Wird der Stadtpokal zum Turnier der Kleinen?

700 Zuschauer kamen am Montag zum Finale des Gießener Bauhaus-Stadtpokals im Fußball. Es gibt trotzdem viele kritische Stimmen. Sie beklagen mangelnde Konkurrenz auf dem Parkett und ein sinkendes Niveau. Die Frage ist, welchen Charakter der Stadtpokal zukünftig haben soll.

Der Gießener Stadtpokal bleibt im heimischen Fußball ein Streitthema. »In dieser Konstellation überflüssig«, wie es Daniyel Bulut, Trainer des VfB 1900 Gießen, offen und ehrlich sagt. Oder doch ein alter, lieb gewonnener Gießener Brauch, der nicht wegzudenken ist? Die klassische Möglichkeit, Klein gegen Groß zu erleben – wie beim Sieg des ASV Gießen im Halbfinale gegen den VfB 1900 Gießen am Montagabend? »Der Stadtpokal ist eine Veranstaltung von großer Tradition«, sagt Uwe Blecker vom Vorstand der TSG Wieseck. Seit 1987 wird das Turnier ausgetragen. Vielen reicht die bloße Tradition nicht mehr aus.

»Früher bin ich als kleines Kind in der Halle herumgerannt und habe mitgefiebert«, meint Louis Goncalves, 23-jähriger Spieler von Hessenligist Teutonia Watzenborn-Steinberg. »Da hatte das noch eine größere Bedeutung, da war das etwas anderes.« Sein Teamkollege, der 24-jährige Kian Golafra, der mit ihm in der Osthalle auf der Tribüne sitzt, sagt: »Das Niveau ist gesunken.« Warum ist das so? Welche Perspektiven hat der Gießener Stadtpokal? Und welche Verbesserungsvorschläge gibt es? Wir beleuchten die positiven Seiten und die Problemfelder der Veranstaltung.

Die positiven Seiten

Die Stadtderbys machen den Reiz aus: Wenn im Finale wie am Montagabend der Großteil der Osthalle für den Außenseiter ASV Gießen schreit und sich das Publikum gegen den Favoriten TSG Wieseck wendet, sehen viele den Charakter des Stadtpokals symbolisiert. »Die allermeisten vereinen sich in diesem Moment gegen Wieseck«, meint Tobias Erben, Sportamtsleiter. Das Duell David gegen Goliath kann begeistern. »Ob die Stimmung bei einem Finale zwischen zwei Topteams auch so gut wäre, würde ich bezweifeln«, sagt Erben, der einräumt: »Der Stadtpokal bezieht seine Attraktivität nicht aus dem spielerischen Niveau, sondern aus den Stadtderbys.« Für die rangniedrigeren Gießener Vereine ist es eine tolle Möglichkeit, vor Publikum die Überraschung zu schaffen.

Ein idealer, traditioneller Termin: Die Zeit nach Weihnachten und vor Neujahr gehört dem Stadtpokal. Es sei ein »fester Treffpunkt: sehen und gesehen werden«, sagt Erben. Der Trainer der TSG Wieseck, Danny Kaliampos, bestätigt ihn darin: »Es ist für mich einfach Tradition. Man trifft bekannte Gesichter aus dem Fußball und unterhält sich.« Es ist ein Vorteil, der bleibt.

Die Problemfelder

Das gesunkene Niveau: Bulut geht sogar so weit, zu sagen: »Entweder man holt Qualität, oder die Veranstaltung stirbt irgendwann aus. Darauf läuft es doch hinaus.« Da mögen ihm einige widersprechen. Das Zuschaueraufkommen halbierte sich im Vergleich zum Vorjahr zwar (1500 gegenüber rund 700 in diesem Jahr), trotzdem bleibt ein Kern erhalten.

Was Bulut meint: Für sportlich Ambitionierte stirbt der Stadtpokal von der Bedeutung her aus. Von allen Seiten wird beklagt, dass das Niveau gesunken sei. »Es geht fast schon darum, die Zeit bis zum Finale zu überbrücken«, meint Kian Golafra. Früher hätten die A- oder B-Ligisten noch richtig gute, typische Hallenfußballer gehabt, meint Kaliampos. Das sei heute anders.

