"Zwischen all den Sternen". Hans-Günter Becker (r.) war der Kapitän von Tasmania Berlin. Hier attackiert er im Januar 1966 den Dortmunder Flügelstürmer "Stan" Libuda. ARCHIVFOTO: DPA
+
"Zwischen all den Sternen". Hans-Günter Becker (r.) war der Kapitän von Tasmania Berlin. Hier attackiert er im Januar 1966 den Dortmunder Flügelstürmer "Stan" Libuda. ARCHIVFOTO: DPA

"Die besten Verlierer aller Zeiten"

  • vonred Redaktion
    schließen

Der Schalk sitzt Hans-Günter Becker auch mit 82 Jahren noch im Nacken. Seine Stimme klingt klar, seine Erinnerungen kramt er sich wie aus einem gut sortierten Aktenregal in einzelnen Abfolgen hervor. Oft genug hat der ehemalige Kapitän von Tasmania Berlin die Episoden erzählt, die sich vor 55 Jahren abgespielt haben. Etwa die, wie er das schlechteste Bundesligateam der Fußball-Geschichte nach dem letzten Spiel der Saison 1965/66 in einem großen Kreis versammelte.

Die fürwahr furchtbare Bilanz: 15:108 Tore, 8:60 Punkte. Doch der Mannschaftsführer rief: "Männer, wir haben nach dem Mond gegriffen und wir wussten doch, dass wir ihn nie erreichen, aber denkt dran: Wir waren zwischen all diesen Sternen." Der Vergleich kam gut an. Was der von allen nur "Atze" genannte Kapitän den Kameraden sagen wollte: "Zehntausende Fußballer träumen doch davon in der Bundesliga zu spielen. Wir haben es geschafft."

Das Kapitel endete am 28. Mai 1966 nach einem 0:4 beim FC Schalke 04. Eine bessere Brücke in die Gegenwart kann kein Märchenerzähler bauen. Die heutigen Schalker sind nah dran, ebenfalls 31 sieglose Spiele aneinanderzureihen. Nur das Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim am Samstag steht noch dazwischen.

Die tapferen Tasmanen haben sich seit zwei Jahrzehnten in stolzem Gedenken an ihre eigentlich gar nicht so rühmlichen Taten immer am 11. 11. um 11.11 Uhr zum Eisbeinessen verabredet: "Damit den Termin auch die Ältesten von uns nicht vergessen", feixt Becker. Von seiner Wohnung in Tempelhof-Schöneberg sind es fünf Kilometer zum Werner-Seelenbinder-Sportpark in Berlin-Neukölln, wo heute der SV Tasmania die Versagergeschichte vor allem zu Marketingzwecken nutzt. Ganz korrekt ist das nicht, denn der SC Tasmania 1900 wurde mit dem Konkurs 1973 aufgelöst. Der traditionsreiche Berliner Fußballklub aus dem Westberliner Stadtteil Rixdorf (heute Neukölln) hatte 1964 zwar an der Aufstiegsrunde teilgenommen, kam aber ein Jahr später zur Bundesliga wie die Jungfrau zum Kinde. Wegen des Verstoßes gegen die Statuten des Deutschen Fußball-Bundes wurde Hertha BSC die Lizenz entzogen. Unerlaubte Handgelder, überhöhte Gehälter.

Plötzliche Aufstieg

Berlin aber war eingemauert, und ohne einen Repräsentanten sollte die Liga nicht starten. Die meisten Tasmania-Spieler befanden sich im Urlaub, als sie die Kunde vom unverhofften Aufstieg erreichte. Becker erfuhr es am Strand von Scharbeutz. Ihn wies einer beim Boccia-Spielen darauf hin. Im Radio sei durchgesagt worden, die Fußballer sollten heimkommen. Der Kapitän rief beim Präsidenten an: "Wat soll denn das jetzt? Ick hab noch 14 Tage Urlaub." Er ist dann noch eine Woche an der Ostsee geblieben. "Ich hatte ja bezahlt!"

Er konnte auch nichts mit dem Vorschlag anfangen, seine Stelle als Verwaltungsangestellter beim Landesamt für Mess- und Eichwesen aufzugeben. Er hat schließlich für neun Monate halbtags gearbeitet, aber hatte seinem Chef zuvor versichert: "Sie können sich darauf verlassen, nach der einen Saison ist wieder Schluss mit der Bundesliga." Dafür brauchte es keine prophetische Gabe. "Wir hatten zwar eine gute Mannschaft, aber die war längst über dem Zenit." Der einzige prominente Neuzugang kam aus Italien, Horst Szymaniak, ein schlichtes Gemüt mit dem passenden Charakter. Als Tasmania Tabellenletzter war, sagte der Nationalspieler einem Reporter: "Wunderbar, wir peitschen die gesamte Liga vor uns her." Dabei sollte es reichlich Niederlage hageln, die höchste in der Rückrunde mit 0:9 gegen den Meidericher SV.

Dabei hatte alles so schön angefangen. 14. August 1965. Erster Spieltag. Mehr als 81 000 Menschen strömten gegen den Karlsruher SC herbei. Nach dem 2:0-Erfolg beschimpften die Mitspieler ihren Mittelfeldspieler: Becker hatte gegenüber dem Vorstand den Vorschlag abgelehnt, bei den Grundgehältern - damals 1200 D-Mark - runterzugehen, um an höhere Prämien zu kommen. "Der Unmut hat sich schnell gelegt. Nach einem Drittel der Saison sind sie mir beinahe um den Hals gefallen."

Becker hat Mitleid

Wenn Becker zum Wochenende nach Gelsenkirchen blickt, dann hat er fast Mitleid. Er kenne das aus eigener Erfahrung: Nach vielen Niederlagen tief im Sumpf stecken, jedes Spiel ein verzweifelter Schritt, mit dem man nur weiter versinkt. Einen Rat hätte er noch: "Sie müssen endlich anfangen, um ihr Leben zu ackern."

Er vermutet daher, dass Tasmania das Alleinstellungsmerkmal jetzt einbüßt, aber er verspürt deswegen keine Wehmut. "Wir haben ja noch ein paar Rekorde." Und eines wird ihm niemand nehmen: das gute Gefühl, trotz allen schlechten Zahlen. "Wir haben das gar nicht so negativ betrachtet, sondern uns als bester Verlierer aller Zeiten gesehen." FRANK HELLMANN

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare