Prof. Dr. Heinz Zielinski weiß in seinen vielfältigen Funktionen um die Sorgen und Nöte der Vereine. FOTO: FRIEDRICH
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Prof. Dr. Heinz Zielinski weiß in seinen vielfältigen Funktionen um die Sorgen und Nöte der Vereine. FOTO: FRIEDRICH

Den Weg zurück finden

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Auf der Agenda 2020 des Sportkreises Gießen standen viele Themen. Die Corona-Krise hat mit einem Schlag alle verdrängt. Die Verantwortlichen im Landessportbund und im Sportkreis sind aktuell allein damit beschäftigt, die Situation zu bewältigen.

Als Vorsitzender des Sportkreises Gießen, Vorstand der Sportstiftung Hessen sowie Vorsitzender der Bildungs- akademie des Landessportbundes Hessen hat Prof. Dr. Heinz Zielinski (Linden) tiefe Einblicke in das, was die Corona- Krise im regionalen und lokalen Sport binnen weniger Wochen ausgelöst hat. Das Interview gibt ein wenig Aufschluss.

Wie stellt sich aktuell die Situation für den Sportkreis Gießen während der Corona-Krise dar?

Der organisierte Sport ist zum Erliegen gekommen, er ist in den drei Wochen zu einer rein individuellen Angelegenheit geworden. Es finden physisch keine Veranstaltungen, keine Workshops, keine Seminare statt. Dieser Prozess wird langsam allen immer bewusster, vor allem, dass es länger dauern könnte, bis es irgendwann wieder in den Normalbetrieb übergeht.

Welchen Reflex hat das zur Folge?

Die Vereine beginnen sich umzustellen und fragen sich, was können wir in der Situation tun? Welche Angebote können wir Einzelpersonen machen, Sport zu treiben? Der Trend geht eindeutig zu Online-Angeboten. Dieser Prozess hat aber jetzt gerade erst begonnen.

Sind die wirtschaftlichen Folgen absehbar?

Ich vermute für den Sportkreis Gießen, dass wir Einnahmeausfälle in Höhe von 800 000 bis 1 Millionen Euro haben werden. Ohne die kommerziell geführten Bundesliga-Vereine, nur die Breite des Sportes. Wie die Vereine damit umgehen, wie sie das schaffen sollen, das ist im Moment noch offen. Wir rechnen für den Landessportbund Hessen - um mal eine vergleichbare Zahl zu haben - mit Einnahmeeinbußen von 15 bis 20 Millionen Euro. Das wird die Vereine hart treffen.

Für Anfang April war vorgesehen, mit einem neuen Strukturplan für den Landessportbund in Klausur zu gehen. Muss dieser aufgrund der neuen Entwicklungen durch Corona überarbeitet werden?

Die Überlegungen waren noch ohne die Auswirkungen durch Corona. Wir müssen jetzt überlegen, was sich für kleine, mittlere und große Vereine ändern könnte. Ich denke, dass der Druck zur Bündelung der Kräfte weiter zunehmen wird und Vereine sich noch mehr zusammenschließen müssen, um überhaupt bestehen zu können.

Gibt es schon erste Ideen, Ansätze?

Wir sind momentan noch dabei, die aktuelle Situation zu bewältigen. Unsere größte Sorge ist erst einmal, dass die Vereine finanziell über die Runden kommen. Das Gleiche gilt natürlich für den Sportkreis. Wir müssen neue Pläne aufstellen. Wenn wir das geschafft haben, können wir uns den Zukunftsthemen zuwenden.

Ist es künftig überhaupt noch vorstellbar, dass größere Gruppen in den Vereinen, etwa bei der Skigymnastik, weiter gemeinsam in kleinen, engen Räumen trainieren?

Ich halte das für vorstellbar. Wir müssen auf diesen Weg wieder zurückfinden, gerade im Breitensport, der ja auch eine soziale Funktion hat.

Welches sind - nach Ihren Erfahrungen der letzten Wochen - die größten Sorgen und Nöte der Vereine in unserer Region?

Die meisten Gedanken machen sich die Vereine über den Erhalt der Übungsleiter, die sie einerseits weiter bezahlen müssen und unbedingt brauchen, wenn es wieder weitergeht, andererseits aber die Einnahmen durch Veranstaltungen, Sportheime etc. fehlen. Diesbezüglich sind wir dabei, vom Land Unterstützung für die Sportvereine einzuholen.

Inwieweit hilft die weltweit einzigartige Vereinsstruktur in Deutschland, die Folgen der Corona-Krise zu überwinden?

Wir haben mit fast 8000 Vereinen in Hessen Knotenpunkte, wo sich die Menschen treffen und gesellschaftlich vieles auffangen können. Man sieht ja, das in Zeiten, zu denen keine Sportangebote gemacht werden können, die Vereine dennoch da sind und sich mit vielen Angeboten und Hilfen einbringen. Das zeigt, hier ist eine Struktur vorhanden, auf die wir in Notsituationen zurückgreifen können. Das ist ein Riesenvorteil für Deutschland, den andere Länder in dieser Form nicht haben.

Die Einstellung des Sportbetriebes hat innovative Online-Angebote und E-Sport-Themen noch schneller an die Oberfläche gespült. Wird sich der organisierte Sport infolge von Corona diesen Themen nun auch stärker zuwenden?

Wir haben es noch nicht getan, werden es im organisierten Sport aber tun müssen, um diese Entwicklung nicht zu verschlafen. Dieser Teil der Sportausübung nimmt im Moment enorm zu und wird auch nicht mehr verschwinden. Wir werden aufgrund dessen neu überlegen müssen, wie wir mit diesem Teil des elektronischen Angebotes umgehen. Ich persönlich bin davon überzeugt, mit und ohne Corona, das dieser Teil der Sportbeschäftigung immer mehr zunehmen wird. Wenn man sich die jüngeren Menschen anschaut, muss man das erkennen. Ich sehe das auch nicht alternativ, sondern als eine Ergänzung des Sportangebotes. Wir werden uns damit auseinandersetzen müssen, weil ansonsten E-Sport sich immer weiter verselbstständigt und unabhängig vom organisierten Sport entwickelt. Ich aber möchte ihn gerne stärker an uns binden.

Bei all den beklemmenden Nachrichten der letzten Wochen. Liegt für den organisierten Sport in der aktuellen Situation nicht auch eine Chance für die Zukunft?

Ich bin davon überzeugt, dass das neue Überlegungen hervorruft. Wir werden im Ehrenamt positive Veränderungen erleben, wir brau- chen dann keine vierstündigen Vorstandssitzungen mit acht oder zehn Personen mehr, wir können das - wie man sieht - anders organisieren. Wir werden auch die Bedeutung der Werte und sozialen Kommunikation wieder mehr in den Vordergrund stellen.

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