+

Sportfans

Zwischen Schmerz und Verständnis

  • Erik Scharf
    vonErik Scharf
    schließen

Ihr Lieblingsverein ist für Sportfans ein Lebensinhalt. Zum zweiten Mal in diesem Jahr müssen sie aber aufgrund der Coronavirus-Pandemie auf den Gang ins Stadion oder die Halle verzichten.

Kein Amateur-Sport im November. Die Basketball-Bundesliga spielt vor leeren Rängen. Die Fußball-Regionalliga hat eine frühzeitige Pause eingelegt. Die Maßgabe ist klar, aufgrund der steigenden Covid-19-Fallzahlen sollen Kontakte wieder auf ein Minimum reduziert werden. Da haben auch die leidenschaftlichsten Sportfans hinten anzustehen,

Die Fußballer haben immerhin für rund drei Monate spielen dürfen, in Gießen sogar vor Zuschauern. Die Fans der Gießen 46ers mussten derweil mit den Übertragungen von "Magenta Sport" vorlieb nehmen, die Osthalle sowie die anderen Spielorte bleiben am Spieltag für Fans abgeschlossen. Für einige ist es ein harter Einschnitt, schließlich ist es für sie ein Lebensinhalt, am Wochenende die Lieblingsmannschaft vor Ort zu unterstützen. Wir haben vier Edel-Fans gefragt, wie sie die Zwangstrennung von ihrer Lieblingsmannschaft erleben und was sie mit der unfrewillig gewonnenen Zeit anstellen.

Diana Brée (Seit Kindheitstagen Fan der Gießen 46ers):"Es schmerzt einfach", sagt Diana Brée. Seit Kindheitstagen ist sie dem Basketball in Gießen verfallen, lernte in der Osthalle auch ihren Freund Benjamin Heid kennen. "Seit unsere Tochter im vergangenen Jahr auf die Welt gekommen ist, ist logischerweise zumindest einer von uns beiden am Spieltag zu Hause geblieben", sagt sie, es ist also keine neue Erfahrung, nicht in der Osthalle oder bei Auswärtsspielen live dabei zu sein. Die 46ers-Pokalspiele hat die Familie zusammen gesehen, im WhatsApp-Gruppenchat wurde sich mit anderen Fans leidenschaftlich ausgetauscht. "Wir hängen natürlich sehr an den 46ers, zumal innerhalb der Fanszene langjährige Freundschaften entstanden sind, "teilweise sind wir von klein auf miteinander aufgewachsen", sagt die 34-jährige Psychologin im öffentlichen Dienst. Die Treffen vor und nach dem Spiel, überhaupt das ganze Drumherum, gehöre ja genauso dazu wie das Spiel an sich, sagt Brée. "Umso größer ist meine Sorge, dass die Distanz mit der Zeit wächst, wenn die Geschichte bei Heimspielen in der vollbesetzten Osthalle nicht weiter geschrieben wird. Auch im harten Kern hat schon der ein oder andere gesagt, dass ihm Basketball derzeit so egal wie noch nie zuvor ist", sagt Brée, stellt aber auch klar: "Wir sind leidgeprüft und stehen zum Verein, egal was kommt."

Andreas Schmidt (Ehrenamtler und Allesfahrer beim FC Gießen):"Wenn du ins Stadion gehen darfst, bist du glücklich", sagt Andreas Schmidt, der entsprechend gerade alles andere als glücklich über die Situation in der Regionalliga Südwest ist. Die acht bislang ausgetragenen Heimspiele seines FC Gießen hat er live im Waldstadion verfolgt. Da Gästefans in dieser Spielzeit auch bei geöffneten Stadiontoren nicht zugelassen waren, hat der 58-jährige Kraftfahrer die Auswärtsspiele in Elversberg, Bahlingen oder aber auch in Offenbach und Frankfurt in Gießen verfolgt. "Die freie Zeit habe ich immerhin zum Quadfahren nutzen können, das ist mein zweites Hobby. Und Fußball-Bundesliga geschaut", sagt Schmidt. Seiner Meinung nach müsse die Regionalliga Südwest noch bis in den Februar hinein mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs warten. "Man hätte die Liga von Anfang an in zwei Gruppen aufteilen sollen. So ist die ganze Saison nicht zu schaffen. Die Nord-Staffel hat es da richtig gemacht", sagt Schmidt mit Blick auf die Regionalliga Nord, die die laufende Saison in zwei Gruppen austrägt.

