Die Mücker Skifreunde nennen eine ausrangierte Gondel ihr Eigen.	FOTO: FACEBOOK
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Die Mücker Skifreunde nennen eine ausrangierte Gondel ihr Eigen. FOTO: FACEBOOK

Winter ohne Wintersport

  • Ralf Waldschmidt
    vonRalf Waldschmidt
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Wer in diesem Winter Ski fahren gehen möchte, braucht vor allem Geduld. Wann und ob überhaupt in Deutschland die Saison startet, ist ungewiss. Auch die anderen Alpenländer bieten Pisten-Fans nur wenig Möglichkeiten. Geschlossene Skigebiete, Quarantäne- und Maskenpflicht, keine Übernachtungs- und Gastronomieangebote, eingeschränkter Bewegungsradius. Betroffen davon sind auch Tausende Skisportler unserer Region.

Die Wintersport-Saison 2019/20 ist im vergangenen März bereits vom Corona-Abbruch beeinflusst gewesen und musste unzählige geplante Aktivitäten absagen. Noch schlimmer ist die aktuelle Situation, von der auch die Skiklubs der mittel- und oberhessischen Region stark betroffen sind, da in den heimischen Mittelgebirgen vom Sauerland/Westerwald bis in die Rhön/Spessart, vom Taunus bis zum Vogelsberg erstmals seit Jahren wieder über einen längeren Zeitraum nahezu ideale Bedingungen herrschen. Natürlich blutet neben den Wintersportlern aus den regionalen Skiclubs in Buseck, Mücke, Friedberg usw. auch den Tausenden von vereinslosen Skifahren das Herz in Anbetracht der durch Corona verhinderten Aktivitäten. Am gestrigen Freitag hat das Bundesland Sachsen mit dem verschneiten Erzgebirge sogar bereits die komplette Wintersport-Saison für beendet erklärt.

Skiclub Busecker Tal

»Die Kinder sitzen zu Hause und sind richtig traurig«, bringt Tobias Fleissner, der Vorsitzende des 550 Mitglieder starken Skiclub Busecker Tal die Gefühlslage seiner über alle Ortsteile verstreuten Wintersportler zum Ausdruck. »Wir waren am vergangenen Wochenende wenigstens mal vier Stunden Schlitten fahren im Vogelsberg, bei so langen Ferien hat das immerhin etwas Abwechslung gebracht.«

Der Wintersport im Fernsehen, die Erinnerung an die vielen schönen Freizeiten der letzten Jahre können allesamt den fehlenden Skisport nicht ersetzen. »Schon im letzten Jahr ist unsere Osterfahrt wegen Corona abgesagt worden«, sagt Fleissner, »ich befürchte, es wird diesmal nicht anders sein.« Dabei legt der Club mit seinen Übungsleitern gerade dort großen Wert auf Skikurse und Ausbildung für die Jüngsten des Vereins, der außerhalb der Wintersaison zwar auch Wandern und Nordic Walking anbietet, sich überwiegend aber als Skiclub versteht.

Nicht ohne Stolz erwähnt der Clubvorsitzende, dass sich unter den zahlreichen Übungsleitern mit Kathrin Schmidt auch eine A-Lizenz-Inhaberin befindet. »Für diese Lizenz sind die Anforderungen enorm.« In Kooperation mit dem Marburger Skiclub gibt es Fortbildungsmaßnahmen im Tannheimer Tal.

Hoch im Kurs steht - wie bei jedem Wintersportverein - die Skigymnastik, die jeden Montagabend in der Beuerner Willi-Czech-Sporthalle durchgeführt wird. Ganzjährig, da der Fitnesszustand keine Sommerpause kennt - und es im speziellen Fall einen Nach-Corona-Winter geben wird. Allerdings: die Pandemie lässt auch dieses Angebot aktuell zwangspausieren.

»Einfach wieder nur Ski fahren«, hofft Fleissner, dass für die Busecker Skisportler in diesem Winter zumindest individuell noch einmal der eine oder andere Skitag möglich ist. Gerade jetzt, wo vor der Haustür ringsum selbst in den Mittelgebirgen genug Schnee liegt, der sich hierzulande im vergangenen Jahrzehnt ja recht rargemacht hatte. Aber erstens sind die Lifte aus, zweitens ist es wegen Corona ratsam, auf Kurzausflüge in die Rhön, den Vogelsberg, den Taunus oder das Sauerland zu verzichten.

Um die Mitgliederzahl im Club macht sich Fleissner aber keine Sorgen. »Die steigt seit Jahren langsam, aber beständig. Im Gegenteil, viele unserer Aktiven fragen schon heute, wann es endlich wieder losgehen kann, und freuen sich auf unsere nächsten Sport- und Freizeit-Angebote.«

Vogelsberger Ski- u. Sportfreunde

Die Nähe zum Hoherodskopf macht das Wirken der Vogelsberger Ski- und Sportfreunde aus Mücke besonders attraktiv. »Mir blutet das Herz«, macht der Vorsitzende Oliver Geißler denn auch aus seinem Herzen keine Mördergrube, wenn er danach gefragt wird, was er bei den TV- und Nachrichtenbildern aus den tief verschneiten deutschen Mittelgebirgen sowie aus den pistenleeren Alpen empfindet. Nicht wegen der Corona-Problematik, da ist weniger mehr. Bei Sonne und Schnee satt über Weihnachten und zum Jahreswechsel sowie in der letzten Ferien-, der »Hessenwoche« - da lacht üblicherweise jedes Skifahrerherz.

