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Der Gießener Julian Salmonn beim einfüßigen Back-Loop.

Windsurf-Stern

Windsurfen: Julian Salmonn aus Gießen will Weltmeister werden

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Julian Salmonn ist der neue Stern am Windsurfhimmel. Mit 14 hat er Gießen verlassen und auf Teneriffa alles getan, um seinen Traum zu realisieren. Nun peilt der 20-Jährige den Weltmeistertitel an. Ihn fasziniert beim Waveriding das Spiel in den Wellen.

Aktuell ist Julian Salmonn auf Gran Canaria - der ersten Station des World Cups (live unter www.pwaworldtour.com). Es folgen für die Waveride-Spezialisten Teneriffa und Sylt, ehe Ende Oktober der Abschluss auf der hawaiianischen Insel Maui ansteht. Salmonn rechnet sich überall Chancen aus. Im Interview verrät er uns, was in den letzten Jahren alles passiert ist.

Von Gießen nach Teneriffa. Wie das?

Julian Salmonn:Der Kontakt zu einer Gastfamilie auf Teneriffa kam während eines Familienurlaubs auf der Insel über Freunde. Schnell wurde mir klar, dass dies eine tolle Chance war, regelmäßig Windsurfen zu können. Ich habe mich dann an der Deutschen Schule beworben, an der auch die drei Kinder der Gastfamilie waren. In der Familie wurde ich dann herzlich für zunächst einmal geplante zwölf Monate aufgenommen. Ich war zu dem Zeitpunkt noch keine 15 Jahre alt, konnte damit aber meinem Traum vom Leben am Meer einen Schritt näher kommen. Schließlich wollte ich schon mit sechs Jahren Windsurfprofi werden.

Konnten Sie schon spanisch?

Salmonn:Spanisch musste ich erst lernen, aber durch die vielen Kontakte in der Schule und in der Familie ging es schnell.

Tausende Kilometer weg von Ihren Eltern. Wie haben Sie das in den jungen Jahren verkraftet?

Salmonn:Meine Eltern und Geschwister haben mich in jedem Urlaub besucht, schließlich surfen sie auch alle gerne. Auch über Skype kann man sehr gut und kostengünstig in Kontakt bleiben. Dennoch gab es manchmal schon Tage, an denen ich die Familie vermisst habe, aber die Vorfreude auf den nächsten Surftag war dann doch immer größer als das Heimweh.

Warum haben Sie den Entschluss gefasst, Windsurfprofi zu werden?

Salmonn:Das war schon immer mein Traum, dass es aber dann doch so schnell ging, hat mich überrascht. An meinem 18. Geburtstag habe ich in der ersten Runde im World Cup auf Teneriffa knapp gegen den mehrmaligen Weltmeister Philip Köster verloren. Ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass ich eine echte Chance habe, es zum Profi zu schaffen. Der Sport ist mittlerweile so speziell, dass es nur mit viel Training möglich ist, ganz vorne mitzufahren. Als Amateur hat man kaum eine realistische Chance, da die Trainingszeit auf dem Wasser einfach nicht ausreicht.

Wann kam die Spezialisierung zum Waveriding?

Salmonn:Das ›Spiel‹ in den Wellen hat mich vom ersten Moment an fasziniert. Die Kombination von dynamischen Wellenritten, Manövern und Sprüngen in sich ständig ändernden Bedingungen begeistert mich noch immer total. So richtig gepackt hat es mich dann aber erst in der Zeit auf Teneriffa. Häufig komme ich an guten Tagen tatsächlich immer noch als Letzter vom Wasser.

Was ist dabei Ihre Spezialität?

Salmonn:Mein Lieblingsmanöver ist sicher das klassische Abreiten einer Welle. Dazu sucht man sich in einem Set (die Wellen kommen fast immer in Gruppen, Sets von fünf bis acht Wellen, hintereinander an den Strand oder brechen über einem Riff) die jeweils beste bzw. größte Welle aus. Mit dem Schwung der Welle dreht man dann in Richtung des brechenden Teils (button-turn), fährt diesem Abschnitt möglichst senkrecht entgegen, um dann im richtigen Moment auf dem höchsten Punkt wieder in Richtung Strand (cut-back) zurückzudrehen. Wenn alles dynamisch genug ausgeführt wird, entsteht hierbei ein Spray durch die Finnen des Boards, und der Wellenschub beschleunigt Fahrer und Board zum nächsten button-turn. Es entsteht bei diesem Spiel mit der natürlichen Kraft der Wellen für den Fahrer ein fast unbeschreibliches Gefühl.

Wie läuft ein World Cup ab?

Salmonn:Zunächst muss man sich für die jeweilige Setzliste qualifizieren. Das gelingt über die Vorjahresplatzierung oder in jedem Event auch über entsprechende Vorläufe. Im ersten Wettkampf (Single Elemination) fahren dann im Rahmen einer Baumstruktur (wie bei Tennisturnieren) jeweils zwei Fahrer in einem heat (Dauer ca. 15 min) gegeneinander. In dieser Zeit vergibt eine Jury Punkte je Manöver und je Sprung, immer die zwei Besten kommen jeweils in die Endbewertung. Dabei zählen zum Beispiel die Höhe der Sprünge, die Schwierigkeit der Durchführung oder eine saubere Landung. Es gewinnt jeweils der Fahrer mit der höchsten Punktzahl je Lauf. In einem World Cup gibt es immer auch eine Double Elemination, also eine zweite Chance für alle Fahrer.

