Williams versetzt Fans in Freudentaumel

5:41 Minuten waren im dritten Viertel der Bundesliga-Partie LTi Gießen 46ers gegen die Walter Tigers Tübingen noch zu spielen. Die Gastgeber lagen mit 42:54 in Rückstand, als Tübingens Aleksandar Nadifeji aus gut zwei Metern Entfernung einen Wurf gen Gießener Korb schickte. Der Ball drehte sich zwei unendlich lange Male auf dem Ring, ehe er doch herunter und in die Arme von 46ers-Spieler Maurice Jeffers fiel. Ein Wendepunkt in dieser Basketball-Begegnung, denn nach dieser Situation gelang den Gästen fünf Minuten lang kein Punkt mehr, während die Gastgeber erst jetzt richtig im Spiel waren und am Ende einen 70:68 (35:46)-Sieg feierten.

5:41 Minuten waren im dritten Viertel der Bundesliga-Partie LTi Gießen 46ers gegen die Walter Tigers Tübingen noch zu spielen. Die Gastgeber lagen mit 42:54 in Rückstand, als Tübingens Aleksandar Nadifeji aus gut zwei Metern Entfernung einen Wurf gen Gießener Korb schickte. Der Ball drehte sich zwei unendlich lange Male auf dem Ring, ehe er doch herunter und in die Arme von 46ers-Spieler Maurice Jeffers fiel. Ein Wendepunkt in dieser Basketball-Begegnung, denn nach dieser Situation gelang den Gästen fünf Minuten lang kein Punkt mehr, während die Gastgeber erst jetzt richtig im Spiel waren und am Ende nach Lorenzo Williams’ Korbleger in der Schlusssekunde einen wichtigen und verdienten 70:68 (35:46)-Sieg feierten.

Das sah bis zur Halbzeit und kurz danach nicht so aus. Die von Cheftrainer Vladimir Bogojevic vor der Partie ausgegebene Losung, mit einer intensiveren Defense als noch im Hinspiel, als man 105 Punkte kassierte, zu agieren, wurde von seiner Mannschaft fast schon auffallend ignoriert. Anstelle von knallharter Verteidigung zeigten die Gießener die Weichei-Version einer Defense, ließen im ersten Viertel 27 Zähler zu und bekamen keinen ihrer Gegenspieler in den Griff.

Ob Michael Jenkins (fünf Assists im ersten Viertel), Romeo Travis (sieben Punkte) oder Nadifeji (sechs Zähler) - in fast allen Duellen zogen die Hausherren den Kürzeren.

Auf der Gegenseite drohte wie bereits zwei Wochen zuvor ein Debakel, als Maurice Jeffers nach zweieinhalb Minuten bereits sein zweites Foul kassierte und Star-Center Elvir Ovcina nicht so spielte, als hätte er seine Verletzung auskuriert. Stattdessen setzte der Bosnier fünf seiner sieben Wurfversuche daneben. Dennoch gelang es den 46ers, bis zum Viertelende an den Tübingern dranzubleiben (23:27), da der Angriff funktionierte. Nach der ersten Viertelpause hieß die Offensive aber nur noch Jeffers, der genau zehn Spielminuten nach seinem zweiten sein drittes Foul kassierte und erst einmal auf die Bank beordert wurde. Als das Geburtstagskind, das am Samstag 31 Jahre alt wurde, am Spielfeldrand Platz genommen hatte, lief bei den 46ers zeitweise nichts mehr. Vorne wurde überhastet abgeschlossen und somit jene Ängste an das Hinspiel heraufbeschworen, als man eben genau dieses versucht hatte und jämmerlich scheiterte. Hinten kollabierte die Zonenverteidigung bei einem Dunk von Tübingens Jay Thomas vollständig, die 46ers lagen mit zwölf Punkten zurück (31:43, 18.

). Doch die Auswechslung von Ovcina, für den Jannik Freese auf das Feld kam, stellte einen ersten Wendepunkt dar. Plötzlich packte Gießen fester zu, der Überlebenswillen manifestierte sich im Slamdunk von Max Weber, der zuvor Steven Wright an der Mittellinie den Ball stibitzt hatte. Die beiden Deutschen holten sich nach dem Spiel ein Sonderlob bei Bogojevic ab: »Max und Jannik haben uns heute die nötige Intensität in der Verteidigung gegeben.« Schade, dass Gießen dann die Chance mit der Schlusssirene per Dreier zu verkürzen, nicht nutzte: Anstatt einen Distanzwurfspezialisten wie Osvaldo Jeanty oder Stevan Tapuskovic bei dem Einwurf mit 0,9 Sekunden Restspielzeit in eine aussichtsreiche Position zu bringen, musste Center Freese den Wurf nehmen, die 46ers gingen mit einem 35:46 in die Pause.