Derzeit liegen am Hoherodskopf 30 bis 40 cm Schnee, das ist auch für den »Hausberg« eine Seltenheit. Hervorragende Bedingungen für Langlauf und Abfahrt also - aber das Skigebiet ist wegen des unkontrollierbaren Massenandrangs über den Jahreswechsel mittlerweile gesperrt. Was für aktive Wintersportler doppelt bitter ist.

Der Mücker Club ist in den vergangenen zehn Jahren stetig gewachsen, hat sein Angebot (u. a. eine Radsportgruppe) erweitert und somit die Mitgliederzahl von vormals 106 auf aktuell 311 (!) gesteigert. Der Kern der Mitglieder kommt aus der Großgemeinde, vereinzelt werden Mitgliedschaften aber auch aus Freiburg, Frankfurt oder dem Allgäu verzeichnet. Der Wintersport steht zwar weiterhin im Mittelpunkt, aktiv ist der Club aber das ganze Jahr über. Feierlichkeiten zum 2021 anstehenden 30-jährigen Jubiläum gibt es coronabedingt aber keine. Auch die Freizeiten im Januar nach Südtirol, Februar in den Allgäu sowie im März ins Stubaital (seit 18 Jahren) müssen ausfallen.

»Unsere Skigymnastik ist unverändert beliebt«, sagt Geißler, auch wenn diese dienstags im Dorfgemeinschaftshaus Nieder-Ohmen aktuell ebenfalls nicht stattfinden kann. »20 bis 35 Mitglieder besuchen wöchentlich die Kurse«, ist Geißler stolz, »hieraus ergeben sich auch immer wieder neue Mitgliedschaften.«

»Gesund bleiben und irgendwann wieder ins normale Vereinsleben zurückkehren«, wünscht Oliver Geißler sich, der Mücker Klubfamilie und allen Wintersportlern der Region, die es ohnehin nie leicht haben. Ein Fernziel haben die Vogelsberger Skisportler aber schon wieder, die verschobene Kanada-Skireise soll 2022 zum nächsten Höhepunkt der Vereinsgeschichte werden.

Skiclub Friedberg

Die Zeiten, als die Region Mittel- und Oberhessen mit ihren »Hausbergen« im Winter hinreichend mit Schnee versorgt war und an jedem Wochenende aus der Wetterau sogar ein Skibus zum Hoherodskopf fuhr, sind lange vorbei. Auch die traditionsreichen Clubmeisterschaften, zuletzt nur noch im Schwarzwald oder Allgäu möglich, sind Geschichte. Dennoch bietet der 800 Mitglieder starke Skiclub Friedberg noch immer ein attraktives Angebot an sportlichen Aktivitäten, Fahrten und Veranstaltungen, die den Zusammenhalt fördern. »Leider ist das aktuell alles nicht möglich«, hat der Vorsitzende Stephan Adam gerade erst die Skitour ins Kleinwalsertal absagen müssen. Dass zudem in diesem Winter vor der eigenen Haustür super Bedingungen herrschen, »tut einem Skifahrer natürlich in der Seele weh«, fährt Adam fort, hofft aber, »vielleicht im Spätwinter wie geplant am Brenner oder im Engadin noch einmal auf die Bretter steigen zu können«.

Kurz vor dem Gespräch hat Adam noch einen Blick auf die Webcam im Engadin geworfen und den »fast leeren Pisten bei traumhaften Bedingungen« nachgetrauert. Wenn Corona nicht wäre, könnten die Friedberger Clubmitglieder in Gruppen hierzulande wenigsten dem Langlauf nachgehen, »schließlich hatten wir solch stabilen Wintersportverhältnisse wie sie derzeit in den Mittelgebirgen herrschen schon lange nicht mehr.

Sollte in diesem Winter wegen der Pandemie der Wintersport komplett ausfallen, so setzt der Clubvorsitzende auf die Vereinsangebote im Frühjahr, Sommer und Herbst: dass sich die Wanderer wieder donnerstags treffen können, auf der Seewiese Seniorensport und Pilates angeboten und im Hinblick auf den nächsten Winter wieder mit der ewig-trendigen Skigymnastik losgelegt werden kann.

»Ein paar wenige Austritte aus dem Verein hat es aufgrund der weggefallenen Angebote zwar schon gegeben«, räumt Adam ein, »ich denke aber, das hält sich im erträglichen Rahmen. Die Rückkehr in das Vereinsleben, das auch seinen Namen verdient, wünscht man sich beim Friedberger Club, auch wenn man aktuell mithilfe von Online-Angeboten den Sport und die sozialen Kontakte einigermaßen zu verbinden versteht.

Zum Clubleben zählt elementar der seit fast 50 Jahren durchgeführte Skibasar im November, bei dem sich Klein und Groß, Jung und Alt für den bevorstehenden Skiwinter mit entsprechendem Equipment zu adäquaten Preisen eindecken können. Und die gut 25 Übungsleiter, Trainer und Skilehrer des Clubs hoffen zugleich auf ihre turnusgemäßen Fortbildungsmaßnahmen in den Bergen.

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