Ein Trumpf ist die einzigartige Atmosphäre im Stadion "An der Alten Försterei". (dpa)
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Ein Trumpf ist die einzigartige Atmosphäre im Stadion "An der Alten Försterei". (dpa)

Von Anfang an ein Kampf gegen den Abstieg

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Union Berlin ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Fußballklub. Zu DDR-Zeiten waren es vor allem Regimegegner, die mit den Schlosserjungs aus Oberschönweide sympathisierten, weshalb der Verein immer unter besonderer Beobachtung stand und klein gehalten wurde. Die Lage des Stadions "An der Alten Försterei" mitten im Kiez von Köpenick versprüht ein besonderes Flair. Die Vereinshymne von Nina Hagen "Schulter an Schulter ziehen wir gemeinsam für Eisern Union" ist Kult. Und das Engagement der Fans ist im ganzen Land bekannt. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass die Anhänger des Aufsteigers vor dem Ligastart für Schlagzeilen sorgen. Beim allerersten Heimspiel des 56. Klubs in der Fußball-Bundesliga gegen RB Leipzig (18. August) kann jeder Besucher ein Banner mit einem Bild eines verstorbenen Angehörigen anfertigen lassen, dem dann gedacht wird.

Wie ist die Stimmung?Die Vorfreude vor dem ersten Anstoß ist natürlich riesig. 12 000 Fans waren zum Saisonauftakttraining ins Stadion gepilgert, um die Rot-Weißen bei der ersten Vorbereitung für Deutschlands höchste Spielklasse zu sehen. "Es macht einfach Spaß derzeit", sagt Rechtsverteidiger und Kapitän Gerhard Trimmel. Dass das Abenteuer Bundesliga nicht einfach wird, weiß man natürlich. "Die Underdog-Rolle nehmen wir an", sagt Oliver Ruhnert, Geschäftsführer Profifußball.

Wie stark ist der Kader?Der ist in allererster Linie riesig. 34 Mann umfasst der Kader von Trainer Urs Fischer aktuell. Mit Zugängen wie Christian Gentner, Antony Ujah oder Neven Subotic hat Union reichlich Bundesliga-Erfahrung dazugeholt. Mit Sheraldo Becker und Florian Flecker mehr Geschwindigkeit hinzubekommen. Die Offensive sollte mit Sebastian Polter, Sebastian Andersson sowie den beiden Zugängen Ujah und Marcus Ingvartsen ordentlich besetzt sein. "Ein hungriges Team", hat Subotic festgestellt. Trimmel findet: "Wir haben jetzt viel mehr Qualität im Training als in den letzten Jahren. Es gibt selten Phasen, die nicht ideal sind."

Worauf steht der Trainer?Beim Spielsystem deutet alles auf ein 4-2-3-1 hin, das schon in der Aufstiegssaison die bewährte Formation war. Gut organisiert, robust und unangenehm zu bespielen - das hat Fischers Team ausgezeichnet. Der Schweizer will in der Bundesliga "ein bisschen variabler werden". Deshalb studiert er auch ein 3-5-2-System ein. Dazu gehört viel Übung und Disziplin. "Risiko und Fantasie", fordert Fischer von seinen Akteuren. Da werden Fehler nicht ausbleiben. Und die werden in der Bundesliga meistens bestraft.

Wo hapert’s noch?Zwar gab es in sechs Testspielen keine einzige Niederlage, aber die ideale Formation hat Fischer noch nicht gefunden. Fünf Stürmer stehen für einen Platz in vorderster Front bereit. Und in der Innenverteidigung ist auch noch unklar, wer beim Ligastart aufläuft. Subotic absolvierte am Samstag beim 1:1 gegen den VfL Wolfsburg in Anif bei Salzburg seine ersten Minuten, es wird aber noch dauern, bis der Serbe nach seiner Knieverletzung richtig fit ist. Auch Florian Hübner fehlt wegen Knieproblemen. Angesichts des übergroßen Kaders könnte es außerdem zu Spannungen kommen. "Wir müssen das intern regeln", fordert Trimmel.

Wer sticht heraus?Natürlich die bundesligaerfahrenen Subotic (30), Gentner (33) und Ujah (28). Subotic hat in St. Etienne eine starke Saison gespielt und ist mit den Franzosen Vierter geworden in der Ligue 1. Gentner will es nach dem Abstieg mit dem VfB Stuttgart noch einmal wissen. Bei Ujah hoffen die Berliner Verantwortlichen, dass er an die Leistungen früherer Jahre anknüpft. In der Saison 2015/2016 erzielte der Nigerianer elf Treffer für Werder Bremen. Nach zwei Jahren in China waren es vergangene Spielzeit nur mickrige vier Tore für den FSV Mainz 05.

Wie geht’s dem Schatzmeister?Die erstmaligen Einnahmen aus den Bundesliga-TV-Geldern werden fast eins zu eins in den Kader investiert. Zwar wurden nur 7,5 Millionen Euro an Ablösen aufgewendet, allerdings soll der Lizenzspieleretat rund 40 Millionen Euro betragen. Ab 2020 wird das Stadion von 22 000 auf 37 000 Zuschauer Fassungsvermögen ausgebaut. Auch ein Nachwuchsleistungszentrum ist in Planung. Dass ausgerechnet ein Immobilienunternehmen als neuer Hauptsponsor vorgestellt wurde, stieß vielen Union-Anhängern sauer auf. Wohnungsknappheit und Mieterhöhungen sind bekanntlich ein Riesenthema in der Hauptstadt. Der Spagat zwischen dem Wahren der eigenen Werte, der Identität als Kultklub und den Realitäten des Profifußballs ist eine riesige Herausforderung. Präsident Dirk Zingler verspricht, "dass sich gar nichts verändert". Allerdings lautet das Ziel, auf Sicht in die Top 20 vorzustoßen. Und dabei darf es "keine Denkverbote geben".

Was ist drin?Union fehlt es trotz einigen Ausnahmen an Spielern, die den allerhöchsten Ansprüchen genügen. Deshalb werden die Eisernen wohl wieder ins Unterhaus absteigen. Timur Tinç

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