Zitterpartie auf allen Ebenen

Für die Anhänger der LTi Gießen 46ers, die zu diesem Zeitpunkt schon von der traurigen Nachricht gehört hatten, war es wohl eine der skurrilsten Szenen, die es in der Sporthalle Gießen Ost je gegeben hat.

Ausgelassen feierten die Basketballer ihren 72:69 (29:37)-Coup gegen Vizemeister ratiopharm Ulm, starteten mit den Fans die Welle, der überragende Spielmacher Achmadschah Zazai initiierte die "Humba" und auf den ersten Blick wirkte zwei Tage vor Heiligabend alles wie ein perfekte vorweihnachtliche Bescherung. Einer, der wenige Augenblicke später gehemmt wirkte und gequält lächelte, war Gießens Trainer Mathias Fischer. Denn er wusste zu diesem Zeitpunkt, was seinen Spielern und vielen Zuschauern noch unbekannt war: Die LTi Gießen 46ers haben einen Insolvenzantrag gestellt und kämpfen jetzt nicht nur sportlich um den Klassenerhalt in der Bundesliga, sondern vor allem ums wirtschaftliche Überleben.

Nach den Statuten der Basketball-Bundesliga (BBL) werden den LTi 46ers durch das Stellen des Insolvenzantrags nun vier Punkte abgezogen, sodass der Abstand auf einen Nichtabstiegsplatz trotz der jüngsten Erfolge wieder vier Zähler beträgt. Wie der Klub und Jan Pommer, der Geschäftsführer der BBL, erklärten, werden die LTi 46ers weiter am Spielbetrieb teilnehmen. Allerdings zeigte sich Pommer "überrascht und irritiert" über den Schritt der LTi 46ers.

Deren Geschäftsführer Heiko Schelberg hatte bereits am Freitag beim Amtsgericht Gießen den Insolvenzantrag gestellt, weil dem Klub die Zahlungsunfähigkeit droht. Schelberg hüllte sich am Samstag in Schweigen über die Hintergründe, die zu diesem Schritt geführt haben, und verwies auf eine geplante Pressekonferenz am 27. Dezember. Am Sonntag wurde dann der Hauptgrund für die Insolvenz deutlich: Die Stadt Gießen wird dem Klub zum 1. Januar die Bürgschaft von 180 000 auf 120 000 Euro kürzen; die 46ers waren nach den Worten von Gesellschafter Frank Smajek von einem späteren Zeitpunkt der Reduzierung ausgegangen und sind so in die Schieflage geraten.

Nicht eingeweiht in die Pläne der Geschäftsführung war Trainer Mathias Fischer, der von den Vorgängen erst am frühen Samstagabend durch einen Journalisten erfuhr und gut eine Stunde vor der Begegnung gegen Ulm von Schelberg weitergehend informiert wurde. Auch Wolfgang Lust, Chef des Namenssponsors LTi, war im Vorfeld nicht unterrichtet worden und wurde am Samstagabend gegen 17.30 Uhr telefonisch vor vollendete Tatsachen gestellt.

Auch wenn die Mannschaft erst nach der Partie und der Party auf dem Feld durch den vorläufigen Insolvenzverwalter Tim Schneider von den finanziellen Schwierigkeiten ihres Arbeitgebers erfuhr, sah der Start in die Partie gegen Ulm anders aus. Ihre Angriffe verdattelten die LTi 46ers gleich reihenweise und lagen nach fünf Minuten bereits mit 2:11 hinten. Die Mannschaft wirkte, mit Ausnahme von Oskar Faßler, der erneut in der Startformation stand, gehemmt und kam erst nach Ende des ersten Viertels (11:18) in die Partie. Und wie: Angetrieben vom Publikum legten die LTi 46ers einen 12:0-Lauf aufs Parkett, und Zazai erzielte mit dem 25:24 (15.) die erste Führung der Mittelhessen.

"Gießen hat von Minute zu Minute mehr Intensität ins Spiel gebracht, und wir haben es nur phasenweise geschafft, die gleiche Intensität aufs Feld zu bringen.

Wenn wir das gemacht haben, dann haben wir uns auch relativ schnell die Führung erarbeitet", analysierte Ulms Trainer Thorsten Leibenath und brachte damit auch gut die Minuten vor der Pause auf den Punkt: Der Vizemeister erhöhte sein Engagement, nutzte seine spielerischen Vorteile und lag so nach der ersten Halbzeit mit 37:29 in Führung. Bis zum 33:42 (25.) blieb der Rückstand der Gießener konstant.

Doch dann kamen sie erneut zurück – vor allem dank Zazai, der mit zwei tollen Assists Jasmin Perkovic und Kapitän Elvir Ovcina bediente und selbst das 51:49 wenige Sekunden vor Ende des dritten Viertels mit seinem unwiderstehlichen Zug zum Korb erzielte. Die Fans standen Kopf, die Stimmung war nahe dem Siedepunkt. Die Anhänger standen weiter wie eine Wand hinter ihrem Team, auch als es fünf Minuten vor dem Ende wieder mit sieben Zählern zurücklag (56:63). "Es war unglaublich. Die Fans haben uns sehr dabei geholfen, weiter an uns zu glauben", sagte Oskar Faßler hinterher. Erneut war es Zazai, der erst mit einem ganz wichtigen Dreier sein Team auf 59:63 heranbrachte, und nachdem Ryan Brooks ebenfalls per Distanztreffer das 62:63 erzielt hatte, zeigte sich "ChaCha" an der Freiwurflinie nevenstark.

Nachdem er von Steven Esterkamp auf Höhe der Mittellinie gefoult worden war und Esterkamp sich prompt noch ein technisches Foul wegen Meckerns einhandelte, verwandelte Zazai vier Freiwürfe in Serie zum 66:63, Prowell nutzte den folgenden Einwurf mit einem ganz schwierigen Dreier aus der Ecke zum 69:63 (38.) und damit für die Vorentscheidung. Den Sieg retteten schließlich Ovcina, der 16 Sekunden vor dem Ende aus der Mitteldistanz das 72:69 markierte, und Brooks, der fünf Sekunden vor dem Ende mit einem Ballgewinn den Ulmern die letzte Chance auf einen möglichen Ausgleich raubte. Das Sonderlob von Coach Fischer hatte sich aber Zazai, der 18 Punkte und fünf Assists verbuchte, verdient: "ChaCha hat uns sehr viel Kraft gegeben und sehr viele Emotionen ins Spiel gebracht", sagte Fischer über seinen Aufbauspieler. Und Zazai selbst gab sich kurz – nachdem er die schlechte Nachricht verdaut hatte – schon wieder kämpferisch: Auf Facebook postete er: "Scheiß auf die Insolvenz! Wir schaffen das zusammen!" Markus Konle

Streit um Reduzierung der Bürgschaft für 46ers LTi Gießen 46ers stellen Insolvenzantrag

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