird, um die Mängel des Autos zu kompensieren, ist eine offene Frage."

Auf große Unterstützung durch Vettel scheint Binotto spätestens seit der recht stillosen Kommunikation der Trennung vom Deutschen zum Saisonende nicht mehr zu setzen. "Immerhin ist es Sebastian gelungen, wieder in die Punkte zu fahren, aber er hatte mehr als sein Teamkollege mit der Balance des Autos zu kämpfen", sagte Binotto.

Rechtzeitig vor dem Rennwochenende wolle er nun "jeden Stein umdrehen und herausfinden, woran das liegt", so der 50-Jährige. Das zweite Rennen steigt am Sonntag ebenfalls auf dem Red-Bull-Ring (15.10 Uhr/RTL). Und damit besteht wenig Hoffnung auf Besserung. Auch Binotto kann nicht zaubern. (sid/dpa)

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