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Die mit den Augen sprechen

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Maxime Mbanda ist italienischer Rugby- Nationalspieler - und seit dem Corona-Ausbruch Rettungswagenfahrer in Parma. Im Gespräch schildert der 26-Jährige den Schrecken und die Hoffnung dieser besonderen Aufgabe.

Seit acht Tagen ist Maxime Mbanda ununterbrochen im Einsatz. Mit dem Rettungswagen braust er durch Parma, von Krankenhaus zu Krankenhaus, seine Schichten dauern manchmal 13 Stunden. "Ich habe zu mir selbst gesagt: Du darfst nicht müde sein", erzählt der italienische Rugby-Nationalspieler, dafür sei das Elend zu groß. Und genau deshalb sitzt der Profi ohne jede medizinische Erfahrung hinter dem Steuer.

Eigentlich hätte Mbanda zuletzt in Rom auflaufen sollen. Vor 60 000 Zuschauern gegen England. Doch die Corona-Krise hat alles verändert, auch sein Leben. "Als alles abgesagt wurde, habe ich überlegt, wie ich helfen kann", sagt der Spieler des lokalen Klubs Zebre Rugby AFP, jetzt ist er für das Gelbe Kreuz unterwegs.

Statt Trikot und kurzer Hose trägt Mbanda einen Schutzanzug und eine Maske, die Region Emilia-Romagna hat es sehr schwer erwischt. Der 26-Jährige transportierte zunächst nur Hilfsmaterial, Nahrungsmittel oder brachte Rezepte. Dann wurde er nach eigenen Angaben "an die Frontlinie, ins Herz des Problems" versetzt. Jetzt fährt Mbanda Infizierte von einer Klinik in die nächste. "Ich helfe beim Tragen oder wenn Patienten aus einem Rollstuhl gehoben werden müssen", erklärt Mbanda, ein Leichtes für einen kräftigen Rugby-Spieler. Auch Sauerstoffbehälter trägt er.

Was er täglich zu sehen bekommt, sei erschütternd. 95 Prozent der Aufmerksamkeit in den Krankenhäusern gelte Corona, "wenn die Leute sehen würden, was ich sehe, würden sie sich nicht mehr in Schlangen vor dem Supermarkt anstellen".

Allein am Samstag starben 800 Menschen in Italien, fast 5000 sind wegen der Pandemie tot. Mbanda sieht Kranke "in allen Altersstufen. Ärzte und Schwestern arbeiten 20 bis 22 Stunden durch".

Genauso ergeht es Mbandas Vater, der als Chirurg in Mailand "auch an der Frontlinie" arbeite. Er selbst sei bei den Patienten auch als Psychologe gefordert. "Selbst wenn sie nicht sprechen können, teilen sie dir mit den Augen Dinge mit, die unvorstellbar sind." Denn sie hören die Alarme, die Ärzte und die Schwestern, wenn diese durch die Gänge rennen.

"Der erste Mann, den ich gefahren habe, sagte, dass nach dreistündigem Aufenthalt sein Bettnachbar gestorben sei. In der Nacht starben zwei weitere Frauen im Zimmer. Er hatte nie zuvor jemanden sterben sehen", so Mbanda.

Der Quereinsteiger will die Menschen trösten. Er reicht ihnen buchstäblich die Hand, auch wenn er sich danach jedes Mal desinfizieren muss. Mbanda appelliert an andere, jeder könne helfen. "Angst ist ganz normal. Aber es gibt kleine Dinge, die denen an der Frontlinie eine halbe Stunde oder Stunde Ruhe bringen."

Mbanda denkt nicht ans Aufhören: "Solange ich stark bin, mache ich weiter. Ich bin hier, und ich bleibe hier." FOTO: IMAGO

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