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Karl-Heinz Schnellinger trifft zum 1:1 und erzwingt im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt die Verlängerung im legendären WM-Spiel gegen Italien (Endstand 3:4). FOTO: DPA

"Ausgerechnet Schnellinger"

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(sid). Seine vier Enkelkinder konnte Karl-Heinz Schnellinger diesmal nicht in den Arm nehmen. Und überhaupt war für den 47-maligen deutschen Fußball-Nationalspieler an diesem Geburtstag alles anders als sonst.

Die Glückwünsche der Familie und der Freunde zu seinem 81. am gestrigen Dienstag konnte er nur virtuell entgegennehmen, und vermutlich musste er nicht einmal die Frage nach einem der berühmtesten Tore der deutschen Fußball-Geschichte beantworten.

Weil ein anderes Thema alles überstrahlt. Schnellinger, "ausgerechnet Schnellinger", wie ARD-Kommentator Ernst Huberty damals im WM-Halbfinale 1970 in die Mikrofone rief, nachdem der Abwehrspieler mit seinem Treffer die deutsche Mannschaft in der Nachspielzeit des Duells mit Italien in die Verlängerung gerettet hatte, lebt in Mailand. In einer von der Corona-Pandemie am schlimmsten betroffenen Region im Norden Italiens.

"In meinem Alter ist die Ansteckungsgefahr hoch und es ist besser, dem Virus keine Chance zu geben", sagte Schnellinger im Telefongespräch mit dem Sportinformationsdienst (sid). Die gute Laune will sich der Ex-Nationalspieler nicht verderben lassen - dennoch überwiegt die Vorsicht. Bei der Feier in der Wohnung im Mailänder Viertel Segrate war nur seine Frau Ursula mit dabei, die gemeinsame Tochter Birgit erledigte die Einkäufe.

"Carlo il biondo" (Karl, der Blonde), wie er von den Italienern genannt wird, hält sich an die strikte Ausgangssperre rigoros, inzwischen hat er sich mit der Lage abgefunden. "Zu Hause zu bleiben, ist im Moment die einzige Art, das Virus zu bekämpfen. Solange man kein Medikament oder einen Impfstoff findet, muss man tun, was man vorgeschrieben bekommt", sagte der Ex-Nationalspieler: "Niemand hat damit gerechnet, dass sich dieses Virus so stark verbreiten würde."

Dass er angesichts der Lage in Mailand seine Wahlheimat verlassen könnte - dieser Gedanke kam Schnellinger nie. Beim AC Mailand feierte er große Erfolge, holte zwischen 1965 und 1974 eine Meisterschaft, drei Pokalsiege, einmal den Europapokal der Landesmeister, den Weltpokal, und zweimal den Europapokal der Pokalsieger.

Die Stadt hat er auch nach seiner Zeit als Profi nicht verlassen. Schnellinger war damals einer der ersten Italien-Legionäre in einer Zeit, in der sich nur die wenigsten Fußballer ins Ausland wagten.

Natürlich pflegt der in Düren geborene Schnellinger weiterhin Kontakte zu Freunden und Bekannten in Deutschland. "Unglück muss man durchstehen. Das ist bestimmt die schwierigste Situation nach dem Zweiten Weltkrieg", sagte der einstige Abwehrspieler, der mit dem 1. FC Köln 1962 deutscher Meister wurde. Ein Nostalgiker ist Schnellinger nicht. Er denkt schon an seine nächsten Aufgaben zu Hause. "Es gibt immer Reparaturen, die man erledigen kann", meinte er.

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