In der Kabine tat Bogojevic dann nach eigenen Angaben das, was die Fans in diesem Moment auch getan hätten: »Ich habe an den Charakter appelliert. Ich will nicht Teil eines Teams ohne Charakter sein.« Dennoch dauerte es bis zur eingangs erwähnten Szene, bis endlich alles im Gießener Spiel passte. Auf den Rebound von Jeffers folgten zwei Zähler durch Kevin Johnson, ein Distanztreffer von Jeffers, zwei Punkte von Freese und sechs weitere Zähler Jeffers’, darunter vielleicht der spektakulärste Dunk des Jahres, als er an der linken Grundlinie entlang zum Korb zog, seinen Gegenspieler einfach stehen ließ und über nicht weniger als drei Tübinger mit einer Hand stopfte. Vielleicht aber am Wichtigsten: Mit diesem Lauf kehrten die Zuschauer, die in der ersten Halbzeit eher passiv geblieben waren, in die Partie zurück und sorgten fortan für gute Stimmung. Nun griff auch die defensive Ausrichtung, die Bogojevic gefordert hatte, nur zehn Punkte ließen die Gießener im dritten Viertel zu, mit 53:56 ging es in die letzten zehn Minuten.

Dort entwickelte sich ein Krimi, mit Führungswechseln en masse. Die 46ers hatten nun neben der deutlich erkennbaren Leistungssteigerung auch das nötige Quäntchen Glück, als einige Würfe der Tübinger sich wieder aus dem Korb drehten und auch die Referees strittige Entscheidungen eher für die Mittelhessen als für die Gäste pfiffen. Entscheidend allerdings war, dass die Bogojevic-Truppe in der letzten Minute vielleicht zum ersten Mal in dieser Saison als eine Solche spielte - als eine Truppe von Spielern, die auf ihren Headcoach hören: »Endlich haben wir eine Schlussphase so gespielt, wie wir das abgesprochen hatten«, freute sich auch Bogojevic. Mit 15 Sekunden auf der Uhr foulte Lorenzo Williams, der kurz zuvor den Ball nach einem Doppeldribbling verloren hatte, Tübingens Aufbauspieler Branislav Ratkovica, nicht unbedingt als der sicherste Freiwurfschütze bekannt, aber bis dahin noch fehlerfrei von der Linie. Der Serbe zeigte Nerven, sodass es beim 68:68 blieb. Auch die Gäste versuchten, clever zu agieren, nutzten ihr verbliebenes Teamfoul aber vielleicht einen Tick zu früh, als sie Williams 4,6 Sekunden vor dem Ende foulten.

Und genau diese 4,6 Sekunden reichten für den Gießener Aufbauspieler nach dem erneuten Einwurf, um den Ball in der Mitte zu bekommen, mit viel Tempo an seinem Gegenspieler Wright vorbeizuziehen, kurz abzustoppen, um Wright zu verladen, und dann, inklusive eines Wechsels auf seine starke linke Hand, mit der Schlusssirene abzulegen und die Fans in der Osthalle so in einen Jubeltaumel zu versetzen - eine Aktion, die Bogojevic später völlig zu Recht als »abgebrüht« bezeichnete.

»Wir haben heute zwei Gesichter gezeigt«, war auch Bogojevic nach der Partie klar. »Zu Hause 46 Punkte in einer Halbzeit kassiert zu haben, ist zu viel. In der zweiten Halbzeit haben wir dann nur 22 Punkte zugelassen, das ist das Ergebnis von 20 Minuten hartem Kampf«, analysierte der Headcoach der Gießener, die diesen Sieg angesichts des Düsseldorfer Erfolgs eine Woche zuvor dringend brauchten. »Das war ein Sieg der Einstellung und des Willens«, stellte Bogojevic treffend fest. Denn genau auf diese Tugenden müssen sich die Gießener in den verbleibenden vier Spielen besinnen. Diese Tugenden waren es, die in der ersten Halbzeit fehlten und die in der zweiten Hälfte den Unterschied ausmachten.

Und sollte es Bogojevic gelingen, diese Tugenden seiner Mannschaft für die verbleibenden Spiele in Ulm, gegen Bamberg und Bonn sowie in Weißenfels einzuimpfen, ist der Klassenerhalt ganz nah. Martin Vogel

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