Zum anderen tritt der VfB 1900 Gießen nicht annähernd in Bestbesetzung an. »Das kann ich mir nicht leisten«, sagt Bulut, »die Verletzungsgefahr ist mir zu gro?. In einer Szene am Montagabend wurde sein Spieler Brian Mukasa rigoros von hinten umgegrätscht und wälzte sich am Boden. Er blieb unverletzt. Es war einer dieser Momente, weswegen der Trainer seine Besten nicht antreten lässt.

Hallenfußball bleibt ein Ersatz: Dass die Osthalle beim Stadtpokal nicht eingerannt wird, liegt nicht am Hallenfußball. Der Amateursport an sich, auch auf dem Rasen, müht sich seit Jahren um mehr Aufmerksamkeit. Bedenkt man diesen Aspekt und verbindet ihn mit der Tatsache, dass das Parkett nicht jedermanns Sache ist, werden die Erwartungen von vorneherein geringer. Klar, Hallenfußball ist »bedeutend schneller und viel individueller«, wie Louis Goncalves anmerkt. Aber eben nur ein Ersatz. Arnd Zeigler, bekannt aus seiner Sendung »Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs«, schreibt im aktuellen »mobil«-Magazin der Deutschen Bahn, dass Hallenfußball wie Fast Food sei. Das sei so etwas wie eine Ersatzdroge, aber kein richtiges Essen. Und die Veranstaltungen in der Halle eben irgendwie auch kein richtiger Fußball.

Verbesserungsvorschläge: Um das sportliche Niveau und den Wettkampfcharakter zu steigern, denken viele an eine »offene Stadtmeisterschaft« oder einen »Kreispokal«. Hessenligist Watzenborn-Steinberg sowie die Verbandsligisten aus Kinzenbach und Heuchelheim und Kreisoberligist Fernwald sollten miteinbezogen werden. »Dann würde ich mit dem VfB 1900 auch mit einer anderen Aufstellung antreten«, sagt Bulut.

Grundsätzlich könne man über alles nachdenken, sagt Tobias Erben vom Sportamt. »Aber die Gießener Fußballvereine legen sehr viel Wert darauf, gefragt zu werden.« Über eine solche Umstrukturierung würde man unter den Vereinen abstimmen. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Spätherbst, trifft sich Erben mit den Gießener Fußballvereinen. Einen »Schnellschuss«, werde es auf jeden Fall nicht geben. Überhaupt bleibt dieses Szenario unwahrscheinlich. Die rangniedrigeren Vereine schätzen den Stadtpokal sehr und werden den Charakter dieses Turniers bewahren wollen.

Eine Fokussierung auf mehr sportliche Klasse und weniger lokale Rivalität bringt nicht automatisch mehr Zuschauer. Der Globus-Mittelhessen-Cup bietet dieses Modell bereits an, wartet vom 8. bis 10. Januar in Dutenhofen wieder mit Teams wie Watzenborn-Steinberg, Kinzenbach oder Waldgirmes auf. Im letzten Jahr kamen am Finaltag 300 Zuschauer. Überlegungen, wie der Stadtpokal attraktiver gestaltet werden kann, müssen angestellt werden. Ein Patentrezept gibt es aber nicht.

»Mehr Eventcharakter«, fordern einige. Ob kürzere Pausen, mehr Halbzeitunterhaltung, Einlaufkinder, Tormusik oder das Ansagen der Torschützen – mehr Lust auf die Veranstaltung würde dem Ganzen sicher nicht schaden. Einführungen wie die Bande seit 2008 kamen durchaus gut an. Wie will man mehr Zuschauer anlocken? lautet die Königsfrage, und Tobias Erben stellt die Gegenfrage: »Wen? Wir haben schon einen hohen Frauenanteil. Kinder und Jugendliche fehlen mir dagegen etwas.« Die Gießener Vereine würden es nicht schaffen, ihre gute Jugendarbeit auf die eigenen Heimspiele zu übertragen. Sprich, die jungen Kicker zu kleinen Fans auszubilden.

Insgesamt, sagt Erben, sei das »Produkt Gießener Stadtpokal schon gut«. Die Tendenz geht bloß eindeutig hin zu weniger sportlicher Klasse. Das Turnier lebt zunehmend von der lokalen Rivalität und der Begeisterungsfähigkeit der kleineren, rangniedrigeren Vereine. Dieser Charakter muss das Turnier – Stand jetzt – tragen und am Leben halten. Sven Nordmann

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