Welches Ziel haben Sie beim Start auf Gran Canaria, welches in naher Zukunft?

Salmonn:Mein Ziel in diesem Jahr ist es, bei allen World Cups unter die Top10 zu fahren. In naher Zukunft möchte ich es unter die Top5 schaffen. Und wenn alles passt, vielleicht sogar am Ende einmal ganz oben zu stehen und Weltmeister zu werden.

Kann man vom Windsurfen leben?

Salmonn:Wirklich nachhaltig leben können von diesem Sport nur sehr wenige. Der Reise- und Materialaufwand ist über das Jahr gesehen schon sehr hoch. Schließlich benötigt man für wirklich gute Resultate auch entsprechend viele Trainingsstunden auf dem Wasser und vielleicht sogar einen Trainer. Sehr gute Unterstützung habe ich aktuell für Boards, Segel etc. mit der deutschen Firma Gunsails. Grundsätzlich bin ich aber immer auf der Suche nach Sponsoren und freue mich über jedes Angebot, gerne auch von hessischen Unternehmen, die durchaus Produkte für diese Zielgruppe produzieren.

Gibt es Preisgelder?

Salmonn:Preisgelder gibt es von der PWA je nach Platzierung, allerdings sind diese sehr schwankend und nur für die Top3 wirklich attraktiv. Für viele Teilnehmer werden oft nicht mal die Reisekosten abgedeckt.

Was braucht ein Anfänger, welche Kosten kommen auf ihn zu?

Salmonn:Zum Start sollte man die Grundlagen, egal in welchem Alter, am besten in einem Kurs erlernen. Das kann man im Gießener Raum über den Windsurfclub am Aartalsee organisieren. Wenn man dann ein eigenes Board anschaffen möchte, bekommt man für rund 1000 bis 1500 Euro gebraucht bereits eine gute Grundausstattung. So ausgerüstet, gilt dann auch für den Anfänger, dass er möglichst viel Zeit auf dem Wasser verbringen sollte. In einem 14-tätigen Sommerurlaub kann man schon sehr viel lernen und das Gefühl genießen, nur mit der Kraft des Windes über das Wasser zu gleiten.

Wie gestaltet sich Ihr Training, was müssen Sie körperlich zusätzlich tun, um Ihren Sport auszuüben?

Salmonn:Das Training ist eigentlich sehr abwechslungsreich. Neben den klassischen Ausdauer- und Krafteinheiten wird auch viel Koordination trainiert. Die Sprünge sind technisch sehr anspruchsvoll - die Frontloops werden ja mittlerweile doppelt gesprungen - und erfordern eine entsprechende Koordinationsfähigkeit. Daher gehört zu einem guten Training auch immer eine Videoanalyse. In der Urlaubszeit übernimmt das Filmen gerne mal mein Bruder. Seit diesem Jahr habe ich auch einen Trainingspartner vor Ort. Mit Dany Bruch trainiere ich so oft es geht gemeinsam. Er fährt die PWA-Wettkämpfe schon seit einigen Jahren und kann mir mit seiner Erfahrung viel weiterhelfen.

Gab es mal eine schwere Verletzung?

Salmonn:Ich habe mir vor vier Jahren beim Training auf Teneriffa den Fuß kompliziert gebrochen. Das wurde dann auch in Gießen operiert, ist aber wieder komplett verheilt.

Haben Sie noch Kontakt zu ehemaligen Freunden aus Gießen? Schauen die auch einmal bei Ihnen vorbei?

Salmonn:Durch die vielen Reisen bin ich ständig unterwegs. Wenn ich dann mal für längere Zeit auf Teneriffa bin, besuchen mich auch immer wieder Freunde oder die Familie. Darauf freue ich mich dann besonders.

Was schätzen Sie neben dem Windsurfen am meisten an Teneriffa?

Salmonn:Auf den kanarischen Inseln kann man über das ganze Jahr hinweg bei angenehmen Temperaturen trainieren. Das schätzen auch Sportler aus vielen anderen Bereichen - wie zum Beispiel die Triathleten. Der Surfspot liegt nur 500 m von unserer Wohnung entfernt, und so verpasse ich keine Minute mit guten Bedingungen auf dem Wasser.

Wie ist es, da zu wohnen, wo andere ihren Urlaub verbringen?

Salmonn:Viele Urlauber kommen eher zum Baden und zum Strandurlaub auf die Insel. In El Medano, dem Ort, wo ich wohne, weht aber ständig ein starker Wind, das hält die nicht surfenden Urlauber fern. In dem kleinen Ort gibt es somit eine interessante Mischung aus Einheimischen und sportbegeisterten Surfern. Insgesamt ist es schon ein großes Privileg, dieses Leben aktuell so zu führen, und ich bin mir der besonderen Situation sehr wohl bewusst.

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