Marcel Bohl (Groundhopper und Dauerkartenbesitzer beim EC Bad Nauheim und Kickers Offenbach):"Aus Sicht des Sportfans waren die letzten Wochen nicht schön", sagt Bohl. "Ich bin ja allgemein viel unterwegs, aber es gab ja nicht mal im Amateursport etwas zu sehen." Die freigewordene Zeit füllt sich Bohl mit Lesen. "Ich habe haufenweise Groundhopping-Bücher und Fanzines, hin und wieder kommt ja auch Sport im TV, aber das ersetzt den Stadiongang natürlich auch nicht", sagt der 39-Jährige Vertriebsinnendienstler. Immerhin war er bei den Testspielen des EC, bei denen noch Zuschauer zugelassen waren, im Colonel-Knight-Stadion, im Stadion: "Es war wichtig, dass man wieder Eishockey gucken konnte, mit der Situation drumherum hat man sich irgendwie arrangiert", sagt Bohl. Nun hofft er, dass bald wieder "irgendwas wieder losgeht oder freigegeben wird". Seinen nächste Groundhopping-Tour hat er auch schon im Visier. "Mit dem Auto ans Nordkap und die Faröer Inseln. Das sind die nächsten Ziele." FOTOS: PV

(ra). Reinhard Schargitz aus Fernwald engagiert sich seit Jahren u. a. für die "Tour der Hoffnung" und regional andere gemeinnützige Organisationen. Seit 2007 zählt er aktiv auch zu den Edelfans des traditionsreichen Handball-Zweitligisten TV 05/07 Hüttenberg, für den er Auswärtsfahrten organisiert, die Interessengemeinschaft Handball mitbegründet hat und Spendenaktionen durchführt.

"Für uns Anhänger ist es natürlich schwer, die Mannschaft aktiv zu untertsützen", blutet Schargitz das Herz, "wir durften bisher ja nur einmal in die Halle, als 600 Zuschauer zugelassen waren, viele Fans aber wegen Corona Bedenken hatten und am Ende nur 450 gekommen sind. Da hat man aber schon gemerkt, wie bedeutsam für die Spieler die Unterstützung von den Rängen ist."

Deshalb unternehme man abseits des Spielfeldes viele Anstrengungen, um dem Zweitliga-Team von Fanseite bestmöglich Hilfestellung zu geben. "Wir haben mittlerweile eine Solidaritätstombola ins Leben gerufen, mit der wir 10 000 Euro Erlös für den Zweitliga-Handball einspielen", sagt Schargitz, "im Sommer haben wir zudem unsere Bully-Kasse der Auswärtsfahrten geplündert und 3700 Euro gespendet." Aktuell zahlt sich die im vergangenen Jahr gegründete Interessensgemeinschaft Hüttenberger Handball aus, die mittlerweile bereits 60 Mitglieder zählt und das Konto entsprechend anwachsen lässt. "Bei all dem darf ja nicht vergessen werden, dass dem Klub auch die Einnahmen aus unserer berühmt-berüchtigten dritten Halbzeit fehlen."

Reinhard Schargitz hat in den vergangenen Monaten 110 E-Mail-Adressen eingesammelt, weshalb es ihm in der Pandemie möglich ist, die Fanschar des TV 05/07 Hüttenberg mit Informationen zu versorgen und zusammenzuhalten. "Im Okotber noch haben wir gemeinsam die TVH-Spiele in den Bürgerstuben auf der Leinwand verfolgen können, seit November geht das einzeln ja nur noch über Sportdeutschland.TV."

Wenn man der Situation überhaupt etwas Positives abgewinnen kann oder will, so Schargitz, dann ist es der Umstand, "dass der Zusammenhalt unter uns Fans noch nie so groß war".

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare